Regatta

Vendée Globe: der letzte Sprint für den Sieger der Herzen

Die Entscheidung über Sieg und Podiumsplätze steht kurz bevor. Boris Herrmann kämpft um jeden Meter, wird im Ziel sehnsüchtig von Familie und Freunden erwartet

Tatjana Pokorny am 27.01.2021
Vendée Globe 2020/2021
Screenshot/#VG2020

Das spannende Schluss-Szenario für den Tag (und die Nacht) der Entscheidung

Die 9. Auflage der Vendée Globe bleibt spannend bis in Ziel: Hinter Spitzenreiter Charlie Dalin, der um 4 Uhr morgens am 27. Januar nur noch 261 Seemeilen bis ins Ziel zu segeln hatte, haben sich die Verfolger zum letzten Sprint formiert. Ihre Positionen dafür haben sie schon vor Tagen festgelegt. Während Dalin und der am sehr frühen Morgen nur noch 49 Seemeilen hinter ihm liegende Boris Herrmann ihr Glück vor Kap Finisterre suchen, hat die "Nord-Gruppe" in der Nacht zum Mittwoch bei ihrer Aufholjagd erneut Boden gutgemacht. Vom letzten zum aktuellen Positionsbericht konnte vor allem Yannick Bestaven dichter an die Spitze heranrücken, verkürzte seinen Rückkstand auf Charlie Dalin binnen sechs Stunden in besseren Winden um imposante 57,5 Seemeilen und wahrte mit Blick auf seine Zeitgutschrift von 10 Stunden und 15 Minuten in Folge seiner Beteiligung an der Rettungsmission für Kevin Escoffier im Südatlantik seine Siegchancen.

Vendée Globe 2020/2021

Charlie Dalin wird die Ziellinie auf "Apivia" voraussichtlich als Erster erreichen. Doch zu welchem Platz wird sein Vorsprung auf die Verfolger mit Blick auf die Zeitgutschriften in deren Taschen reichen?

Vendée Globe 2020/2021

Die Positionen am 27. Januar um 4 Uhr morgens. Gut zu erkennen ist der "Split" in der führenden Gruppe: Dalin und Herrmann bei Kap Finisterre und die Verfolger im Norden

Vendée Globe 2020/2021

Louis Burton

Vendée Globe 2020/2021

Yannick Bestaven

Auf dem Wasser ist "Apivia"-Skipper Charlie Dalin bei knapp 50 Seemeilen Vorsprung vor Boris Herrmann auf den letzten Seemeilen des Rennens um die Welt kaum noch einzuholen. Doch die Aufholjagd seiner Verfolger Boris Herrmann, Louis Burton, Thomas Ruyant und Yannick Bestaven ist furios. Der 36-jährige Dalin aus Concarneau in der Bretagne muss im Kampf um die Krone aktuell vor allem den 48-jährigen Yannick Bestaven (Maître Coq IV") aus La Rochelle fürchten, der ihm inklusive seiner Zeitgutschrift gefährlich nahe gekommen ist.

Auch der als Zweiter stark im Rennen liegende Boris Herrmann kämpft noch um einen Podiumsplatz, konnte vom letzten bis zum aktuellen Positionsreport am frühen Morgen 23,2 Seemeilen auf Dalin gutmachen und ist seinem vor dem Rennen insgeheim gehegten Traum von einer Platzierung in den Top Fünf mehr als nah. Der 39-Jährige aus der Hamburger HafenCity darf im Ziel aufgrund seiner Beteiligung an der Escoffier-Rettungsmission im Südatlantik noch sechs Stunden von seiner Gesamtsegelzeit abziehen und könnte – auch in Abhängigkeit vom Verlauf der Verfolgungsjagd hinter ihm – noch aufs Podium segeln. Sogar der ebenfalls aufholende, auf Platz acht liegende Jean Le Cam ist mit seiner Wiedergutmachung von 16 Stunden und 15 Minuten noch nicht ganz aus dem Rennen um eine vordere Platzierung. Es könnte in der Endabrechnung für die Top Fünf um Minuten gehen.

Vendée Globe 2020/2021

Jetzt schon Sieger der Herzen: "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco"-Skipper Boris Herrmann

Würdige Sieger wären die an diesem Segelkrimi beteilgten Skipper alle. Über bislang 80 Tage und Nächte haben sie einem Millionenpublikum die packendste aller Vendée-Globe-Editionen seit der Premiere 1989/1990 geboten und das Rennen mit ihren Stärken und Schwächen geprägt. Boris Herrmann ist schon vor dem Zieldurchgang in seiner Heimat Sieger der Herzen. Bis zum Tag nach diesem spektakulären Finale werden über den jungen Familienvater und sein Team Malizia allein in Europa mehr als 20.000 geschriebene Nachrichten, Berichte und Reportagen veröffentlicht worden sein. DSV-Präsidentin Mona Küppers, die mit Herrmann am Tag und auch in manchen Nächten mitfieberte, sagte: "Ich kann mich an keine Zeit erinnern, in der Segeln so prominent in den Medien war wie jetzt mit Blick auf Boris Herrmann. Er ist ein Glücksfall für den deutschen Segelsport, Sinnbild und Vorbild für eine neue Generation."

"Wie ein Kind zu Weihnachten": Auf den letzten Seemeilen gibt Boris Herrmann tiefe Einblicke in seinen Gemütszustand

Boris Herrmann selbst steuerte die Ziellinie entschlossen an, blieb aber vom hochspannenden Schlussakt nicht unbeeindruckt. Als er am Abend des 79. Tages auf See Les Sables-d'Olonne im Nebel entgegensegelte, sagte er: "Die finalen Meilen! Ich bin ehrlicherweise ein bisschen aufgeregt. Es fühlt sich etwas merkwürdig an: Wir haben uns dieser Seite verpflichtet, während die anderen Jungs im Norden segeln. Es ist so schwer vorherzusagen. Ich kann nur so gut segeln wie möglich. Du kannst nicht viel mehr machen, als einen smarten Moment für die Halse zu wählen, dein Segel etwas dichter nehmen, etwas effizienter hier und da sein. Das ist es. Die Würfel sind gefallen, die Karten liegen tatsächlich schon seit einer Weile auf dem Tisch. Ich glaube, es sind die aufregendsten Momente, die ich mir je habe vorstellen können. Es ist aufregender, als ich es mir wünschen würde. Ich weiß nicht, ob ich jemals so aufgeregt war. Wie ein Kind zu Weihnachten."

Der Showdwon in der Biskaya steht kurz bevor, steigt heute Abend und dürfte bis zum Morgen des 28. Januars entschieden sein. Wie sich die Wahl des direkteren, kürzeren Kurses seitens Dalin und Herrmann oder die Entscheidung zugunsten der längeren, aber schnelleren Nordroute für Louis Burton ("Bureau Vallée 2"), Thomas Ruyant ("LinkedOut") und Yannick Bestaven auszahlen, entscheidet sich über Nacht. Gut zu wissen für Fans: Sobald das führende Boot nur noch 200 Seemeilen von der Ziellinie entfernt ist, werden die Positionsberichte auf der Vendée-Globe-Homepage alle 30 Minuten aktualisiert. Ist der Spitzenreiter nur noch 60 Seemeilen von der Linie vor Les Sables-d'Olonne entfernt, kommen die Updates alle fünf Minuten. Die Rennleitung hat die Ziellinie aufgrund der möglichen gleichzeitigen Ankunft mehrerer Boote in Übereinstimmung mit Artikel 9.1 in der Segelanweisung von 0,3 auf 1,9 Seemeilen Länge erweitert. Der ehemalige Teilnehmer Yann Eliès sagte: "Und jetzt sind wir da. Wir müssen nur geduldig sein und warten, was bis zu den ersten Booten im Ziel geschieht. Lasst die Magie des Sports wirken."

Hier geht es zum Tracker und den Zwischenständen (bitte klicken!).

Tatjana Pokorny am 27.01.2021

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