Vendée Globe
Isabelle Joschke: "Dem Schlimmsten und dem Besten ganz nah"

Die deutsch-französische "MACSF"-Skipperin ist zurück in Les Sables-d'Olonne. Nach extremen Höhen und Tiefen genießt sie jetzt "die Stille unter meinen Füßen"

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 25.02.2021
Isabelle Joschke Isabelle Joschke Isabelle Joschke

Jean-Louis Carli / Alea / #VG2020 Isabelle Joschke

Ihre Willkommensfeier im Start- und Zielhafen Les Sables-d'Olonne fiel bei strahlendem Sonnenschein unter blauem Himmel besonders herzlich aus. Und Isabelle Joschke genoss jede Sekunde ihrer Fahrt durch den Kanal. Vier Wochen nach den schnellsten Booten der 9. Vendée Globe hat die 44-jährige Deutsch-Französin den Hafen erreicht, den sie am 8. November verlassen hatte, um die Welt erstmals einhand und nonstop solo zu erobern. Eine Serie technischer Rückschläge, ein Reparaturmarathon und schließlich die versagende Kielhydraulik hielten die Kämpferin davon ab, das Rennen als möglicherweise beste Skipperin abzuschließen. Sie musste inmitten eines Sturms aufgeben und mit freischwingendem Kiel Salvador de Bahia ansteuern. Dort legte sie einen zehntägigen Reparaturstopp ein und entschloss sich, ihr Rennen wie auch Samantha Davies außerhalb der Wertung zu Ende zu bringen. Isabelle Joschkes Bravourleistung war 107 Tage und 21 Stunden nach dem Start am 24. Februar 2021 gelungen.

Jean-Louis Carli / Alea / #VG2020 Hat Großes geleistet bei ihrer Vendée-Globe-Premiere: "MACSF"-Skipperin Isabelle Joschke

Jean-Louis Carli / Alea / #VG2020 Stolz und von ihrem Team gefeiert: Isabelle Joschke

"Ich habe das Gefühl, dass ich dem Schlimmsten und dem Besten dieses Rennens ganz nah war", sagte Joschke bei der Pressekonferenz nach ihrer umjubelten Ankunft. Für sie war das Ankommen vor allem ein Sieg über sich selbst, die eigene Ungewissheit und die eigenen Ängste. Sie habe sich und ihre Reaktionen während des Rennens wie durch eine Lupe beobachtet und nicht immer gemocht, was sie da gesehen hat. Doch sie hat auch ihre Fähigkeiten erkannt und diese bis zum persönlichen und vor allem versönlichen Abschluss der Vendée-Globe-Premiere eingesetzt.

Jean-Louis Carli / Alea / #VG2020 Dieser Dank Isabelle Joschkes geht an die Fans, die Freunde und Teampartner

Die Vorboten des K.-o.-Schlags für Isabelle Joschke hatten sich bereits am 3. Januar bemerkbar gemacht, als der Kielhydraulikzylinder am oberen Ende der Kielfinne der "MACF" abriss. Eine Woche später brach auch die Ersatzlösung. "Die Nacht, als der Sturm dann kam, war schrecklich", erinnert sich Joschke. "Der Kiel pendelte lose von einer Seite zur anderen, und ich konnte nicht weg, Mein Boot ist fast gekentert, lag mit dem Mast schon im Wasser. Alles an Bord flog umher. Ich habe wirklich gedacht, dass ich durchkentern würde." Der Schock saß tief. Doch Joschke befreite sich anschließend Tag für Tag ein Stück weiter aus dem Tief. Physisch und mental.

An ein Comeback mochte die Solistin, die sich schon als Kind auf dem österreichischen Traunsee ins Segeln verliebt hatte, am Tag ihrer Wiederkehr aber noch nicht denken. Der YACHT hatte sie schon vorher zu künftigen Teilnahmeplänen erklärt: "Ich finde es wichtig zu lieben, was man hat, was man geschafft hat. Ich könnte ja auch zweimal teilnehmen und zweimal nicht ankommen. Ich glaube, ich habe ein gutes Match geliefert. Besser geht es immer – aber schlechter auch. Es hätte für mich ja auch wie für Sam Davies schon bei Kapstadt zu Ende sein können." Stark berührt habe sie, so Joschke, eine Botschaft von Jean Le Cam, die sie am Tag ihrer Aufgabe erreicht hatte: "Ich habe geweint. Meine Enttäuschung über das Aus war so immens."

Jean-Louis Carli / Alea / #VG2020 Ein spontaner Ehrentanz: Jean Le Cam und Isabelle Joschke

Jean-Louis Carli / Alea / #VG2020 Er tröstete Isabelle Joschke direkt nach ihrem Aus noch auf See und war auch am Ende ihrer Reise da: Jean Le Cam hat sich mit seinem vierten Platz bei der insgesamt 9. Vendée Globe und seiner fünften Teilnahme nicht nur einmal mehr als Großmeister des Solosegelns erwiesen, sondern auch als Mann mit großem Herzen. Immer wieder kam der 61-Jährige nach dem eigenen Zieldurchgang in den Hafen, um die nach ihm eintreffenden Skipper persönlich zu begrüßen und ihnen seinen Respekt zu erweisen

Auf die Frage, worauf sie nach ihrer Achterbahnfahrt durch die Vendée Globe, bei der sie zeitweise sogar in den Top Fünf mitmischte und man ihr durchaus einen Podiumsplatz zutraute, am meisten Lust hätte, sagte Joschke: "Ich möchte jetzt erst einmal die Zeit mit meinen Freunden, meinem Team und meinen Partnern genießen. Ich möchte diesen sonnigen Tag genießen, und ich möchte die Stille unter meinen Füßen fühlen und genießen. Genau jetzt. Und nichts anderes." Isabelle Joschke schließt die Vendée Globe erhobenen Hauptes ab: "Für mich ist es in sich ein Sieg. Es fühlt sich an, als hätte ich gewonnen. Ich habe nicht die Vendée Globe gewonnen. Aber was ich gewonnen habe, das fühlt sich enorm an." Ob das Rennen um die Welt sie als Person verändert habe, wusste die in Lorient lebende Tochter einer Französin und eines Deutschen so kurz nach dem Rennen noch nicht sicher einzuschätzen. Eine andere Beobachtung aber konnte sie teilen: "Ich habe das Gefühl, mein wahres Ich gesehen zu haben."

Jean-Louis Carli / Alea / #VG2020 Ein kesses Bild zum Abschied. Die Antwort auf die Frage, ob 2024 mit ihrem Comeback zu rechnen ist, ließ Isabelle Joschke zunächst offen


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