Vendée Globe

Boris Herrmann: "Chancen auf den Sieg bestehen definitiv"

Bei einer Online-Presskonferenz bestätigte Herrmann am 68. Tag auf See, was Experten seit Tagen prophezeien: Er kann in den Kampf um den Sieg eingreifen

Tatjana Pokorny am 14.01.2021
Vendée Globe 2020/2021
Boris Herrmann Racing / #VG2020

Die Aussichten von Bord von Boris Herrmanns "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco" sind nicht nur auf diesem Bild schön und vielversprechend

Vendée Globe 2020/2021

Boris Herrmann im Endspurt

Boris Herrmann hat sich nach 67 Tagen auf See eine ernsthafte Siegchance bei seiner Vendée-Globe-Premiere erarbeitet. Das sagen Experten schon seit Tagen voraus. Nun hat der 39-jährige Skipper der "Seaexplorer – Yacht Club de Monaco" es auch selbst und ganz unaufgeregt ausgesprochen: "Chancen auf den Sieg bestehen definitiv." Am Donnerstagnachmittag hatte er sich bereits auf Platz fünf vorgearbeitet. An der Spitze hatte "Apivia"-Skipper Charlie Dalin seinen Vorsprung vor Louis Burton mit 20 Seemeilen leicht ausbauen können. Weitere 35 Seemeilen dahinter blieb "LinkedOut"-Skipper Thomas Ruyant mit gebrochenem Flügel dran. Als Vierter ließ sich Damien Seguin auf "Groupe Apicil" ganz ohne Foils noch immer nicht abschütteln. Yannick Bestaven, der große Verlierer der Wetterentwicklung der vergangenen Tage, fiel mit "Maître Coq IV" hinter Herrmann zurück, hat inzwischen fast schon 100 Seemeilen Rückstand auf Charlie Dalin.

Vendée Globe 2020/2021

Diese Aussicht genoss zuletzt der Viertplatzierte Damien Seguin, der mit seiner "Groupe Apicil" ganz ohne Foils immer noch mit den führenden Booten mithielt

Hier erzählt Boris Herrmann, wovon er träumen wird, wenn er wieder zu Hause in Hamburg ist

In der Online-Pressekonferenz äußerte sich Boris Herrmann zu den jüngsten Entwicklungen, den eigenen Aussichten und seiner Sehnsucht nach dem Ende dieses Meeres-Marathons. Hier seine Aussagen zu den einzelnen Themen in Auszügen:

Zum Verlauf der finalen Phase:

Die Alarme springen immer wieder an. Die Nerven sind voll angespannt. Das Boot foilt unter voller Last. Wir sind in drei Tagen am Äquator. Bis dahin raumt der Wind. Das macht es etwas einfacher. Im Nordostpassat können wir noch einmal wieder starken Wind haben. Dann geht es in die Westwindzone mit ihren Tiefdruckgebieten und raumschots nach Hause. Zwischendurch sind die Doldrums auch noch da. Wenn da die ersten dort vielleicht aufstoppen, sind vielleicht noch ein paar Meilen zu gewinnen.

Zum eigenen mentalen Zustand:

Ich bin momentan sehr angespannt. So wie fast noch nie. Wir hatten fast noch nie diese Foiling-Bedingungen. Es gehen harte Schläge durch Schiff und Körper. Bei 22 Knoten überschreiten wir schon alle Lastenwerte. Dann ist Alarmstufe rot. So ist es etwa die halbe Zeit.

Zur vor ihm liegenden Konkurrenz:

Ich fahre mein Rennen. Was andere machen, ist für mich eher eine Referenz. Burton überrascht mich. So hat man ihn in der Vergangenheit nicht gesehen. Das habe ich nicht erwartet. Dalin und Ruyant sind ja so Geheimnisträger, sagen nicht so, was Sache ist. Ich kümmere mich aber nicht darum, ob sie Foils nutzen können oder nicht. Anscheinend ja. Dalin fährt 16 Knoten. Das geht ohne Foils gar nicht.

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Nicht nur für Boris Herrmann überraschend stark: der auf Platz zwei liegende "Bureau Vallée 2"-Skipper Louis Burton

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"Geheimnisträger" Charlie Dalin: Wie stark ist der Spitzenreiter tatsächlich gehandicapt?

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Was geht noch für den aktuell auf Platz drei liegenden Thomas Ruyant?

Zu den großen Verlusten des ehemaligen Spitzenreiters Yannick Bestaven:

Das hat vor allem mit Sequenzen und der Entwicklung der Wettersituation zu tun. Da kann keiner was für. Das ist Pech für Yannick und Glück für uns. Es hat damit zu tun, wie sich das Hochdruckgebiet zur südamerikanischen Kaltfront verhalten hat. Das ist eine Wetterbarriere. Die war stärker ausgeprägt. Mit geringeren Winden für die ersten, die dort rausgekommen sind. Das Szenario hat Yannick keine Möglichkeit gelassen, als auf sehr westliche Route zu gelangen. Der Computer kann nicht ausrechnen, wenn wir verlangsamen oder anhalten sollten. Manchmal wäre es besser, wir würden 24 Stunden anhalten und dann voll weiterfahren. Aber so funktioniert es nicht. Das Paradox ist hier passiert. Ich glaube, das passiert häufiger, als man denkt. Das gab es damals schon zwischen Michel Desjoyeaux und Ellen MacArthur oder auch zwischen Armel Le Cléac'h und Alex Thomson, der in einer solchen Situation hunderte Meilen gutmachen konnte. Das erleben wir fast regelmäßig im Atlantik. Yannick hatte auch sein Glück in diesem Rennen. Und jetzt hat er sein Pech. Das gleicht sich am Ende aus. Und am Ende sind doch die Guten vorne. Es wäre schon komisch, wenn ein Team wie Apivia von einem älteren Schiff geschlagen wird. Und Yannick ist ja noch im Match. Es hätte schlimmer laufen können. Er hat noch alle Möglichkeiten, seine Karten auszuspielen.

Zu seinem Segelstil und der Frage, ob er im Endspurt mehr riskieren wird:

Ich glaube nicht, ehrlich gesagt. Ich beobachte mich manchmal bisschen. Aber ich denke, ich segele wie am Anfang. Man ist immer mit Kompromissen behaftet. Man wird nie in Ruhe gelassen. Jetzt beispielsweise herrscht gerade Flaute. Da ist eine Riesenwolke. Ich tue mein Bestes. Die einmalige Situation, dass wir das Rennen vielleicht gewinnen können, macht mich jetzt nicht verrückt. Ich halte meine Lastenwerte schon ein. Ich segele das Schiff wie im Training geübt.

Zur Einsamkeit nach mehr als zwei Monaten auf See und der Frage, was er am meisten vermisst:

Ich freue mich aufs Ankommen. Darauf, Menschen zu sehen. Meine Familie. Einfach mal schlafen zu können in einem Bett. Den Druck loswerden. Die zwei Wochen halte ich noch durch. Dann reicht es auch. Dann habe ich auch die Schnauze voll.

Zu gedanklichen Planspielen an Bord mit Blick auf die angestrebte Teilnahme am The Ocean Race und wie es sich anfühlen wird, dann nicht mehr allein, sondern mit Crew auf einer Imoca um die Welt zu segeln:

Ja, das stelle ich mir manchmal vor. Das wäre viel, viel einfacher. Du kannst im Wachrhythmus mal drei, vier Stunden schlafen, du kannst mal abgeben. Das hat man hier nicht. Das ist der größte Unterschied. Vier Leute sind eine coole Anzahl an Leuten. Bei vier Leuten können zwei segeln, einer schläft, einer ist auf Standby. Damit kann man das Boot dann zu 100 Prozent ausschöpfen. Das wird hier nur selten der Fall sein…

Zur erfolgreichen Aufholjagd der vergangenen Tage:

Die Leute denken immer, das hat was mit dem Skipper zu tun. Es hat aber zu 99 Prozent mit Wetter und Boot und Konfiguration zu tun. Mehr als vier Prozent lasse ich auch müde vor Kap Hoorn nicht auf der Strecke. Die Aufholjagd ist ein Geschenk der Wettersituation. Auch ein Resultat der Tatsache, dass das Boot noch in Ordnung ist. Für mich selber ändert sich nicht so viel, außer dass ich jetzt weniger unter Kälte leide. Es ist jetzt nicht viel einfacher hier als im Südmeer. Diese foilenden Imocas sind krasse Schiffe, sehr anspruchsvoll, nicht vergleichbar mit den Booten mit Schwertern. Ein Schiff mit Foils beschleunigt einfach, bis es kaputtgeht.

Zu Motivation und Anfeuerungen von außen:

Ja, ich habe von ein paar Seglern gehört, die ich sehr wertschätze. Yann Eliès schrieb heute morgen: "Du kannst das Rennen gewinnen." Giovanni Soldini hat sich gemeldet. Am meisten mentale Kraft gibt mir der Austausch mit meiner Frau, mit Birte. Motivation ist ja gar nicht das Problem. Die nervliche Belastung, ruhig zu bleiben, Schlaf zu finden – das klappt im Moment ganz gut. Ich habe das richtige Niveau an Anspannung. Es ist nicht so, dass ich mich komplett verrückt machen lassen würde.

Tatjana Pokorny am 14.01.2021

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