Vendée Globe 2020

Exklusiv: Wetter-Briefing von Malizia-Co-Skipper Will Harris

Für YACHT online analysiert Boris Herrmanns zweiter Mann im Team jede Woche den Rennverlauf und das Routing. In Folge 1: Warum die Startphase knifflig wird

Jochen Rieker am 07.11.2020
Will Harris an Bord der "Seaexplorer"
Team Malizia

Selbst erfahrener Hochseeskipper und Navigator: Will Harris an Bord der "Seaexplorer"

Beim letzten Volvo Ocean Race hat er in der Wettfahrtleitung zusammen mit Conrad Coleman die Taktik der Wettbewerber erklärt und ist so Millionen Seglern in aller Welt bekannt geworden. Seit zwei Jahren zählt der Brite als Co-Skipper zu Boris Herrmanns Team Malizia. 

Will Harris, der voriges Jahr auch in der Figaro-Klasse von sich reden machte, gilt als erfahrener Navigator und Allround-Talent. Für YACHT online wird der Hochsee-Profi von jetzt an regelmäßig jedes Wochenende den Verlauf der Vendée analysieren und das Wetter sowie den wahrscheinlichen Kursverlauf der kommenden Tage kommentieren. Er ergänzt damit die tagesaktuelle Berichterstattung der Redaktion, die von Sonntag an startet. 

Hier seine Prognosen für die Anfangsphase, die durchaus anspruchsvoll zu werden verspricht:  

Wir sind weniger als 48 Stunden vom Start der Vendée Globe am 8. November um 13:02 Uhr entfernt. Es war eine Herausforderung für die Teams und Rennveranstalter, diese Etappe zu erreichen. Und obwohl keine Zuschauer erlaubt sind, haben wir das Glück, dass das Rennen überhaupt stattfinden kann. Endlich sind wir in der Phase, in der wir uns das Wetter und die Strategie für den ersten Teil ansehen können.

Es wird sicher ein faszinierendes Rennen. Die Vielfalt der Flotte ist in Bezug auf die Leistung beispiellos. Etwa ein Drittel der Imocas besteht aus brandneuen Foilern. Der Rest ist eine Mischung aus Konstruktionen der letzten 20 Jahre.

Bei der letzten Vendée 2016 haben wir eine Bandbreite in der Leistungsfähigkeit der Boote erlebt, die am Ende zu Abständen von fast 8000 Seemeilen zwischen dem damaligen Sieger Armel Le Cléac'h und dem Letzten im Ziel führten – mehr als ein Ozean. Ich bin sicher, dass wir in dieser Auflage etwas Ähnliches sehen werden.

Die Entwicklung in den letzten vier Jahren in Bezug auf Foils und das Bootsdesign hat noch einmal 20 bis 30 Prozent mehr an Geschwindigkeit gebracht im Vergleich zum letztmaligen Sieger "Banque Populaire" (diesmal erneut dabei unter dem Namen "Bureau Vallée"). Im Extremfall beträgt der Zugewinn sogar an die 50 Prozent. Der Rekord von 74 Tagen dürfte also deutlich unterboten werden.

Was erwartet uns nun in der ersten Rennwoche?

In strategischer Hinsicht wird es alles andere als eine einfache Wettersituation. Der Nordatlantik befindet sich in einer ziemlich aktiven Phase, in der in den ersten zwei bis drei Tagen des Rennens mehrere Wettersysteme schnell aus Westen hereinziehen.

Vendée-Wetter-Briefing von Will Harris

Abbildung 1: Am Starttag werden 15 bis 18 Knoten Wind aus Südsüdost erwartet, die ein Tief  im Westen Frankreichs generiert (L1). Die Flotte wird zunächst in westnordwestlicher Richtung segeln   

Der Wind für Sonntag wird durch ein Tiefdrucksystem (L1) bestimmt, dessen Kern etwa 400 Seemeilen westlich der Bretagne liegt. Dieses System hat sich von Portugal nach Norden bewegt und wird seinen Weg in Richtung Irland am Sonntagabend und am Montagmorgen fortsetzen. Zur Startzeit erwarten wir 15-18 Knoten Wind aus Südsüdost und relativ flache See – perfekte Bedingungen für einen spektakulären Vendée-Globe-Start.

Sobald die Flotte weiter weg von der Küste segelt, wahrscheinlich auf West- bis Westnordwest-Kurs, wird der Wind in Richtung des Zentrums des Tiefs zunehmen; in der ersten Nacht erwarten wir bereits bis zu 35 Knoten.

Die erste Entscheidung, die es zu treffen gilt, wird sein, wie schnell und weit die Skipper nach Westen segeln. Wählen sie einen direkteren, also eher südlichen Kurs oder versuchen sie, einem schnelleren, weiter nördlichen Kurs zu folgen, um eher den neuen Westwind auf der anderen Seite des Tiefs zu erreichen. Die Boote mit neuen Foils, die auf Reach-Gängen extrem schnell sind, ermöglichen es, neue taktische Varianten wie diese auszuprobieren.

Folge 1: Vendée-Wetter-Briefing von Will Harris

Abbildung 2: Nachdem das Tief (L1) nach Norden gezogen ist, wendet die Flotte auf SW-Kurs, bevor sie später wieder nach Westen segelt  

Einmal auf der Westseite des Tiefs, wird der Wind aus dem westlichen Quadranten wehen, sodass die Flotte nach Süden wenden kann. Aber Vorsicht: Eine Hochdruck-Brücke (R1) bewegt sich schnell von Westen heran und die Skipper müssen darauf achten, nicht zu nahe an die portugiesische Küste zu segeln. Der damit verbundene hohe Luftdruck (H1) bietet kaum Wind und blockiert den direkteren Weg zum Äquator. Es sieht so aus, als würde das so bleiben, was folglich nur die Option ließe, weiter nach Westen zu segeln, um die windarme Zone zu vermeiden.  

Ein zweites Tief kann danach zu frischen bis stürmischen Bedingungen und schwerem Seegang führen, da sich eine sehr starke Kaltfront (CF1) schnell nach Osten bewegt. Der Wind wird rasch an Stärke zunehmen, wenn sich die Flotte dieser Front nähert; dann sind bis zu 40 Knoten in Böen zu erwarten. Das führt zu einer ruppigen, steilen See, die vier bis fünf Meter erreichen kann. 

Folge 1: Vendée-Wetter-Briefing von Will Harris

Abbildung 3: Ein zweites Tief mit zugehöriger Kaltfront (CF1) zieht von West heran. Der Seegang kann bis auf vier bis fünf Meter ansteigen, der Wind in Böen auf bis zu 40 Knoten. Nach Durchgang der Front kann die Flotte auf Südkurs gehen   

Für die modernen Foiler kann dies eine Herausforderung darstellen, da der Seegang zu äußerst unangenehmen, ja brutalen Bewegungen führt, potenziell auch zu Bruch. Einige Skipper entscheiden sich deshalb möglicherweise dafür, etwas weiter südlich zu bleiben, um die schlimmsten Bedingungen zu vermeiden. Die Flotte muss die Kaltfront aber in jedem Fall überqueren, um den günstigen Westwind auf der anderen Seite zu erreichen, der es ihr ermöglicht, einen südlichen Kurs einzuschlagen.

Sobald diese Kaltfront am Dienstagnachmittag passiert ist, wird unklarer, welcher Weg der beste ist. Ein Tief blockiert die sonst übliche östliche Strömung des Passatwinds, und das hinterlässt ein unsortiertes Durcheinander in der Druckverteilung. 

Die Wettermodelle stimmen derzeit nicht überein, welche Zugbahn das Tief nimmt. Diese wiederum entscheidet darüber, ob die Skipper weiter West machen oder eher nach Süden segeln sollten. In den Ensemble-Routings, die alle möglichen Entwicklungen und Kurse berechnen, zeigt sich eine Ost-West-Abweichung von bis zu 1000 Seemeilen.

Folge 1: Vendée-Wetter-Briefing von Will Harris

Abbildung 4: Das Ensemble-Routing nach GFS, eine Iteration zur Bestimmung der Wahrscheinlichkeit verschiedener Wetterszenarien, zeigt ab Dienstag wenig Übereinstimmung in der Vorhersage. In West-Ost-Richtung weichen die Routen bis zu 1000 Seemeilen voneinander ab. Für die Skipper bedeutet das: warten und weiter analysieren, bis sich ein klareres Bild ergibt

Klarheit herrscht nur insoweit, als die östliche Option nahe der Kanarischen Inseln eher nicht sinnvoll erscheint; sie kann aber auch noch nicht vollständig ausgeschlossen werden. Möglicherweise öffnet sich entlang der afrikanischen Küste ein Windkorridor, den ein Teil der Flotte aufsuchen wird, wenn der Rest des Atlantiks zu unvorhersehbar erscheint.

Für die Skipper steht also eine knifflige und wichtige Entscheidung an. Sie werden sie wahrscheinlich erst ein bis zwei Tage nach dem Start treffen. Und es ist möglich, dass sich dabei schon einige erste große Lücken in der Flotte auftun.

Die Taktik für die unmittelbare Anfangsphase dagegen ist klar: Es gilt, konservativ zu segeln und das Boot in den ersten intensiven Tiefs des Nordatlantiks vor frühen Schäden zu bewahren.

Jochen Rieker am 07.11.2020

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