Vendée Globe
Boris Herrmann: "Ich habe gekämpft wie ein Löwe"

Keine 100 Seemeilen entfernt vom Ziel hat die Kollision mit einem Fischtrawler Boris Herrmann nach über 80 Tagen auf See um den verdienten Lohn gebracht

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 28.01.2021
Boris Herrmann in einem Ausschnitt aus dem Video, das er nach der Kollision von Bord schickte Boris Herrmann in einem Ausschnitt aus dem Video, das er nach der Kollision von Bord schickte Boris Herrmann in einem Ausschnitt aus dem Video, das er nach der Kollision von Bord schickte

Boris Herrman Racing / #VG2020 Boris Herrmann in einem Ausschnitt aus dem Video, das er nach der Kollision von Bord schickte

Er hatte es nicht mehr weit. Zuhause in Deutschland fieberte ein Millionen-Publikum mit. Allein bei der NDR-Live-Fernsehübertragung, die aufgrund der mehrfach verschobenen Übertragungszeiten etwas holprig begonnen hatte, hatten rund 650.000 Zuschauer eingeschaltet. Alle wollten den deutschen Segelstar dabei verfolgen, wie er sich bei seiner Premiere einen Platz auf dem Podium erkämpft. Sogar der Sieg erschien noch möglich. "Dafür habe ich in den vergangenen Tagen wie ein Löwe gekämpft", sagte Herrmann. Doch dann kam es in dunkler Nacht zur Kollision mit einem Fischtrawler, und die Podiumsträume platzten. Glück im Unglück: Weder Herrmann noch die beteiligten Seeleute kamen zu Schaden. Den Ablauf der Ereignisse schildert Herrmann in einem Video, das er wenige Stunden nach dem Vorfall von Bord schickte, so:

"Vor ungefähr einer halben Stunde bin ich mit einem Fischtrawler kollidiert. Ein großer Fischtrawler. Ich schlief gerade. Hier im Cockpit. Ich wachte auf und schaute auf eine riesige Wand. Meine Segel auf der Steuerbordseite waren an seiner Seite. Mein Gennaker hatte sich in seinen Kränen und anderen seitlichen Aufbauten verfangen. Mein Outrigger knallte ein paar Male in den Fischtrawler. Dann konnte ich glücklicherweise an ihm vorbeikommen und weiterfahren. Aber das war ein echter Schockmoment.

Screenshot / Positionen / Tracking / #VG2020 Die Positionen am Mittwochabend, kurz nach der unglücklichen Kollision von Boris Herrmanns "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco" mit einem Fischtrawler

Dann habe ich alles gründlich untersucht. Zuerst die wichtigsten Sachen: dass kein Wasser eindringt. Das Foil ist beschädigt. Aber nicht der Foil-Kasten. Der Bugspriet ist abgebrochen. Der Bugkorb ist ebenfalls gebrochen, hängt aber noch dran. Dann hatte ich auch das kaputte flatternde Segel in der Luft. Ich habe mich zuerst angezogen und meinen Lifebelt angelegt. Dann bin ich aufs Vordeck und habe einen Plan gemacht, wie ich das Segel wieder an Bord bekommen kann. Zuerst dachte ich daran, alles wegzuschneiden. Doch dann dachte ich, dass ich vielleicht das Fall und andere Sachen später noch nutzen kann. Ich habe das Luv-Ruderblatt runtergelassen, um beim Steuern maximale Sicherheit zu haben. Das war ein ziemlicher Job. Dann bin ich zur Inspektion auf den Outrigger geklettert. Das obere Want ist abgebrochen, am Beschlag abgeschoren. Aber der Outrigger ist noch an seinem Platz, und ich kann ein Notwant setzen. Der Mast hat zwei Wanten. Das untere ist noch da. Ich segele auf Steuerbordbug, also sieht das Rigg gut aus. Und scheint sicher für den Moment, soweit ich das beurteilen kann.

Jetzt stehe ich mit dem Shore-Team in Kontakt, um den besten Plan zu entwickeln. Ich werde vermutlich mein Großsegel reffen. Es ist immer noch voll gesetzt – um sicherer zu segeln. Und ich habe ein halbgebrochenes Foil im Wasser hängen. Es ist ziemlich stark gebrochen. Und ich bin ziemlich am Boden zerstört. Es tut mir leid für alle, die uns unterstützen, dass das passiert ist.

Team Malizia Das Ziel ist klar: Boris Herrmann will sein Boot über die Ziellinie bringen

Das ist sicher der schlimmste Alptraum, der mir je passiert ist. Auf der Haben-Seite steht, dass wir immer noch im Rennen sind und immer noch einen Mast haben. Es sind 85 Seemeilen bis ins Ziel. Ich denke, dass wir das schaffen können. Wir werden viele Plätze verlieren, aber das ist nahezu zweitrangig im Moment. Was mich wirklich bewegt, ist die Frage, warum das passiert ist. Ich hatte alle Alarmsysteme an. Es gab an diesem Nachmittag viele Schiffe. Der Radaralarm hat mich jedes Mal perfekt gewarnt. Der AIS-Alarm hat mich gewarnt. Auch Oscar war an. Ich hatte alles an. Und ich habe mit jedem Schiff bewusst gecheckt, ob der Alarm gut funktioniert. Ich habe auf dem Radar beobachtet, wie das Echo ist. Und das hat bei all den Schiffen perfekt funktioniert, denen ich begegnet bin. Als ich nach dem Vorfall wieder unter Deck war, gab es aber keinen Alarm. Wie kann das Radar dieses Schiff nicht sehen? Ich habe keine Ahnung. Manchmal machen die Fischer ihr AIS nicht an. Ich versuche noch einmal, tief Luft zu holen und dieses Problem mit dem Want zu lösen und freue mich, dass ich das Rennen beenden kann. Es ist ziemlich herzzerreißend, aber wir werden das schaffen."

Der "Seaexplorer - Yacht Club de Monaco"-Skipper erzählt, was sich bei der Kollision mit dem Fischtrawler zugetragen hat, in welchem Zustand sein Boot jetzt ist und wann er voraussichtlich in Les Sables-d'Olonne ankommen wird

In einer späteren Nachricht gab Herrmann auch bewegende Einblicke in seine Gedankenwelt und den Umgang mit dem schmerzlichen Rückschlag am Ende eines großen Rennens:

"Ich bin um 19.30 Uhr mit einem Fischerboot kollidiert. Dabei sind keine Personen zu Schaden gekommen. Ich kann mein Rennen fortsetzen, bin aber deutlich verlangsamt. Ich fahre jetzt sechs, sieben Knoten. Ich werde morgen voraussichtlich gegen Mittag oder am frühen Nachmittag anstatt wie geplant heute kurz nach Mitternacht ins Ziel kommen. Damit sind das Podium und die Platzierungen natürlich weg. Aber ich sehe es wie ein Unglück. Und das Positive an dem Unglück ist, dass ich trotzdem die Vendée Globe beenden werde, dass niemand zu Schaden gekommen ist und die Schäden am Schiff reparabel sind. Dennoch ist es ein harter Tag für mich. Ich habe ein lachendes und ein weinendes Auge. Das lachende sagt 'Sei froh, dass es nicht an anderer Stelle, früher im Rennen passiert ist. Sei froh, dass du das Rennen beenden kannst', das weinende Auge sieht natürlich die Schäden und das verlorene Podium nach 80 Tagen dermaßen harter Arbeit. Diese einmalige Chance im Leben… Vielleicht werde ich nie wieder so nah rankommen an so ein Podium? Ich habe gekämpft wie ein Löwe in den letzten Tagen. Und heute… Na, gut. Ich freue mich trotzdem auf das Ankommen. Darauf, die Menschen wiederzusehen. Und meinen ersten Tag an Land in diesem Jahr morgen zu beginnen. Beste Grüße von Bord von einem geknickten und etwas betrübten Skipper."

Team Malizia/Andreas Lindlahr Ein Bild aus besseren Tagen: Boris Herrmann und seine "Seaexplorer – Yacht-Club de Monaco"


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Themen: Boris HerrmannSeaexplorer - Yacht Club de MonacoVendée Globe

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