Vendée Globe

Ein kaum fassbares Comeback

Der Brite Alex Thomson rollt das Vendée-Feld mit einem atemberaubenden Speed auf – von Platz acht auf Platz zwei in nicht einmal 24 Stunden

Andreas Fritsch am 12.11.2016
Hugo Boss

"Hugo Boss" im Tiefflug

Das die "Hugo Boss" ein radikales Boot ist, sieht man ihr auf den ersten Blick an: Sie ist das schmalste im Feld, hat die längsten Foils und eine extrem leichte Bugpartie, die wie ein Messer mit abfallenden Decks zugeschnitten ist. Und seit Thomson mit der Wut im Bauch über seinen taktischen Fehler vor der Küste Portugals fährt, presst er alles aus seinem Boot heraus, um seinen Traum des Titels im vierten Anlauf endlich zu verwirklichen. Und die Zahlen, die er liefert, sind ehrfurchterregend: Stundenlang brettert er mit fast 22 Knoten durch den Passatwind in Richtung Kapverden, während die Konkurrenz ganze drei Knoten langsamer unterwegs ist.

Alex Thomson live von Bord gestern Nachmittag:

Hugo Boss

"Hugo Boss" im Tiefflug

In den letzten 24 Stunden segelte er von Platz acht auf Platz zwei vor, nahm dem Zweitplatzierten Vincent Riou unglaubliche 34 Seemeilen ab, dem führenden Armel Le Cléac'h 20. Solche Speedunterschiede sind bei einer Regatta Welten.

Thomson segelt den einzigen der brandneuen Foiler, den die übermächtige französische Konkurrenz nur schwer einschätzen kann: Er nahm nie an den Trainings der Open-60-Skipper vor La Foret teil, die diese nutzen, um sich gegenseitig schnell zu machen. Stattdessen setzte er beim Fine-Tunning seines Bootes auf teameigene Designer für die Foils und Teile des Rumpfs, um sich einen Speed-Vorteil zu verschaffen. Als ob er etwas geahnt hätte, sagte Armel Le Cléac'h vor dem Start, die "Hugo Boss" sei das einzige Boot, das er leistungsmäßig nicht einschätzen könne.

Letzte Video-Zusammenfassung der Vendée, Tag 6 


D6 Bye bye Canary Islands / Vendée Globe von VendeeGlobeTV

Scheinbar ist dem Briten diesmal, im vierten Anlauf, endlich designmäßig der große Wurf gelungen. Und er glaubt fest daran, dass es für ihn taktisch immens wichtig ist, kurz vor dem Southern Ocean ganz vorn mit dabei zu sein. Als die YACHT kurz vor der Vendée zum Testschlag vor Sylt an Bord seiner "Hugo Boss" war, betonte er das immer wieder: "Wer als Erstes auf den Zug der Tiefdruckgebiete aufspringt und nur ein paar Stunden Vorsprung hat, holt da manchmal 50, 100 Meilen an einem Tag raus. Und oft sind die wenig später genau der Unterschied, ob du aus einem schnell ziehenden Tief rausfällst oder nicht. Schaffst du es, ein Wettersystem zwischen dich und die Verfolger zu bringen, ist das ein gigantischer Vorteil!"

Und genau darum kämpft er jetzt mit Zähnen und Klauen. Von einst 65 Seemeilen Rückstand auf den Führenden sind nur noch 24 übrig, und immer noch segelt er mit zwei Knoten höherem VMG als Armel Le Cléac'h. Bleibt nur zu hoffen, dass er sein Boot nicht überfordert. Gestern abend sagte Thomson: "Ich bin am absoluten Limit, was die Segelfläche angeht. Das Boot verlangt jetzt totale Konzentration, damit ich keine Patenthalse fahre, einen Sonnenschuss oder zu hart in eine Welle krache." Er segelt zurzeit mit dem Gennaker Nummer 3 und gerefftem Groß. In den nächsten Stunden folgt eine taktisch kniffelige Entscheidung: Durch den Archipel der Kapverden hindurch oder aus Sorge vor Windschatten außen herum. "Mein Routing empfiehlt die Passage zwischen den Inseln, 'Safran' scheint das Gleiche vorzuhaben. Ich weiß nicht, was Armel und Vincent tun. 'Edmond de Rothschild' und 'Maitre Coq' werden wohl außen rumgehen."

Danach prophezeien die Meteorologen der Vendée kaum vorhandene Doldrums, ideale Bedingungen also, um sich an die Spitze zu setzen. Es wird interessant, was die nächsten 24 bis 48 Stunden für den Briten bringen.

Andreas Fritsch am 12.11.2016

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