Regatta

Die Führenden der Vendée Globe sind über den Äquator

Alex Thomson segelte gestern Abend als Erster in den Südatlantik. Er positioniert sich weiter westlich, die Verfolger wählen eine östlichere Variante

Andreas Fritsch am 19.11.2020
HUgo Boss
JEAN MARIE LIOT/Alea

Führt, doch der Vorsprung schmilzt: "Hugo Boss"

Die Doldrums waren gnädig, haben bislang keins der führenden Boote nennenswert aufgehalten. Im Laufe der Nacht passierten auch Thomas Ruyant ("Linked Out"), Charlie Dalin ("Apivia") Jean Le Cam ("Yes we Cam") und als Fünfter Kevin Escoffier ("PRB") den Äquator. Mit neun Tagen und 23 Stunden war Thomson langsamer als bei seinem Rekord von der letzten Auflage, wo er schon nach neun Tagen und sieben Stunden in den Südatlantik wechselte. 

In den Rankings hat sich Verfolger Ruyant mittlerweile bis auf 37 Seemeilen an den Briten herangearbeitet, was aber vor allem daran liegt, dass dieser einen wesentlich westlicheren Kurs segelt als die Verfolger. Er will sich anscheinend so weit wie möglich am Rand des Hochdrucks vorbeiquetschen, relativ dicht unter die brasilianische Küste gehen, um nicht zu hoch an den Wind zu müssen, ein Kurs, für den die halbrunden Foils von "Hugo Boss" nicht ideal sind. Sie sind beim Bau klar auf Top-Performance auf Reachkursen entwickelt worden, Höhe laufen ist nicht ihre Sache.

Stand des Rennens

Stand des Rennens heute Morgen

Ein Vorteil für die Verfolger, die Boote mit deutlich gemäßigteren Foil-Varianten fahren, die mehr Allrounder sind als Thomsons Anhänge. Und sie drücken aufs Tempo, denn vor dem Feld entwickelt sich die Wetterlage eher komplizierter. Das St.-Helena-Hoch, das in einem schmalen, langen Streifen vom Kap der Guten Hoffnung bis fast nach Brasilien reicht, dehnt sich weiter aus, und zurzeit sieht es so aus, als müssten die Skipper zwischen zwei weiteren Hochs, die sich entwickelt haben, quasi im Slalom ihren Weg darum herum zum Kap der Guten Hoffnung suchen. Je früher man dort durchkommt, desto besser. Tendenziell sieht es so aus, als ob die Situation mit jedem Tag schwieriger wird.

Stand des Rennens

Die komplizierte Wetterlage auf dem Weg zum Kap der Guten Hoffnung zwischen zwei Hochs hindurch

Die alte Erkenntnis dahinter ist taktisch bislang fast immer eingetreten: Wer es als Erster in den Gürtel der Tiefs schafft, der um etwa 40 Grad Süd westwärts um die Erde zieht, gewinnt reichlich Meilen auf die Verfolger. Denn dann kommt plötzlich stabiler, raumer Wind, was oft sechs, acht oder noch mehr Knoten Speed verschafft als die Verfolger. Die fünf Stunden Vorsprung, die Thomson am Äquator hatte, sind dann unter Umständen schnell, 40, 50 Meilen Vorsprung wert. Das kann der entscheidende Vorteil sein, um das ultimative taktische Ziel für diesen Teil des Rennens zu erreichen: Gelingt es dem Führenden, ein Tief zu erwischen, das die Verfolger verpassen, wächst sein Vorsprung schnell auf 100, 200 Meilen an. Entsprechend stehen die Skipper unter Druck. Vielleicht einer der Gründe, warum sich Alex Thomson gestern nicht von Bord meldete. Boot und Skipper müssen noch einmal Kraft tanken, und alles an Bord muss bereit sein, für diese Phase des Rennens. 

Alex Thomson fasst sein Rennen für sich bis zum Äquator zusammen

Weiter hinten hat sich das Feld schon weit aufgefächert. Während das Gros der Verfolger in den Passatwinden segelt, gibt es immer wieder kleinere Grüppchen, die sich vom Äquator bis hin zu den Kanaren verteilen, schon jetzt fast 1500 Meilen Rückstand haben. Die frühe Sturmfront in der ersten Woche und die komplizierte Passage des Ex-Wirbelsturms "Theta" haben ihre Spuren hinterlassen.

Noch immer um seinen Traum von der Vendée kämpft der Japaner Kojiro Shiraishi ("DMG Mori Global One"). Seit Tagen repariert er nun schon sein gerissenes Großsegel, die Segelmacher von North haben ihm in Zusammenarbeit mit seinem Team einen Reparatur-Vorschlag geschickt, den er nun umsetzt. Gestern sägte er Kohlefaser-Patches auf dem Vorschiff und befestigte improvisierte Latten mit Schrauben im Segel. Er sagte, "Es wird eine enorme Leistung  sein, wenn ich das Rennen mit diesen Segel beenden könnte." Nachdem er für die Arbeiten lange in der Flaute vor den Kanaren dümpelte, hat er mittlerweile ein Vorsegel gesetzt und segelt mit elf Knoten Speed zumindest in die richtige Richtung. 

Fast wieder am Feld angekommen ist Fabrice Amedeo ("Newrest"), der nach einem Schaden nach Les Sables zurückgekehrt war und nun nur noch 130 Meilen Rückstand auf den vor ihm segelnden Clement Giraud hat. Jérémie Beyou hat mit seiner "Charal" als Schlusslicht mittlerweile die Biskaya verlassen und kann nun mit idealen und kräftigen Wind gen Kanaren segeln. Er hat 1500 Seemeilen Rückstand zum nächsten Teilnehmer. Man darf gespannt sein, wie viele Teilnehmer er noch überholen kann.

Boris Herrmann dürfte im Laufe des Vormittags den Äquator passieren, vermutlich auf Platz sieben. Er dürfte damit voll zufrieden sein, ist seinem Traumziel – ein Platz unter den ersten fünf – damit sehr nahe. Die dort segelnde "PRB" von Kevin Escoffier ist gerade einmal 50 Seemeilen vor ihm. Zu Thomson ist sein Abstand auf 225 Meilen gesunken, es waren einmal fast 300. Er setzte gestern die Forschungsboje aus, die er an Bord mitgenommen hatte und die wichtige Daten für die weitere Erforschung des Klimawandels liefern soll. 

Boris Herrmann setzt die Forschungsboje aus, die er mit an Bord hatte

Ein enorm starkes Rennen bestreitet auch der Franzose Louis Burton mit seiner "Bureau Vallée 2". Solide und überraschend schnell segelt er die alte "Banque Populaire" von Armel Le Cléac'h, die keine neuen Foils bekam, aber in Details optimiert wurde. Unter anderem wurden die Foils nun anstellbar, eine Änderung, die erst seit diesem Rennen erlaubt ist. Der Franzose aus Saint-Malo zeigte sich vor der Vendée fast nie bei anderen Rennen, trainierte im Stillen für sich. Offensichtlich sehr erfolgreich, er segelt fast gleichauf mit "PRB" und wehrt sich hartnäckig dagegen von Sam Davies ("Initatives Cœur") und Boris Herrmann eingeholt zu werden.

Andreas Fritsch am 19.11.2020

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