Vendée Globe

Siegchancen nur mit Foils?

Selten war das Teilnehmerfeld des Rennens so stark besetzt. Die Favoriten sind die Foiler. Wer gehört zum Kreis der Favoriten?

Andreas Fritsch am 04.11.2016
Vendee Globe 2016 Team StMichel Virbac PR_23824_1_FR_original

29 Skipper sind diesmal am Start, zahlenmäßig eins der stärksten Felder nach dem Rekordjahr 2008/2009 mit 30 Racern. Doch diesmal ist die Leistungsdichte nicht ganz so hoch wie damals, und es sind weniger siegfähige Boote dabei. Das ist dem Generations-Sprung zu den Foilern zuzuschreiben, der die sieben Boote, die damit ausgerüstet sind, auf dem Papier bevorteilen sollte.

Fotostrecke: Die Top-Skipper im Porträt

Doch ganz so einfach ist es dann doch wieder nicht. Zumindest die foilende "No way back" des Niederländers Pieter Heerema ist zwar brandneu, aber der 65-jährige Skipper dürfte chancenlos auf einen Podestplatz sein. Zwar ist sein Open 60 ein Top-Boot, vom Verdier/VPLP-Design-Gespann entworfen und bei Persico gebaut, aber mangels langfristiger Optimierung und Training sowie des Alters des Skippers darf man wohl nicht zu viel erwarten.

Das Alter ist ohnehin ein Stichwort bei der diesmaligen Vendée. Niemals zuvor gingen so viele "Silberrücken" an ins Rennen. Mit Rich Wilson ("Great American IV"), Nandor Fa ("Spirit of Hungary"), Pieter Heerema ("No Way Back"), Enda O'Coineen ("Killcullen Voyager") sind gleich vier Skipper am Start, die teils deutlich über 60 sind. Angesichts der körperlichen Strapazen und ihrer teils sehr alten Boote laufen sie wohl eher unter der Rubrik "Dabeisein ist alles!" Doch die Vendée war eben auch schon immer ein Tummelplatz der Abenteurer, die sich einen Lebenstraum erfüllen wollen.

Ähnlich chancenlos auf Podiumsplätze sind einige jüngere Starter, für die die Teilnahme mit alten Schiffen oder zu kleinem Budget eine Chance ist, durch eine gute Performance zu glänzen. Dazu gehören der Schweizer Alan Roura, 23 ("La Fabrique"), der Spanier Didier Costa, 35, auf Ellen MacArthur alten "Kingfisher", heute "One Planet one Ocean", oder die Franzosen Romain Atanasio, 39, oder Sébastien Destremau.

Das starke Mittelfeld wird von alten Haudegen angeführt: Yann Eliès mit "Queguiner-Leucémie", der mit der alten "Safran" einen der Top Open 60 ohne Foils segelt. Oder Kito de Pavant, der mit der "Bastide Otio", der alten "Hugo Boss", die beim letzten Rennen Dritte wurde, ebenfalls schnell sein dürfte. Dritter im Bunde ist Jean Le Cam, mit vier Teilnahmen ein Stück Vendée-Geschichte, der mit "Finisterre Mer Vent" den Open 60 segelt, den Jörg Riechers zeitweise als "Mare" bewegte. Jungspund im Mittelfeld ist der Newcomer Paul Melhat ("SMA"), der das Siegerboot der letzten Vendée-Auflage von François Gabart fährt. Der 34-Jährige wird vom Team von Michel Desjoyeaux betreut, das schon immer für eine Überraschung gut war. 

Wer sind die Top-Favoriten?

Heiße Anwärter auf den Sieg ist vor allem Armel le Cléac'h auf "Banque Populaire", der schon zweimal Zweiter war, bei der letzten Auflage nur wenige Stunden nach Sieger François Gabart in Ziel kam. Er kommt aus einem der zwei Mega-Teams mit dem höchsten Budget, die sich Open 60, Maxi-Tris und weitere Klassen leisten und große In-House-Designabteilungen ihr eigen nennen. Er gilt als aggressiv, aber auch besonnen genug, das Boot nicht zu überlasten. Der Franzose ist hungrig auf den Sieg, einziges Problem könnte der hohe Erwartungsdruck sein.

Sein größter Widersacher auf dem Papier ist wohl Sébastien Josse, der im zweiten Top-Team "Gitana" von Baron Rothschild die "Edmond de Rothschild" segelt. Erfahren, vielseitig (zwei Vendée Globes, Volvo Race, Maxi-Tris …) und umunstritten schnell. Die beiden könnten sich einen harten Schlagabtausch liefern. Diese beiden Boote gelten als die am weitesten entwickelten.

Die neue "Hugo Boss" von Alex Thomson

Die neue "Hugo Boss" von Alex Thomson 

Dabei möchte auch Jean-Pierre Dick "St. Michel-Virbac" ein Wörtchen mitreden. Der Franzose und studierte Tierarzt, der sein Team mehr oder weniger aus eigener Tasche finanzieren könnte, hat eins der Top-Boote von VPLP, konnte aber in den Vorbereitungsrennen noch nicht glänzen und hatte technische Probleme. Er gewann zweimal das Barcelona World Race und mehrfach Doublehanded-Transat-Rennen. Doch einhand fehlt noch der große Erfolg, zuletzt schied er wegen Bruch bei der Vendée aus. Man darf gespannt sein, ob er für eine Überraschung gut ist.

Und dann ist da der einzige Nicht-Franzose, der um den Sieg mitkämpfen will und wohl auch kann: der Brite Alex Thomson mit seiner rabenschwarzen "Hugo Boss". Vierte Teilnahme, letztes Mal dritter Platz, jetzt soll es endlich klappen, die Trophäe aus Frankreich zu entführen. Sein Boot wie immer radikal, mit den längsten Foils, wohl am extremsten auf Leichtbau getrimmt. Früher eilte ihm der Ruf voraus, er würde zu hart pushen und das Material überfordern. Doch er ist in den letzten Jahren gereift, ist geduldiger geworden, hat die Technik mehr im Fokus und sich in Sachen Taktik und Wetter, einst ein Schwachpunkt, klar verbessert. Sein Boot ging 2015 nach einer Kenterung mit Mastbruch fast verloren, doch jetzt soll alles klar zum Start sein. Einziger Wermutstropen: Kurz vor dem Start brachen die Generation-2-Foils seines Bootes, er ist mit den alten Profilen am Start. Ob er den beiden Top-Skippern gefährlich werden kann, muss sich erst noch zeigen. Aber für eine Überraschung ist er allemal gut.

Foil Maitre Coq

Bringen die Foils den Sieg? Hier die des einzigen nachgerüsteten älteren Opens 60 "Maitre Coq"

Die könnte auch Morgan Lagraviére sein. Der Franzose segelt mit "Safran" ein Top-Boot, das zudem von Open-60-Legende und bekanntermaßen sehr gutem Team-Manager Roland Jourdain betreut wird. Der 29-Jährige gilt als Riesentalent, hat aber noch keine große Einhand-Round-the-World-Erfahrung – aber das hielt François Gabart letztes Mal auch nicht von seinem Sieg ab. Aber sicher ein Skipper, den man im Auge behalten sollte.

Schwer zu berechnen ist Jérémie Beyou, der mit seiner "Maitre Coq" den einzigen älteren Open 60 segelt, der mit Foils nachgerüstet wurde. Er gilt als schnell, ehrgeizig und mittlerweile auch erfahren genug. Beim Transat vor wenigen Monaten war sein Boot extrem schnell und überraschte wohl alle Teams mit neuen Schiffen. Die Foils sind ein Design des AC-Foil-Spezialisten der Neuseeländer.

Last not least der Altmeister und einzige Vendée-Globe-Gewinner am Start: Vincent Riou mit seiner "PRB". Sie gilt mit Abstand als schnellster nicht foilender Open 60 der Flotte. Riou ist einer der besten Allround-Skipper des Feldes, und das Boot ist mittlerweile so ausgereift und technisch perfekt wie kein anderes. Er sagte unlängst, seine "PRB" sei das am wenigsten anstregend zu segelnde im ganzen Feld und spielte damit auf die Strapazen an, die von den Foilern berichtet werden: extreme Bewegungen in hohem Seegang, teils ohrenbetäubender Lärm von den Foils. Er entschied sich gegen diese, weil sein Boot 2015 noch schneller als die Foiler erschien. Doch 2016 holten die Team mit den Foils in Riesenschritten auf und ließen den orangen Renner hinter sich. Alex Thomson bezifferte gegenüber der YACHT seinen Vorteil bei gutem Foiling-Bedingungen gegenüber "PRB" auf 50 Meilen pro Tag. Man muss also abwarten, ob er auf Augenhöhe ist, was den Boots-Speed angeht.

Auf jeden Fall dürfen sich die Fans  am Sonntagmittag auf ein Top-Rennen freuen, das Wetter sieht stabil aus und wird mit etwa 15 bis 20 Knoten aus Nordwest ideale Bedingungen bringen – besonders für die Foiler. 



Ab dem Startschuss am 6. November wird YACHT online das Rennen in der Rubrik Vendée Globe begleiten. Mehr Infos zum Rennen auch in der aktuellen YACHT, Ausgabe 23/2016.

Andreas Fritsch am 04.11.2016

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