Regatta

Vendée Globe: Der "Boss" muss bangen, Herrmann rückt vor

Während Rennfavorit Alex Thomson seine Führung verloren hat und mit einem Schaden in der Bugsektion ringt, hat sich Boris Herrmann auf Platz sechs vorgearbeitet

Tatjana Pokorny am 22.11.2020
Vendée Globe 2020
#VG2020

Hier war trotz des "wilden" Bildes noch alles okay mit "Hugo Boss", doch an diesem Wochenende ist Skipper Alex Thomason als "Boss, der Baumeister" gefordert

Eben hatte er die Vendée-Globe-Flotte noch als fulminanter Spitzenreiter angeführt, doch nun muss Alex Thomson kämpfen und bangen. Während Boris Herrmann zum Ende der zweiten Woche immer besser in Fahrt kommt und zuletzt auf Rang sechs vorrückte, ist Thomson nach seiner Entdeckung von Strukturproblemen in der Bugsektion bereits auf Platz drei hinter Thomas Ruyant ("LinkedOut") und Charlie Dalin ("Apivia") zurückgefallen.

Vendée Globe 2020/2021

Die Zwischenstände an Tag 14 (12 Uhr)

Sein Team hatte Thomson bereits am Samstagabend über den erschreckenden Befund im Rahmen eines Routine-Checks informiert. Der Beschreibung nach handelt es um Delamination in den Längsstringern im Bugbereich. Während Thomson selbst umgehend sein Tempo drosselte und eine Mütze Schlaf nahm, haben an Land die Konstrukteure und Strukturexperten die Nacht durchgearbeitet und einen Reparaturplan für den "Boss" ausgearbeitet. Diesem folgt Thomson seit dem frühen Sonntagmorgen. Thomsons Technik-Direktor Ross Daniels sagt: "Alex hat alle notwendigen Materialien an Bord und einen detaillierten Plan bekommen. Ein Team von Weltklassekonstrukteuren berät ihn. Wir glauben deshalb an seine Fähigkeiten, diese Reparatur erfolgreich ausführen zu können." Rund 900 Seemeilen entfernt von Rio de Janeiro lässt Thomson seine "Hugo Boss" mit vier Knoten Fahrt treiben, während er die erforderlichen Arbeiten ausführt. Der 46-Jährige war nach zwei Ausfällen, einem zweiten und einem dritten Platz mit erklärten Siegabsichten in seine fünfte Vendée Globe durchgestartet.

Vendée Globe 2020

Eines der ersten Drohnenbilder von Boris Herrmann bei seiner Vendée-Globe-Premiere

Vendée Globe 2020

Boris Herrmann

Bei seiner ersten Solo-Weltumsegelung Vendée Globe kommt Boris Herrmann zunehmend gut in Fahrt: Der 39-jährige Hamburger rückte zwei Wochen nach dem Start im Südatlantik mit seiner Yacht "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco" im Feld der 32 Boote auf Platz sechs vor. "Mir geht es gut. Und meinem Boot auch. Das ist das Wichtigste", vermeldete Herrmann von See. Am 14. Tag auf See macht Herrmann einen ausgeglichenen Eindruck. Sein Rückstand auf den fünftplatzierten Kevin Escoffier auf "PRB" ist auf deutlich unter 50 Seemeilen reduziert. Man merkt ihm in erfrischender Weise an, was er selbst sagt: "Ich habe meinen Rhythmus gefunden."

Boris Herrmann zieht eine Bilanz seiner ersten beiden Vendée-Globe-Wochen

Isabelle Joschke im Reparatur-Marathon

Zeitgleich hat "MACSF"-Skipperin Isabelle Joschke mit einer ganzen Reihe von Herausforderungen zu kämpfen. Die mit rund 850 Seemeilen Rückstand auf die Spitzenreiter auf Platz 15 liegende Deutsch-Französin beschreibt die Achterbahnfahrt durch ihre ganz persönliche Vendée-Globe-Welt ungeschminkt und offen:

Ich habe mich vom Drama der vergangenen Nacht erholt und konnte mich gut ausruhen. Die Segelbedingungen sind recht ruhig, was mir hilft, die Dinge perspektivisch zu sehen und mich auf See gut fühlen zu lassen. Es ist ziemlich cool heute morgen: Die Bedingungen sind gut für meine Foils. Mittlere Winde und eine glatte See: Das Boot hat in den letzten 24 Stunden nur wenige Geräusche gemacht. Es zittert aber ziemlich stark, und es ist unmöglich zu schreiben oder wenigstens zu tippen. Diese Geschwindigkeit wird sich fortsetzen, was keine schlechte Sache ist: Es bedeutet, dass ich ich den schnellsten Kurs zum Ziel steuern kann. Ich habe das Optimum meines Geschwindigkeitspotenzials noch nicht erreicht, aber es geht schnell genug, und ich kann meine Batterien wieder ein wenig aufladen.

Es gibt eine Liste technischer Probleme, an denen ich arbeiten muss. Mit denen kann ich mich nicht befassen, solange das Boot auf Steuerbordbug segelt, weil der Bereich, an dem ich arbeiten muss, unterhalb des Bereichs liegt, der ständig mit Gischt überzogen wird. Die Bedingungen müssen entweder ruhiger werden, oder ich muss das Boot für die Reparaturen verlangsamen. Ich spreche hauptsächlich von meinem Heckkorb, der repariert werden muss, und vom Gennaker-Block, der vernünftig und sicher an seinen Platz zurück muss. Außerdem habe ich noch eine Menge weiterer kleiner ärgerlicher Brüche.

Technisch betrachtet, ist die Reparatur des Heckkorbs ein großer Job. Die Relingstützen sind rausgerissen und die Beschläge an der Unterseite des Decks. Ziel ist es, die Reling neu aufzubauen und sie gut am Deck zu befestigen. Ich tausche mich intensiv mit der Shore-Crew aus, um einfache und robuste Lösungen zu finden. Die Jungs kennen die Bereiche, die sie verstärkt haben. Wenn ich versuchen würde, das in Eigenregie zu machen, würde ich vielleicht  risikobehaftete Entscheidungen treffen.

Der Heckkorb ist wichtig für die Sicherheit und war ein harter Schlag für mein moralisches Empfinden. Ich hatte eine Serie von Problemen und Schäden seit dem Rennstart. Ich musste das Boot mehrmals stoppen, war für jeden Teilnehmer sehr hart ist. Aber der Heckkorb ist auch das, mit dessen Hilfe du dich mit dem Boot verbindest. Ohne ihn ist es nicht das Gleiche. Ich muss mich sicher fühlen, bevor ich das Südmeer erreiche. Momentan gehe ich nur mit eingehakter Rettungsleine ins Heck, die ich normalerweise nicht bräuchte.

Ob es auch Positives gibt? Vieles, aber im Moment bin ich frustriert, verärgert. Mir ist nicht danach zu sagen, dass alles gut ist, wenn das gar nicht stimmt. Als Wettkämpferin bin ich enttäuscht und will nicht verbergen, wie ich mich fühle.

Tatjana Pokorny am 22.11.2020

Das könnte Sie auch interessieren


Fotostrecken

Neueste Downloads

Yachttests


Reise-Reportagen


Ausrüstung


Gebrauchtboottests


    ANZEIGE

    Weitere News und Angebote

Neue Videos


Aktuelle Artikel bei YACHT online