Regatta

Vendée Globe: Dalin dominiert, Herrmann kämpft, Davies weint

Der konfuse Seegang, mit dem die Spitzengruppe der Vendée Globe im Indischen Ozean zu kämpfen hat, spiegelt die Seelenlage vieler Segler wieder - AKTUALISIERT

Tatjana Pokorny am 05.12.2020
Vendée Globe 2020/2021
#VG2020

Vendée Globe 2020/21: "Apivia"-Skipper" Charlie Dalin dominiert die Flotte nach fast vier Wochen auf See

Zum Ende der vierten Woche auf See hat sich das Feld nach den Havarien der vergangenen Woche wieder geordnet. An der seit rund zwei Wochen währenden Dominanz von Charlie Dalin ("Apivia") hat sich nichts geändert, aber im Führungstrio gab es einen Wechsel, denn Thomas Ruyant ("LinkedOut") hat sich seinen zweiten Platz mit 200 Seemeilen Rückstand auf Dalin zurückerobert. Was daran liegt, dass der in der vergangenen Woche auf südlichstem Kurs nahe der Eisgrenze so vorangepreschte und nun wieder drittplatzierte Louis Burton ("Bureau Vallée 2") zuletzt keine Windvorteile mehr genoss und sogar langsamer vorankam als die beiden vor ihm liegenden Boote, die rund 250 Seemeilen nordöstlich (Dalin) und 150 Seemeilen nördlich (Ruyant) von ihm in Winden um 25 bis 30 Knoten segeln.

Vendée Globe 2020/2021

Charlie Dalin an Bord seiner "Apivia"

Charlie Dalin berichtete am Morgen von Bord:

"Ich bin froh, dass ich in Führung liege, schenke dem aber keine weitere Beachtung. Ich versuche, mein Boot so gut wie möglich zu schützen. Ich weiß, dass die Bedingungen uns davon abhalten, schnell zu segeln. Und dann liegen ja noch so viele Meilen vor uns! Ich habe es mit hohem, konfusem Seegang zu tun, blauem Himmel mit Böen. Aber der Seegang ist das Hauptproblem. Er bleibt immer gleich. Das Boot gräbt sich selbst in die See. Es ist dieser Zustand, der es so hart macht. Was den Wind angeht, so haben wir es mit 30 bis 40 Knoten zu tun. Das hängt ganz vom Augenblick ab. Aktuell ist es nicht ganz so schlimm. Doch die Bedingungen sind schon seit Tagen so. Aber ich habe meinen Rhythmus in den starken Winden gefunden und bin ausgeruht. Ich habe in der letzten Nacht gut geschlafen. Es hat ein paar Tage gegeben, an denen ich nicht gut gegessen habe. Es ist eine andere Welt hier im Indischen Ozean. Wir haben jetzt schon so ziemlich eine Woche in diesen Bedingungen. Es ist ein bisschen monochrom. Die Tage sind lang, und ich habe das Gefühl, meinen Anteil am Indischen Ozean gehabt zu haben. Aber du bekommst trotzdem das Gefühl, nach Osten voranzukommen, weil die Sonne jeden Tag ein bisschen früher aufgeht. Also bekommst du das Gefühl, jeden Tag einen Abschnitt zu schaffen. Heute morgen ist die Sonne um 1 Uhr aufgegangen und gestern Abend ging sie um 17.30 Uhr unter."

Vendée Globe 2020/2021

"Seaexplorer - Yacht Club de Monaco"-Skipper Boris Herrmann

Boris Herrmann lag am Samstagmorgen weiter mit 500 Seemeilen Rückstand auf Charlie Dalin auf Platz acht. Der 39-jährige Skipper der "Seaexplorer - Yacht Club de Malizia" vermeldete am Morgen: "Bald tauchen die Crozetinseln am virtuellen Horizont auf." Wie schon die Prinz-Edward-Insel liegt auch diese Gruppe vulkanischer kleiner Eilande in der von der Wettfahrtleitung gesperrten Zone unterhalb der Eisgrenze zwischen dem 46. und 47. südlichen Breitengrad und wird von der Flotte nördlich passiert. Auch Herrmann hat mit dem extrem unangenehmen und schwer berechenbaren Seegang zu kämpfen:

"Das Beschleunigen des Bootes auf den Wellen bereitet mir Kopfzerbrechen. Es macht mir keine Angst, aber es bereitet Sorgen. Ich weiß noch keine Lösung dafür. Ich habe mein Foil schon eingezogen, die Segel sind klein. Wenn ich noch mehr reduziere, werde ich noch langsamer. Da waren wir mit unserer Class 40 'Beluga Racer' beim Zweihand-Rennen um die Welt 2008/09 mit Felix Oehme auch nicht langsamer. Es ist eine etwas frustrierende Phase, und ich freue mich auf die beiden Befreiungsstufen: Erst raus aus dem Algulhasstrom, dann raus aus dem Indischen Ozean, der berüchtigt ist für diese fordernden Bedingungen."

Diese Bilder von Boris Herrmann zeigen gut, warum der Hamburger die aktuellen Bedingungen mit diesem Satz beschreibt: "Das Meer kocht"

Nächster kleiner Vorbeifahr-Meilenstein des so überaus fordernden Renngalopps des vorderen Feldes über die Buckelpiste der stark konfusen See sind die Kerguelen. Damit rückt auch der mögliche Ausstieg von Kevin Escoffier näher. Der am 1. Dezember nach elfstündiger Odyssee aus einer Rettungsinsel im Südmeer gerettete Franzose ist immer noch bei seinem Retter Jean Le Cam an Bord der "Yes We Cam!". Der Plan sieht vor, dass er – je nach Wetterbedingungen und Einverständnis von Le Cam – von der Besatzung der französischen Fregatte "Nivose" abgeborgen wird, die im Indischen Ozean stationiert ist.

Vendée Globe 2020/2021

Sie dürfen für den Moment das gute Gefühl der Zweisamkeit an Bord genießen: der gerettete Kevin Escoffier (links) und Retter Jean Le Cam ("Yes  We Cam")

Während die Spitzengruppe sich nach konstanteren Wind- und Wellenbedingungen sehnt, lecken sich die Havaristen und Ausgeschiedenen in Kapstadt die Wunden, den Boris Herrmann schon vor einer Woche als "Hafen der Unglücklichen" beschrieb, die hier aufgeben müssen. Alex Thomson ist längst in Kapstadt angekommen. Sébastien Simon hat seine Aufgabe ebenfalls bekanntgegeben. Die offizielle Entscheidung von Sam Davies, die ebenfalls nach Kapstadt segelte, steht noch aus. Der 46-jährigen Britin waren vor Rennstart Top-Fünf-Chancen eingeräumt worden. Die erfahrenste Vendée-Globe-Skipperin hatte sich viel vorgenommen und gab ihren Fans beim Rückzug auf Kurs Kap der Guten Hoffnung, in dessen Süden ihre Hoffnungen bei der heftigen Kollision mit einem unbekannten Objekt platzten, einen anrührenden Einblick in ihre aktuelle Gefühlwelt:

"Die Sonne kam auch heraus, und das half die Schmerzen zu lindern – ich ging an Deck und setzte mich draußen in die warme Sonne. Plötzlich fand ich mich in einem Strom von Tränen wieder. Es ist ein bisschen seltsam für mich, die nie weint, mit allen diesen Emotionen umzugehen. Ich war nicht einmal sicher, warum ich geweint habe. Ob es die Trauer um mein Boot und meine Position in diesem Rennen war oder die Erleichterung, dass mein Boot und ich in Sicherheit sind? Oder eine Mischung aus allen diesen Emotionen? Ich hatte immer das Gefühl, dass es dumm ist zu weinen, wenn du doch allein auf dem Boot bist. Da ist niemand, der die hilft, der dich umarmt oder dich bestärkt. Also ist es eine ziemliche Verschwendung von Zeit und Energie. Doch in diesem besonderen Moment hatte ich keine Kontrolle über die Emotionen. Ich lehnte am Deckshaus und und schaute raus aufs Meer. Und genau da, wirklich dicht, ungewöhnlich dicht, war der schönste Albatros, den ich je gesehen habe. Er glitt leise und langsam vorbei. Normalerweise halten Albatrosse Abstand, doch der war anders. Es war, als könnte er meine Gefühle verstehen und wollte mir helfen. Er blieb in der Nähe und demonstrierte mir seine wundervoll mühelose Flugkunst, die eine willkommene Ablenkung war. Es wird gesagt, dass die Seelen verstorbener Segler in Albatrossen weiterleben, und ich glaube das gern. Ich habe das Gefühl, dass ich von diesen einzigartigen Geschöpfen in Sicherheit eskortiert werde und ich bin dankbar für ihre Sorge."

Sam Davies spricht erklärt die Schäden an ihrem Boot

Hier geht es zum Tracker und den aktuellen Zwischenständen.

Aktualisierung, 5. Dezember, 15.30 Uhr

Sam Davies hat am Samstagnachmittag ganz offiziell ihre Aufgabe bekanntgegeben – aber nicht das Ende Ihres Abenteuers. Das Comeback außerhalb der Wertung ist in Planung. Hier Auszüge aus ihrem Statement am Samstagnachmittag:

"Ich hatte bei langsamem Segeln zwei, drei Tage Zeit, um mit der Entscheidung klarzukommen. Da hast du viel Zeit zum Nachdenken, zum Analysieren und sicherzustellen, dass du die richtige Entscheidung triffst, die dann nicht zu sehr von Emotionen, Angst oder Müdigkeit beeinträchtigt ist. Am Ende habe ich nicht das Gefühl, dass es eine schwierige Entscheidung für mich war, weil es einfach nicht möglich ist, das Rennen sicher fortzusetzen – selbst wenn Reparaturen der sichtbaren Schäden möglich wären. Da gibt es zu viele Unsicherheiten um den Kiel herum, die geprüft und inspiziert werden müssen. Das ist nicht möglich, ohne das Boot rauszuholen und den Kiel abzumontieren. Es gibt keinen Weg, das Rennen mit den Schäden fortzusetzen, die ich habe. Das ist Pech und frustrierend, weil es wirklich einfach nur Pech ist. Das ist Teil des Spiels. Es ist russisches Roulette. Was kann man machen? Auf der Habenseite steht, dass ich immer noch ein Boot habe und es schwimmt. Das ist mehr, als andere Leute in diesem Rennen haben. Es hat einen Mast und einen Kiel, gerade noch so, und zwei Foils. Und abgesehen von den Schäden ist alles perfekt. Ich bin total motiviert, die Schäden mit Unterstützung bei einem Zwischenstopp zu reparieren. Das bedeutet, dass ich die Vendée Globe aufgeben muss. Aber wenn ich das Boot mit meinem Team reparieren kann – sie kommen heute an und ich bin zuversichtlich –, wenn wir alles hinkriegen und sicher sein können, dass es solide ist, dann bin ich sehr interessiert daran weiterzusegeln. Offensichtlich außerhalb der Vendée-Globe-Wertung, aber als Teil des Abenteuers. Und ich denke, das ist ein toller Aspekt der Geschichte dieses Rennens. Einer der Menschen, an die man dabei denkt, ist Isabelle Autissier. Eine der ersten Skipperinnen, die die Vendée Globe gesegelt haben. Sie hat das Gleiche gemacht. Sie hatte ein Problem und legte einen Zwischenstopp in Kapstadt ein. Und sie hat den Rest des Rennens außerhalb der Wertung bestritten. Oder Nick Maloney. Viele Segler haben das gemacht. Wenn mir das gelingen kann, wäre es einfach toll. Das ist die Mission."

Vendée Globe 2020/2021

Eine Momentaufnahme aus glücklicherer Zeit: "Initiatives Cœur"-Skipperin Sam Davies steht nun vor dem Aus

Tatjana Pokorny am 05.12.2020

Das könnte Sie auch interessieren


Fotostrecken

Neueste Downloads

Yachttests


Reise-Reportagen


Ausrüstung


Gebrauchtboottests


    ANZEIGE

    Weitere News und Angebote

Neue Videos


Aktuelle Artikel bei YACHT online