Regatta
Vendée Globe: das bittere Aus für Isabelle Joschke

Kap Hoorn war schon geschafft, doch die Ziellinie ihrer Vendée-Globe-Premiere wird Isabelle Joschke nicht erreichen. Am späten Samstagabend musste sie aufgeben

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 10.01.2021
Isabelle Joschke Isabelle Joschke Isabelle Joschke

Isabelle Joschke / MACSF / #VG2020 Isabelle Joschke

Sie hatte nur noch 5853 Seemeilen bis ins Ziel zu segeln. Drei Viertel des Rennens (21.224 Seemeilen) lagen schon hinter der in München geborenen Deutsch-Französin Isabelle Joschke, die Kap Hoorn am 5. Januar eine Stunde und 34 Minuten nach Boris Herrmann als Elfte passiert hatte. Zwei Tage zuvor war ihr Haupthydraulikzylinder am oberen Ansatz der Kielfinne abgerissen. Nun ist auch der Ersatzzylinder gebrochen, mit dem sie den Kiel behelfsweise in der Vertikalen gesichert hatte. In starken und teilweise stürmischen Winden von 35 Knoten und mehr sah die 43-Jährige aus Lorient angesichts des gefährlichen Zustands ihrer Imoca-Yacht "MACSF" am Abend des 10. Januar keine Möglichkeit mehr, ihre Vendée-Globe-Premiere fortzusetzen. Isabelle Joschke und ihre Landmannschaft standen in der Nacht zum Sonntag auf der Suche nach Lösungsansätzen in engem Kontakt, und auch die Wettfahrtleitung hatte sie in konstanter Beobachtung, denn der freischwingende Kiel der "MACSF" kann die Sicherheit von Skipperin und Boot gefährden.

Isabelle Joschke / MACSF / #VG2020 Das Aus kam für "MACSF"-Skipperin Isabelle Joschke nach drei Vierteln der Vendée Globe auf der langen atlantischen Zielgeraden

Der erneute Bruch bedeutete für Joschke den K.-o.-Schlag. Noch am Vormittag hatte sie die Strapazen der vergangenen Tage und Wochen Revue passieren lassen, ihre aktuell fordernde Lage beschrieben und dennoch hoffnungsfroh geklungen. Ihre wenige Stunden vor dem Aus formulierten Worte – hier in Auszügen – wirken in der Retrospektive aber wie eine Prophezeiung:

Ich habe in der vergangenen Nacht nicht gut geschlafen. Ich muss etwa zwei Stunden geschlafen haben. Mit Blick auf den zunehmenden Wind ist das wirklich nicht genug. Ich segle seit 24 Stunden in rauer See. Das Boot schlug dabei in die Wellen, und eine Art von Tiefdruckkgebiet hat uns überholt. Ich habe also die Nacht damit verbracht, meine Segel zu verkleinern und das Schlagen des Bootes in die Wellen so gut wie möglich zu reduzieren. Ich habe gewartet, dass der Wind dreht. Das ist alles nicht einfach, wenn der Kiel mittig festgesetzt ist. Ich brauche das Foil, um das Boot zu stabilisieren. Und das Foil lässt das Boot regelmäßig anspringen. Du musst also einen Kompromiss finden, während du weißt, dass der mittig blockierte Kiel dich in schwieriger See noch mehr bestraft. Und dort, da ist die See wirklich verrückt.

Manchmal frage ich mich, ob ich imstande sein werde, das ganze Boot zurückzubringen. In Wellen wie diesen weiß ich nicht, wie ich das Boot schützen kann. Sogar bei gedrosselter Geschwindigkeit schlägt es noch in die See. Ich kann die Brutalität unserer Boote kaum glauben. Es ist sehr oft wie jetzt: Sobald etwas mehr Wellengang herrscht, wird der Foiler zu einer masochistischen Sache. Dann geht es immer um beides: Die Unbequemlichkeit des Hämmerns des Bootes durch die ganze Nacht, wenn du schlafen willst. Aber auch um den zusätzlichen Stress durch die Sorgen darüber, wie viel das Boot einstecken kann. Es geht dir auf die Nerven.

Isabelle Joschke / MACSF / #VG2020 Von Angriff muss Isabelle Joschke nun auf Verteidigung ihres Bootes und der eigenen Sicherheit umschalten

Seit dem ersten Renntag habe ich mindestens einen Schaden pro Tag. Im Allgemeinen ist es so, dass es in den harten Bedingungen an die Grenze zum Schaden geht und der dann eintritt, wenn sich die Bedingungen gerade wieder beruhigen. Gestern früh habe ich in eher angenehmen Bedingungen ein UFO touchiert. Bei der Kollision ist ein Stück meines Foils abgebrochen. Ich muss zugeben, dass mich nichts mehr beruhigt. Ich tue mein Möglichstes.

Aus der Hölle in den Himmel – und zurück

Isabelle Joschke / MACSF / #VG2020 Den wichtigsten Meilenstein hatte Isabelle Joschke mit Kap Hoorn trotz vieler technischer Probleme bereits gemeistert, als ein Sturmtief im Südatlantik sie zur Aufgabe zwang

Die Kap-Hoorn-Passage war magisch. Für mich ging es binnen Stunden aus der Hölle in den Himmel. Die Tage danach waren wie eine Erlösung. Die Bedingungen waren gut, und es ist wahr, dass ich Glück hatte, weil ich zwar immer noch recht weit südlich segle, aber die Temperaturen schnell gestiegen sind. Es ist auch eine Befreiung, weil ich in der Kälte sehr gelitten habe. Jetzt ist das keine wirkliche Frage mehr: Ich ziehe mich an, aber ich mache mir keine Sorgen mehr, dass ich nachts oder am Morgen friere. Das fühlt sich wirklich gut an.

Gleich nach Kap Hoorn habe ich festgestellt, dass meine körperliche Kraft schlagartig zugenommen hat. Das hat mir wirklich gefallen. Ich habe mich gefragt, ob es da eine Verbindung zwischen der Kälte und dem Verlust von Kraft und Energie gibt. Vermutlich ist das so. Auch wenn ich zugeben muss, dass mir nach der (letzten) Nacht nicht mehr viel davon geblieben ist.

Ich habe das Gefühl, dass mit dem Eintauchen in den Atlantik eine Erneuerung der Motivation verbunden ist. Und der Beginn einer neuen Phase. Ich glaube, es geschieht etwas Neues. Das ist großartig, aber gleichzeitig ist da immer noch diese Konstante Vendée Globe, die mit ihren Bedingungen und den Pannen hart zu uns ist. Das Tiefdruckgebiet, das über uns hinwegfegt, fühlt sich ein wenig an wie ein Abschiedsgruß aus dem Südmeer, ist typisch für die Fünfziger mit ihren unbeständigen Winden und Wetterdaten, die keine genauen Vorhersagen ermöglichen. Ich werde weitere 24 bis 48 leicht komplizierte Stunden verbringen und drücke die Daumen, dass ich danach ein neues Wetterfenster erreiche."

Clarisse Crémer / Banque Populaire X / #VG2020 Kap Hoorn geschafft! Clarisse Crémer schreit vor Glück über ihren persönlichen Triumph bei der Vendée-Globe-Premiere

Clarisse Crémer übernimmt das "Staffelholz"

Alles Daumendrücken, ihr großer Kampf, die nicht enden wollenden Reparaturanstrengungen und ihr Wille haben Isabelle Joschke nicht helfen können, für die der 63. Tag auf See zum Tag ihrer Aufgabe wurde, weil es nun vor allem darum geht, sich selbst und das Boot zu sichern. Den Staffelstab der in den vergangenen Wochen besten Frau im Feld der verbliebenen 26 Boote wird Clarisse Crémer übernehmen. Die "Banque Populaire X"-Skipperin war am Samstagabend von Armel Tripon ("L'Occitane en Provence") überholt worden und lag auf Platz 12.

Bessere Nachrichten als von Isabelle Joschke gab es bereits am Vortag von der ebenfalls beherzt und erfolgreich kämpfenden Britin Pip Hare, der es in schwierigen Bedingungen noch auf Kurs Kap Hoorn gelungen war, ihr Ruder auszutauschen. Als 17. hielt die "Medallia"-Skipperin danach vorerst weiter den stark aufkommenden Jérémie Beyou in Schach. Ein großes Kompliment machte ihr für die technische Glanzleistung auf See neben vielen anderen auch Konkurrent Arnaud Boissières: "Ich bewundere, was Pip Hare gelungen ist, die Art, wie sie segelt und die Tatsache, dass sie ihr Ruder ausgetauscht hat. Ich habe keine Ahnung, wie sie das gemacht hat, denn es war rau, die Bedingungen waren sehr rau. Ich denke, sie ist ein verdammt gutes Mädchen. Sie ist pragmatisch und bescheiden. Sie ist großartig."

Pip Hare/Medaillia/Vendée Globe Pip Hare im Glück: der schwierige Ruderwechsel hat geklappt

Boris Herrmann "auf der Jagd"

Auch Boris Herrmann ist seit seinem Kap-Hoorn-Tief zunehmend gut in Fahrt. Der "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco"-Skipper hat seitdem drei Plätze gutgemacht und ist, so sagt sein Wetterexperte Will Harris, "auf der Jagd". Am späten Samstagabend hatte der erste deutsche Vendée-Globe-Skipper als Achter nur noch 27 Seemeilen Rückkstand auf Benjamin Dutreux auf Platz sechs. Herrmann, der zwischen Weihnachten und seiner schwierigen und vom Großsegelriss überschatteten Kap-Hoorn-Passage am 5. Januar von Platz drei bis auf Platz elf kurz nach der legendären Landmarke zurückgefallen war, greift nun wieder an. Der 39-Jährige sagte: "Ich habe mit diesem Rennen noch eine Rechnung offen. Mein offizielles Ziel ist jetzt Platz fünf. Das ist sehr ambitioniert und muss nicht, kann aber noch klappen." Angeführt wird das Feld weiter von Yannick Bestaven auf "Maître Coq IV". Knapp 180 Seemeilen dahinter hatte am 63. Tag auf See "Apivia"-Skipper Charlie Dalin im Duell mit Thomas Ruyant ("LinkedOut") die Bugspitze 70 Seemeilen vor dem Landsmann.

Hier geht es zum Tracker und den Zwischenständen.

Boris Herrmanns Teamgefährte Will Harris erklärt die Wettersituation, mit der es die Imoca-Skipper am 62. Tag auf See und in naher Zukunft zu tun haben.


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Themen: Boris HerrmannIsabelle JoschkeVendée GlobeYannick Bestaven

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