Vendée Taktik-Briefing

Vendée Globe – Überholspur für Boris im Südatlantik?

Was nach der Rundung von Kap Hoorn auf Boris Herrmann und seine "Seaexplorer" wartet – die Analyse von seinem Co-Skipper Will Harris

Will Harris am 04.01.2021
Will Harris: Die Wetter-Strategie für den Südatlantik
windy.com/W. Harris

Tempowechsel nach Kap Hoorn – bringt der mildere, aber komplexere Südatlantik die Chance für Foiler wie Boris Herrmanns "Seaexplorer"? 

Nach einer gefühlt sehr langen Phase im Südpolarmeer beginnt für die ersten Boote der Vendée Globe mit der Rundung von Kap Hoorn jetzt eine ganz andere, gleichwohl nicht minder entscheidende Phase des Rennens.

An der Spitze entwickelt sich ein heftiger taktischer Kampf zwischen Yannick Bestaven an Bord von "Maître Coq", der das Horn als Erster und weit draußen auf See passierte, und Charlie Dalin auf "Apivia", der zunächst einen anderen, näher an der Küste entlang führenden Kurs wählte.

Die Hauptfrage, vor die sich die Skipper gestellt sehen, besteht darin, wie sie am besten um ein Hoch herum navigieren, das sich nördlich der Falklandinseln entwickelt. Es wird in den kommenden 72 Stunden langsam nach Osten in Richtung Sankt-Helena-Hoch wandern.

Yannick Bestaven hat sich für eine östlichere Route entschieden, die es ihm ermöglicht, in einem exponierteren Teil des Südatlantiks zu bleiben, in dem der Wind um das Horn herum weht und sich dabei verstärkt. Dabei nimmt Bestaven einen nicht unerheblichen Umweg in Kauf. Er geht offenbar davon aus, dass sich das Hoch früher nach Osten verlagert und dadurch die direktere, westlichere Route blockieren würde.

Charlie Dalin, der es zunächst auf der Innenbahn versuchte, scheint heute früh das Risiko ebenfalls erkannt zu haben, dass ihm der Wind ausgehen könnte. Nach zwei Halsen ist er inzwischen auf den Kurs von Yannick Bestaven gegangen.

Die Gefahr einer küstennahen Route liegt zum einen im Windschatten der Berge Südamerikas, zum anderen in der Nähe zum Zentrum des Hochs. Es gibt allerdings auch einen positiven Faktor: Die Foiler der neuesten Generation, zu denen "Apivia" zählt, sind bei Flachwasser sehr schnell; sie brauchen nicht viel mehr als 12 Knoten Wind, um abzuheben. Darauf setzt offenbar Thomas Ruyant, der als Dritter das Kap passiert hat und wohl westlich der Falklands sein Glück versucht.

Will Harris: Die Wetter-Strategie für den Südatlantik

Abbildung 1: Wellenhöhe und -richtung am Mittwoch, den 6. Januar. Selbst der gröbste Seegang aus den Tiefs des Südlichen Ozeans wird vom südamerikanischen Kontinent blockiert, sodass Flachwasserbedingungen den Rückweg der Flotte im Südatlantik erträglich macht  

Derzeit besagen die Routings immer noch, dass Yannick Bestaven die Führung behaupten kann. Aber es wird erst klarer, wenn die Boote am Mittwoch die Ostseite des Hochs gerundet haben.

Hinter den Führenden gibt es jetzt eine beträchtliche Lücke zur Verfolgergruppe, die zwischen 600 und 700 Seemeilen zurückliegt – darunter drei Boote mit konventionellen Steckschwertern wie "Omia Water Family", "Yes We Cam!" und "V&B" neben Foilern wie Boris Herrmanns "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco".

Wie wir schon seit Wochen sehen, gab es kaum signifikante Vorteile für die modernen Tragflügelboote im Südmeer; mitunter waren sie sogar benachteilt – sei es wegen Bruchs oder weil sie im Seegang zu stark beschleunigten, nur um sich in der nächsten Welle festzufahren. Sind sie aber erstmal um Kap Hoorn herum, werden sich die Bedingungen komplett ändern.

Das Horn ist für extreme Bedingungen so berüchtigt, da es als Todesort der südpolaren Tiefdruckgebiete gilt. Diese Tiefs haben Tausende von Meilen zurückgelegt, um das Horn zu erreichen und auf dem Weg riesige Wellen aufzubauen. Sobald sich die Skipper östlich dieses Punktes befinden, werden sie praktisch sofort an die Geburtstätte neuer Wettersysteme versetzt – und in ganz andere, komplexere Bedingungen.

Will Harris: Die Wetter-Strategie für den Südatlantik

Abbildung 2: die Situation am Mittwoch, den 6. Januar um 1200 UTC. Ein Hoch wird die Flotte trennen. Für "LinkedOut" und "Groupe Apicil" steht die schwierige Entscheidung an, sich östlich des Hochs zu positionieren oder stattdessen bei Gegenwind nach Norden zu segeln  

Es gibt meteorologisch zwei Hauptmerkmale im Südatlantik, die für die Skipper der Vendée Globe relevant sind: Hochdruckgebiete wie jenes nördlich der Falklandinseln, das Yannick Bestaven und Charlie Dalin gerade beschäftigt, und die Bildung von Tiefs entlang der südatlantischen Konversions-Zone. Diese "jungen" Systeme und der Landschutz des südamerikanischen Kontinents sorgen dafür, dass die See vergleichsweise moderat bleibt.

Boris Herrmann an Bord der "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco" wird zusammen mit den anderen neueren Imocas mit Foils in seiner Gruppe nach Möglichkeiten suchen, die ihm der Südatlantik unter diesen Flachwasserbedingungen bietet. Im gesamten Südpolarmeer konnte er aufgrund des Seegangs nur etwa 80 Prozent seines maximalen Geschwindigkeitspotenzials abrufen. Nach Passieren von Kap Hoorn sollte er in der Lage sein, wieder auf oder in die Nähe von 100 Prozent seiner Polar-Daten zu kommen – und damit seinen Geschwindigkeitsvorteil gegenüber den Nicht-Foilern um ihn herum auszuspielen.

Will Harris: Die Wetter-Strategie für den Südatlantik

Abbildung 3: Die Routings des ECMWF-Ensembles für die Verfolgergruppe um Boris Herrmann bis zu einem Wegepunkt bei 20 Grad Süd. Ihm liegt die Prognose des europäischen Wettermodells zugrunde, das mehrmals ausgeführt wird und dann für jede dieser Iterationen eine Kurslinie ergibt – lilafarben für Foiler, türkis für einen konventionellen Imoca 60. Die Streuung ist dabei recht groß  

Wenn man die Wettersituation für diese Gruppe betrachtet, so bleibt nach dem Kap auch für sie Hochdruck bestimmend. Wegen des zeitlichen Abstands zu den Führenden wird sich das Hoch jedoch schon verlagert haben, was eine östliche Route unter Raumschotsbedingungen sehr viel schwieriger, wenn nicht unmöglich macht.

Für Thomas Ruyant auf "LinkedOut" und Damien Seguin auf "Apicil" könnte dies die Vorentscheidung für den 3. Platz in der Vendée Globe bringen. Wenn sie in Richtung Hoch segeln, werden sie beide lange halbwinds auf Steuerbordbug sein, wie schon erläutert in relativ flacher See. Das sind optimale Voraussetzungen für Ruyant, zumal er auf diesem Bug noch sein vollständig intaktes Foil hat (sein Backbord-Foil musste er mit der Flex stark kürzen, um Last von der bereits auf dem Weg gen Süden angeknacksten Struktur zu nehmen). Möglich also, dass er sich am Kern des Hochs vorbeischleichen kann, während Damien Seguin blockiert wird.

Alle, die nach diesen beiden das Kap passieren, werden gezwungen sein, westlich des Hochs gegen den Wind zu segeln, was für die Foiler in dieser Gruppe kein großer Vorteil ist. Aber gegen Freitag entwickelt sich vor der brasilianischen Küste ein Tief, das für Boris Herrmann und seine Konkurrenten eine neue Chance bietet.

Will Harris: Die Wetter-Strategie für den Südatlantik

Abbildung 4: Routing der zweiten Gruppe und Windlage am Samstag, den 9. Januar um 0100 UTC. Nach dem Passieren westlich des Hochdrucks bietet sich ein Übergang zu einem neu gebildeten Tief mit südwestlichem Wind als Chance

Sie können nach Nordwesten halten und sich in die Westseite des Tiefs einklinken, das guten Südwestwind bietet. Da dieses System jung ist, bewegt es sich jedoch sehr schnell nach Osten, während die Flotte versucht, nach Norden zu fahren. Der Vorteil wird also nicht lange währen.

An diesem Punkt des Rennens werden die Übergänge zwischen den Wettersystemen entscheidend sein – und das optimale Timing. Wer kann sich am schnellsten an die wechselnden Bedingungen anpassen und sein Boot die längste Zeit über auf optimaler Geschwindigkeit halten?

Erst um den 20. Breitengrad herum werden die Bedingungen im Regime des Südost-Passats stabiler. Diesen Teil des Südatlantiks werden die Skipper voraussichtlich um den 14. Januar erreichen. Hier denke ich, dass die Foiler Meilen machen können. Von hier aus haben sie etwa 3000 Seemeilen in ihrem optimalen Bereich vor sich – bei 70 bis 90 Grad Windeinfallswinkel, in flacher See. Gegenüber den konventionellen Booten loggen sie dann wegen des höheren aufrichtenden Moments der Tragflügel und der geringeren benetzten Fläche 5, 6, ja bis zu 8 Knoten mehr.

Gelingt es Boris Herrmann, die komplizierten Wettersysteme des tiefen Südatlantiks sauber und ohne großen Rückstand zu verlassen, hat er hier eine große Chance, sich für die letzte Etappe im Nordatlantik in eine starke Position zu bringen.

Will Harris am 04.01.2021

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