Regatta

Vendée Globe: Boris live von Bord

Der Deutsche schildert, wie er einen Tag an Bord seiner "Seaexplorer" in den stabilen Passatwinden erlebt – zwischen Race-Routine, Schlafmangel und Philosophie

Andreas Fritsch am 18.11.2020
Seaexplorer
Boris Herrmann/Team Malizia

Live-Bilder von Bord

Wie erlebt der Deutsche den 10. Tag im Rennen? Boris Herrmann schildert, was an Bord zu tun ist, was ihn umtreibt, welche Sorgen er hat, wie das Boot segelt. Ein tiefer Blick, der den Leser mit an Bord der "Seaexplorer" nimmt.

Seaexplorer

Live-Bilder von Bord

"Es ist immer noch zu heiß und feucht, um zu schlafen. Da kann ich besser im Cockpit sitzen, beobachten, wie sich das Boot verhält und niederschreiben, was heute passiert ist: Ich habe Benjamin Dutreux heute morgen überholt. Wir haben lange am Funk gesprochen und man könnte fast sagen, wir sind Freund geworden. Es war sehr nett. Einer der wenigen Skipper, den ich vorher kaum einmal getroffen habe und über den ich nichts weiß. Smarter Typ.

Danach war die französische Pressekonferenz, gute Fragen heute!

Geduscht. Vielleicht die schönste Dusche ever. Einfach zum Bug gehen. In der starken Sonne. Fühlte mich einen Moment wie am Strand. Habe vor dem Start extra ein Seewasser-Shampoo gekauft.

Seaexplorer

Der erste fliegende Fisch ist an Bord gelandet

Ein echtes Rätsel bleibt die Frage Code Zero versus Jib Top. Wie kann das Boot mit einem so kleinen Vorsegel schneller sein als mit dem Code Zero? 138 zu 178 Quadratmeter! Und es ist nicht windig. 15 Knoten im Mittel.

Das lässt mich eine Menge über Rumpf-Formen grübeln. Der Scow-Bug von Armel (Tripon) könnte dafür sorgen, dass das Boot nicht in jeder verdammten zweiten Welle stoppt und den Windmaschinen-Effekt der Foils fiel länger hält. Die kreieren bei zunehmenden Boots-Speed ihren eigenen Wind. Dieser Mechanismus wird in meinem Fall immer unterbrochen. Die ganze Zeit. Du fühlst, da ist das Potenzial für 26 Knoten, und du erreichst die auch ab und zu, aber noch immer bleiben wir bei einem Durchschnittsspeed von 17-19 Knoten stecken.

Sehr interessant für die Zukunft der Imoca-Designs. Ich denke, da sind noch große Sprünge möglich.

Am Nachmittag döse ich in der Hitze eine Weile in der Koje. Ich wache etwas benebelt auf. Ungefähr 30 bis 50 Minuten Schlaf waren das in einem Stück. Ich höre den Podcast von Hamburg News, das ist der Trick zum Wachwerden. Fühlt sich ruhiger an heute.

Ich säubere das Boot und mich, ein Zeichen dafür, dass ich wieder im Hier und Jetzt bin. Hat zehn Tage gebraucht, bis es so weit war. Wie so oft. Ich checke die Früchte, die ich mitgenommen habe und hänge sie an neue Plätze. Der Sturm hat die Früchtenetze gekillt. Alle Zitronen sind vergammelt. Genau wie die Kiwis und Avocados. Ich habe jetzt noch ein paar Äpfel und Orangen. Gut, macht die Entscheidung einfacher.

Live Bilder von der "Seaexplorer"

Am Ende des Tages ein interessanter Fakt: den ganzen Morgen segelten wir durch gigantische Felder von Sargasso-Seegras. Es war so schlimm, dass das Zeug meine Furling-Leinen auf dem Bug und den Hydro-Generator am Heck blockierte. Ich musste mich auf die Solaranlagen verlassen den Tag über. Jetzt ist das Zeug endlich verschwunden, und der Generator arbeitet wieder für die Nacht.
Am Abend mache ich ein kurzes Video und stehe dann einfach nur eine Stunde im Cockpit und beobachte die anbrechende Nacht. Die schönen Surfs des Bootes. Die Beschleunigung, wenn eine Welle schiebt. Die fast brutalen Entschleunigungen. Die manchmal brutal spürbare Kraft der Foils. Eine unstabile, aber faszinierende Angelegenheit. Ich tagträume über den Scow-Bug. Das würde das System stabil machen, glaube ich.

Der Mast-Loads-Alarm geht an. Ich erhöhe die Runner-Spannung. Vorsichtig. Bin mir nicht sicher, ob unsere Belastungs-Messzellen korrekt kalibriert sind. Ich gehe auf 3,1 Tonnen. Ich weiß, andere gehen auf 5 Tonnen. Das würde die Mast-Alarms verschwinden lassen, aber die Kompression des Mastes erhöhen. Ich bleibe bei meinem sanfteren Ansatz, in allen Belangen. Ich vertraue den Zahlen auch nicht zu 100 Prozent. Lieber meinem Gefühl.  Wir haben eingebaute Belastungsmesser in unseren Armen. Man kann die Last fühlen, wenn man die Winsch bedient.

Das ist es, das war mein Tag. Natürlich kommen noch die Wetterberichte und Taktik, Chats mit Zuhause, Medien und Essen dazu. Die Satelliten-Abendbilder der Doldrums sehen cool aus. Die tiefe Sonne lässt die Wolken fast dreidimensional aussehen. Ich sende die wissenschaftlichen unseres Messgerätes zu den Forschern an Land. Bin schon auf deren Diskussion gespannt.

Das nächste Wissenschafts-Ding wird dann das Aussetzen der Forschungsboje morgen.

Es ist jetzt rabenschwarze Nacht draußen. Ich bin noch immer etwas in Sorge über das, was "Corum" (Mastbruch, d. Red.) passiert ist. Kann ich so schlafen gehen, oder muss ich das Jib Top für die Nacht reduzieren? Innerlich werde ich es im Schlaf ausfechten... Gute Nacht."

Andreas Fritsch am 18.11.2020

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