Vendée Globe

Ein Sieg für die Geschichtsbücher

François Gabart gewinnt die Vendée Globe in 78 Tagen und ist der erste Mensch, der mit einem Monohull die magische 80-Tage-Marke unterbietet

Andreas Fritsch am 27.01.2013
Macif

"Macif" auf dem Weg zur Ziellinie

Unter dem Jubel von mehr als 100.000 Zuschauern in Les Sables d'Olonne beendete François Gabart an Bord von "Macif" als jüngster Sieger der Vendée sein Rennen um den Globus heute, Sonntag, Nachmittag  kurz nach 15 Uhr. Nur etwa fünf Stunden vor seinem Verfolger Armel Le Cléac'h ("Banque Populaire") ging er nach 78 Tagen, 2 Stunden und 16 Minuten über die Ziellinie. Nur wenige Minuten danach stieg noch auf See Gabarts Frau an Bord, beide lagen sich minutenlang in den Armen. Knapp sechs Monate vor dem Start war der Franzose Vater eines Sohnes geworden. Später bei der Einfahrt in den Kanal von Les Sables d'Olonne rang der sympathische Sieger lange sichtbar mit den Tränen, bevor er sich einfach dem Jubel hingab. Wenig später stieg sein Mentor Michel Desjoyeaux an Bord und gratulierte seinem Schützling, bevor Gabart das obligatorische Feuer der Signalfackeln zündete.

gabart

Gabart beim Interview nach dem Zieldurchgang

Macif im Ziel

Einfahrt nach Les Sables

Der Sieg des erst 29-jährigen Franzosen ist auch eine historische Leistung. Erstmals schafft es damit der Skipper eines Monohulls, unter der magischen 80-Tage-Marke zu bleiben, die seit dem Klassiker "In 80 Tagen um die Welt" von Jules Verne in den Köpfen vieler Segler herumspukt. Anfang der neunziger Jahre, als die Jules Verne Trophy ins Leben gerufen wurde, gab es schon einmal einen Run auf die Bestmarke. Ein Preisgeld wurde für die erste Crew ausgelobt, die es schaffte, die Welt in weniger als 80 Tagen zu umsegeln. Damals glaubte niemand daran, den Rekord jemals mit einem Monohull brechen zu könne, so begann die Zeit der Riesen-Kats und -Tris. Vier Jahre lang dauerte es, bis der ersten Crew der Durchbruch gelang: Bruno Peyron und seine Mitstreiter auf dem 85-Fuß-Kat "Commodore Explorer" waren die ersten, die 1994 die magische Marke knackten. Mittlerweile senkten die Monster-Tris wie "Groupama 3" und "Banque Populaire V" jenseits der 100-Fuß-Grenze den Wert auf knapp 45 Tage (siehe Grafik weiter unten).

Fotostrecke: Macif im Ziel

Nun ist also "Macif" der erste Monohull in der Geschichte des Segelns, der unter 80 Tagen bleibt. Gabart und auch Armel Le Cléac'h unterboten die Marke so deutlich, wie es wohl kaum jemand erwartet hätte. Bei der letzten Vendée Globe war Michel Desjoyeaux zwar mit rund 84 Tagen und 3 Stunden schon dicht dran, aber dass der diesmalige Sieger ihm fast eine Woche abnimmt, ist schon sehr bemerkenswert.

Ein beinhartes Duell um den Globus


Day 79 Highlights von VendeeGlobeTV

Fotostrecke: Bestmarken um die Welt

Antrieb zur Bestleistung war der unerbittliche Kampf um die Spitze, den sich die beiden Franzosen fast von der ersten bis zu letzten Meile um den Globus lieferten. Schon kurz nach dem Start übernahm Gabart die Führung, konnte sie aber auch über lange Strecken nicht behaupten, etwa als sich Le Cléac'h nach den Kanaren an die Spitze setzte und diese bis zum Eintauchen in den Southern Ocean zäh verteidigte. Zwar konnten Jean-Pierre Dick, Vincent Riou und auch Bernard Stamm lange Zeit mithalten, doch dann zeigte das Rennen seine unerbittliche Seite: Riou schied wegen Kollision mit Treibgut aus, Stamm wegen technischer Defekte, und Jean-Pierre Dick verlor kurz vor Australien nach einem Problem mit einem Segel den Anschluss an dasselbe Wettersystem wie seine Gegner. Die Folge war ein enormer Rückstand, der sich rasch der 1000-Seemeilen-Marke näherte.  

Dann war es nur noch das Duell. Und was für eins. François Gabart und Armel Le Cléac'h schenkten sich rund 27.000 Seemeilen lang nichts. Mit neuem Rekord-Speed querten sie die Strecke zwischen Südafrika und Australien. Beide kennen sich aus dem Figaro-Zirkus gut, trainierten sogar viel zusammen. Le Cléac'h versuchte gelegentlich durch taktisch riskante Entscheidungen, etwa beim Umfahren von Hochdruckzonen im Indischen Ozean, wobei er weit, weit von den Gegnern wegsegelte, eine Vorentscheidung zu erzwingen. Doch Gabart kam immer wieder heran und ging schließlich im Indischen Ozean wieder in Führung. Fast immer schien er in Sachen Bootsspeed den kleinen, entscheidenden Tick zulegen zu können. Sein Mentor Michel Desjoyeaux schrieb dies in einem Interview unter anderem einem sehr flachen Reacher ("Blast Reacher") zu, den der Skipper von "Macif" für Windbedingungen um die 35 Knoten entwickelt hatte.

Le Cléac'h kämpfte, versuchte jeden größeren Dreher besser zu nehmen, doch immer wieder konterte François Gabart souverän, holte sich die Führung zurück. Bis zum Kap Hoorn sah der Kampf noch so ausgeglichen aus, dass ein Sieg Le Cléac'hs genauso möglich schien. Doch dann wendete er beim Umfahren eines Hochs kurz nach Kap Hoorn nach Westen vom Gegner weg, Gabart wählte eine östliche Variante. Von da an segelte der "Macif"-Skipper langsam, aber sicher immer weiter davon, baute den Vorsprung nach dem Äquator erstmals auf über 100 Seemeilen aus. Vielleicht ist sein Boot schlicht das schnellere, besonders am Wind, vielleicht war es auch ein nicht so optimales oder defektes Segel bei Le Cléac'hs – wir werden es wohl in einigen Tagen wissen, wenn die beiden Skipper bei den Pressekonferenzen ihre Karten das erste Mal offenlegen. Kurz vor dem Ziel gab es auch Gerüchte um Probleme mit den Ballast-Tanks von Le Cléac'hs "Banque Populaire". Fest steht aber ohne Frage, dass sich die beiden auf ein enorm hohes Level pushten und dabei trotzdem ihr Material perfekt im Griff hatten, sodass die entscheidenden kleinen Defekte, die Jean-Pierre Dick oder Bernard Stamm letztlich aus dem Rennen um den Sieg warfen, ihnen erspart blieben.

Ein weiterer Grund für das enorme Tempo, das der diesjährige Vendée-Gewinner vorlegte, sieht sein ausgeschiedener Mitstreiter Vincent Riou ("PRB") in den enorm verbesserten Autopiloten, wie er im Fernsehen bei der Zielankunft erklärte. Die machen es mittlerweile problemlos möglich, die Boote bei 20 bis 25 Knoten Bootsspeed sich selbst zu überlassen, sodass der Skipper besser regenerieren oder die Taktik analysieren kann.

Der Sunnyboy gegen den bretonischen Kämpfer 

Der 29-jährige Gabart bewies während des ganzen Rennens eine erstaunliche Lockerheit und Fröhlichkeit. Dachte man zunächst, sie sei etwas aufgesetzt, um den Gegner zu demotivieren, so wurde gegen Ende immer klarer: Dem Jungen macht die Hatz um die Welt einfach einen unglaublichen Spaß. Während die Gegner über die Belastungen klagten, bei Videokonferenzen müde und erschöpft wirkten, Bilder ins Netz stellten, auf denen sie wie blasse Zombies aussahen, wirkte François Gabart immer frisch. Unvergessen, als er nach seinem 24-Stunden-Rekord (534,48 Seemeilen) den fassungslosen Interviewern der Regatta-Medienleute sagte, er habe dabei richtig gut geschlafen, weil der Auto-Pilot die meiste Arbeit erledigt habe. Er genieße den Fight mit Le Cléac'h, sagte er immer wieder, begriff es als Spaß, nicht als Stress. Die Zeit auf See sei das Schönste für ihn, der schon als Siebenjähriger mit seinen Eltern ein Jahr auf dem eigenen Boot über die Kanaren in die Karibik und wieder zurück nach Europa gesegelt war. Sein Gegner Le Cléac'h wirkte dagegen in manchen Filmen und Videos enorm angespannt, schien den Sieg geradezu erzwingen zu folgen, was ihm in den britischen Medien den wenig schmeichelhaften Vergleich "Darth Vader versus the Sunnyboy" einbrachte.

Das schnellste Boot des Feldes

Eins der vielen Indizien, das nahelegt, dass François Gabart trotzdem nicht einfach nur der Sunnyboy ist, der auf den Bildern so locker rüberkommt, ist sein technischer Hintergrund. Immerhin hat er ein Ingenieurs-Diplom in der Tasche und gilt als akribischer, geradezu perfektionistischer Techniker, der bei der Vorbereitung seines Bootes nichts dem Zufall überließ. Zudem segelte er wohl das beste Schiff der Flotte: Die vom Großmeister Michel Desjoyeaux persönlich optimierte "Foncia", Baujahr 2011. Zusammen mit ihm war er auf ihr beim Barcelona World Race gestartet, doch ein früher Mastbruch warf sie aus dem Rennen. Trotzdem: Gabart berichtete von keinem einzigen größeren technischen Problem an Bord. Vielleicht auch ein bisschen Taktik, um den Gegner keinen Vorteil vermuten zu lassen, aber mit Sicherheit ein Indiz für eine makellose Vorbereitung. 

Seglerisch war seine Karriere kurz, aber steil: Vom Opti in die Europe (beide mit Meistertiteln abgeschlossen), weiter in den Tornado, dann weiter in die Figaro-Klasse, in der er 2010 hinter Armel Le Cléac'h Zweiter wurde. Schließlich der Sprung in die Königsdisziplin der Einhandsegler, die Open 60s. Gabart hatte den großen Skipper-Talent-Wettbewerb des Sponsors Macif, eine große Versicherung, gewonnen. So kam er 2008 in das Team, das später von Michel Desjoyeaux die "Foncia" übernahm. Von Anfang an war er erfolgreich: Ein zweiter, vierter, dann erster Platz bei Transatlantik-Rennen. Nur die große Fuge, eine Weltumsegelung, fehlte in seiner Vita – einer der Gründe, warum viele Le Cléac'h vorn sahen, der schon seine zweite Vendée Globe segelt und letztes Mal Dritter war. Beim Start des Rennens im November galt François Gabart als Riesentalent auf einem Super-Boot, nur keiner wusste, wie viel er davon abrufen könnte. Nun wissen wir es: 100 Prozent.

Andreas Fritsch am 27.01.2013

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