Regatta

Vendée Globe: das Foiler-Paradoxon

Es scheint die Anti-Favoriten-Vendée zu werden: Vorn segeln viele alte Boote mit, unter den Top 10 sind gleich drei Non-Foiler. Wie kommt das?

Andreas Fritsch am 04.01.2021
Maitre
JEAN MARIE LIOT/Alea/VG20

"Maître Coq IV"

Es ist die wohl spannendste Vendée Globe aller Zeiten: Fünf Skipper setzten sich nach der Anfangsphase an die Spitze, wechselten immer wieder die Plätze, Vorsprünge von 800 Meilen aufs Feld schmelzen in wenigen Tagen auf 100 zusammen. Fast alle Skipper reparieren sich um die Welt, dank der immer ausführlicheren Video-Updates von Bord fast jedes Teilnehmers verstehen die Fans, was für ein Haufen Arbeit es ist, einen Open 60 im Race-Modus zu halten und wie viel andauernd kaputt geht.

Aber das eigentlich Spannende ist, dass die neuen Foiler das Rennen weit weniger dominieren können, als es alle Prognosen vor dem Rennen vorhergesagt haben. Boris Herrmann liefert sich seit zigtausend Meilen gegen scheinbar bootstechnisch unterlegene Gegner wie Jean Le Cam ("Yes We Cam"), Damien Seguin ("Groupe Apicil") oder Benjamin Dutreux ("Omia Water Family") zähe Kämpfe. Louis Burton schneidet mit einem Boot von 2016 mit kleinen Foils durchs Feld wie das sprichwörtliche heiße Messer durch die bretonisch gesalzene Butter. Und ganz vorne kontrolliert in einem genauso alten Boot mit denselben Foils Yannick Bestaven dem Anschein nach nach Belieben das Rennen – obwohl Verfolger Charlie Dalin und Thomas Ruyant tagelang auf der Rumpfseite mit intaktem Foil unterwegs sind. 

Einen Teil der Erklärung dafür lieferte Boris Herrmann immer wieder mal ansatzweise in den wöchentlichen Interviews, die er von Bord per Zoom-Schalte gibt: "Die alten Boote wie das von Jean Le Cam sind im reinen VMG-Downwind-Running nicht langsamer als wir. Die Foiler spielen ihre Vorteile vor allem in Am-Wind-Bedingungen in nicht zu hohem Seegang aus." Und die gab es bislang kaum. Zur Verdeutlichung: Die neuen, größeren Foils bringen etwa 400 Kilo mehr Gewicht an Bord; danach stellten viele Teams fest, dass die Struktur den Kräften in manchen Bereichen nicht gewachsen waren und verstärkten diverse Schotten und Bereiche. Der Team-Leiter von "DMG Mori" sagte einmal, dass praktisch jeder neu gebaute Foiler später aufwändig nachlaminiert wurde. Jedes Team hat sich da locker 200 bis 300 Kilogramm Extra-Gewicht aufgehalst. Dazu kommt, dass die Anhänge der meisten Foiler bei Winden unter 10 bis 12 Knoten eher bremsen als mehr Speed zu bringen, da sie nicht komplett eingezogen werden. 

Stand

Stand des Rennens heute Morgen

Und: Die Konkurrenz der Non-Foiler war nicht untätig: Ryan Breymaier erzählte unlängst, dass Jean le Cam alles getan habe, um seinen Open 60 mit dem Bug weiter aus dem Wasser zu bekommen. So fährt er 7 Grad Mastfall nach achtern, damit sein Boot in hohem Seegang nicht zu früh mit der Bugspitze in die Wellen eintaucht; zudem wurde es zusätzlich noch gewichtsoptimiert. Wird es rau, kann der Altmeister also den Fuß länger auf dem Gas stehen lassen. Auffällig war auch, dass Le Cam auf raumen Kursen teils viel tiefere Kurse etwa als Boris Herrmann fuhr und damit schneller war, weil er zwar langsamer, aber den direkteren Weg fuhr. Da überrascht es nicht zu hören, dass Damien Seguins "Groupe Apicil" ebenfalls von Le Cams Team optimiert wurde. 

Zweites Problem: An der Spitze segeln zwei Boote, denen ohne Kollision mit Treibgut die Foils zerbrochen waren ("LinkedOut") beziehungsweise diese fast den Schwertkasten aus dem Rumpf gehebelt haben ("Apivia"). Ein Boot hat es im Seegang unter der Last der Foils tatsäcvhlich zerbrochen ("PRB"), ein anderes wies eine massive Delamination der krafteinleitenden Struktur auf ("Hugo Boss"). Es ist ganz eindeutig so, dass die neuen, riesigen, teils fast dreimal längeren Foils die Power haben, das Boot komplett zu zerstören. Dementsprechend segeln deren Skipper schon länger wie auf rohen Eiern. "Ich segele mit komplett eingeholten Foils", gestand auch Boris Herrmann vor allem im Indischen Ozean oft ein. Viele Boote haben Last-Sensoren, die anspringen und vor Überlastung schützen sollen. Das tun sie offensichtlich oft.

Nur bei zwei Booten scheint das anders zu sein: Als Yannick Bestaven kurz vor Kap Hoorn in schon sehr üblem Wetter segelte und Charlie Dalin nicht hinterherkam, war es nur ein Satz in einem Video von Bord, der aufhorchen ließ: "Meine 'Maître Coq' ist enorm stark, ich fahre noch immer mit vollem Foil", erzählte er in einem Nebensatz. Die viel kürzeren Anhänge seines Open 60s, der alten "Safran" von Morgan Lagravière von 2016, können also anscheinend dann noch gefahren werden, wenn die moderne Kokurrenz schon beginnt, diese wieder einzuholen. Das erklärt auch ganz gut den Speed von Louis Burtons "Bureau Vallée 2", denn die ist ein Schwesterschiff, die alte "Banque Populaire" vom letzten Vendée-Sieger Armel Le Cléac'h.

Vor diesem Hintergrund darf man umso mehr gespannt sein, wie es nach Kap Hoorn weitergeht, das "LinkedOut" und "Groupe Apicil" heute Nacht als drittes und viertes Boot passiert haben. Denn dann sollen sie kommen, die Bedingungen für die Foiler: nicht zu hoher Seegang, stabile Winde im Passatbereich und dazu noch viel Am-Wind-Anteil. Boris Herrmann kündigte schon an, dass sein Boot noch bei 100 Prozent Leistung sei und er angreifen werde, wenn er die magische Landmarke hinter sich hat. Da mit "Apivia" und LinkedOut" gleich zwei Boote vorn segeln, die das auf dem Rückweg statistisch wichtigere Backbord-Foil nicht mehr benutzen können, kann es noch einmal richtig spannend werden.

Andreas Fritsch am 04.01.2021

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