Regatta
Vendée Globe: das Defensiv-Spiel mit der Front

Die Spitzengruppe der Vendée Globe ist gut durch die Nacht gekommen. Boris Herrmann hat Meilen verloren, aber nun wieder Fahrt aufgenommen

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 07.12.2020
Der Ausblick an Bord von Charlie Dalins "Apivia" Der Ausblick an Bord von Charlie Dalins "Apivia" Der Ausblick an Bord von Charlie Dalins "Apivia"

Charlie Dalin / Apivia / #VG2020 Der Ausblick an Bord von Charlie Dalins "Apivia"

Die Crozetinseln im Süden der führenden Gruppe der Vendée Globe sind passiert. Zum Auftakt der fünften Woche auf See verteidigte "Apivia"-Skipper Charlie Dalin seinen Vorsprung auf den zweitplatzierten Thomas Ruyant ("LinkedOut"), musste aber ein paar Federn lassen. Ruyant hat trotz defensiver Taktik etwas Boden gutgemacht und seinen Rückstand auch mit gebrochenem Flügel verkürzt. Der drittplatzierte Louis Burton dagegen fiel mit langsamerer Geschwindigkeit zurück. Auch Boris Herrmann hat über Nacht Meilen verloren, hat den Dreher der Front später bekommen, segelt aber inzwischen wieder in beständigeren Bedingungen. Aktuelle Meilenangaben waren am Montagmorgen nicht möglich, denn erstmals ließ die Aktualisierung des Trackers auf sich warten, hatte auch um 10 Uhr deutscher Zeit nur die Positionen von 5 Uhr morgens zu bieten.

Charlie Dalin / Apivia / #VG2020 "Apivia"-Skipper Charlie Dalin

Thomas Ruyant / LinkedOut / #VG2020 "LinkedOut"-Skipper Thomas Ruyant setzt aktuell auf eine defensive Taktik

Charlie Dalin hatte zuletzt Durchschnittsgeschwindigkeiten von 18 bis 21 Knoten erreicht. Sein Jäger Ruyant brachte das aktuelle Segelgefühl zum Ende des 29. Tages auf See so auf den Punkt: "Es geht heute Morgen sehr sportlich zur Sache. Du musst imstande sein, mit diesen Geschwindigkeiten zu leben." Boris Herrmann berichtete, dass seine Nacht "sicher, aber nicht schnell" gewesen sei, weil andere Boote den Dreher sauberer bekommen hatten als – etwas später – die "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco", die sich mit ungewöhnlich drehenden Bedingungen auseinanderzusetzen hatte.

Im Zeitraffer gezeigt: Boris Herrmanns Arbeit im Cockpit

#VG2020 Jetzt wieder besser in Fahrt: "Seaexplorer - Yacht Club de Monaco"-Skipper Boris Herrmann

Während fast alle Boote der vorderen Gruppe auf eher nördlichem Kurs segeln, um dort von den besseren Bedingungen zu profitieren und dem Sturmzentrum mit WInden über 40 Knoten auszuweichen, ist es Louis Burton ("Bureau Vallée 2"), der einmal mehr mit Kurs auf die Kerguelen nach Süden ausgeschert war und sein Glück dort zu suchen scheint, während das aktuelle Tief wie ein nord-südlich ausgelegtes Band langsam nach Osten zieht.

Thomas Ruyant erklärt: "Dieses Tiefdruckgebiet hat sich über mehrere Tage entlang der Front aufgebaut. Ich versuche, die sicherste mögliche Route zu finden und meine Geschwindigkeit der von mir gewünschten Richtung anzupassen. Nach Möglichkeit will ich die hohen Wellen und die starken Winde in seinem Zentrum vermeiden. Es ist nicht einfach, die beste Route zu finden, aber die Bedingungen werden sich ab morgen verbessern. Wir haben alle etwa die gleiche Idee: uns bezüglich des Zentrums dieses Systems nördlich zu bewegen. Die See wird ziemlich rau sein. Ich werde den bestmöglichen Ort suchen, um mein Boot und mich zu schützen."

Der Hamburger Solosegler Jörg Riechers, der selbst vor Kurzem eine Vendée-Globe-Kampagne für 2024 angekündigt hat, kommentiert das laufende Rennen in regelmäßigen Abständen in den sozialen Netzwerken. Im aktuellen Post schreibt er unter anderem unter der Überschrift "When the Going Gets tough, the Tough get Going":

"Der Achtziger-Jahre-Hit von Billy Ocean ist das Szenarion des Moments in der vierten Woche der Vendée Globe. Es kreiert schöne Überraschungen und deckt neue Player im Spiel auf. Wer hätte bei klarem Verstand gedacht, dass Louis Buton auf Platz drei liegt – niemand! Eine andere schöne Überraschung ist die Tatsache, dass die alten Boote immer noch im Spiel sein können, wenn sie mit Gasgeber-Mentalität gesegelt werden. Es ist ein Vergnügen, Jean Le Cam, Benjamin Dutreux und Damien Seguin dabei zu beobachten, wie sie mit der Gruppe der Jäger mithalten. Keiner der drei hat ein großes Budget, aber sie segeln ein höllisch gutes Rennen."

Im Mittelfeld genossen zuletzt Romain Attanasio ("Pure – Best Western Hotels and Resorts") und Clarisse Crémer endlich bessere Bedingungen. In Winden um 15 bis 20 Knoten konnten die auf den Plätzen zwölf und 13 liegenden Skipper fast 390 Seemeilen absolvieren. Das Quartett, das am Sonntag den Längengrad des Kaps der Guten Hoffnung gekreuzt hatte und dabei südlich von der vorbeirasenden "Sodebo Ultim 3" bei ihrem Jules-Verne-Rekordversuch passiert wurde, quält sich weiter durch leichte Winde, obwohl die von der Wettfahrtleitung eingezogene Eisgrenze bei etwa 44 Grad Süd schon erreicht ist. Das gilt für den Schweizer Alan Roura ("La Fabrique") und die Franzosen Armel Tripon ("L'Occitane en Provence"), Stéphane Le Diraison ("Time for Oceans") und Arnaud Boissières ("La Mie Câline - Artisans Artipôle"). "Dass wir mit diesem Hochdruckgebiet so viele Probleme haben, das ist unglaublich", seufzte Stéphane Le Diraison in einem Radio-Interview. Gleichzeitig hat das Quartett ein Tiefdruckgebiet im Blick, das von Port Elizabeth nach Süden zieht. Le Diraison sagte: "Das gefällt mir ganz und gar nicht: Die Vorhersagen beinhalten deutlich mehr als 50 Knoten Wind und mehr als sechs Meter hohe Wellen."

Stéphane Le Diraison / #VG2020 Vendée Globe 2020/21


Lesen Sie die YACHT. Einfach digital in der Delius Klasing Kiosk App (iTunes und Google Play) oder bestellen Sie es im Shop als Abo oder Einzelheft:

iTunes Store Google Play Store Delius Klasing Verlag

Themen: Boris HerrmannSeaexplorer - Yacht Club de MonacoThomas RuyantVendée Globe

Anzeige