Vendée Globe

"A hundred Shades of Grey"

Alex Thomson verliert weiter Boden auf Armel Le Cléac'h, träumt seltsame Träume und beschreibt die graue Welt des Southern Ocean

Andreas Fritsch am 16.12.2016
Vendee
Marine Nationale / TF1 / Nefertiti Prod" © Saem Vendée / Nefertiti Prod. - 30/11/16

Alex Thomson

Die Situation ist zum Verzweifeln – und doch tut er es nicht: Seit Tagen nimmt der führende Armel Le Cléac'h "Hugo Boss" scheinbar nach Belieben Meilen ab. Heute morgen waren es schon in Summe 382, doch Alex Thomson bleibt positiv. "Ich kann an der Situation nichts ändern, segele das Boot, so schnell es geht, also macht es einfach keinen Sinnn, sich zu ärgern." Mit dem Lächeln, mit dem er das in die Kamera sagt, wirkt das tatsächlich überzeugend. Auch wenn er noch zugibt, dass der Southern Ocean eine Welt aus ewigem Grau sei: "Not a fifty shades of grey, more a hundred!"

Alex Thomson im Video aus dem Südpazifik

Die Segelwelt erlebt einen erstaunlich gewandelten Alex Thomson. Vielleicht liegt es an dem Psychologen, mit dem der Brite zusammenarbeitet, der ihn besonders nach dem Trauma der Abbergung von seiner durchgekenterten entmasteten und halb vollgelaufenen "Hugo Boss" 2015 beriet. "Ein paar Alpträume" habe er danach gehabt, erzählte er der YACHT in diesem Sommer. Durch das Coaching sei es besser geworden, er habe viel mit seinem persönlichen Trainer gesprochen, auch über die dunklen Stunden einer Einhand-Regatta um die Welt. Wie die sein können, zeigte sein müdes, verspanntes Gesicht während der Videos aus dem Sturm südlich von Neuseeland. Vielleicht ist Thomson mit der Erfahrung von vier Vendée-Globe-Kampagnen, zwei Barcelona World Races und zig Transats aber einfach auch nur gereift. Über die Jahre hatte er so viele Rückschläge weggesteckt, da wirkt er schon ein wenig wie ein Stehaufmänchen. Mittlerweile verheiratet und Vater von zwei Kindern, strahlt er bei dieser Vendée eine Ruhe und Gelassenheit aus, die ihn zum allseits anerkannten Franzosen-Jäger gemacht hat. Wie sagte vor ein paar Tagen der neuseeländische Segelprofi Mike Sanderson, Gewinner des Volvo Ocean Race, im Interview mit Thomson via Telephon so schön: "Wir Kiwis haben dich adoptiert. Deine tolle Leistung und die positive Art, in der du von Bord berichtest, haben die Vendée hier zum Riesen-Thema gemacht." Dem ist nichts hinzuzufügen.

So berichtet Thomson von Bord von seinen Träumen: "Es ist komisch: Seit ein paar Tagen träume ich, nicht allein auf dem Boot zu sein! Es ist etwas seltsam, wenn einer der programmierten Alarme losgeht, etwa weil der Wind zugenommen hat, und ich wach werde und denke: Ach, bleib liegen, XY wird es schon richten!" Meist sei Mister X sein Bruder oder Segelkumpel Josh. "Erst nach einer Weile denke ich dann: Oh nein, du musst ja selber raus!" So sei es eben mit der Einsamkeit nach 40 Tagen Vendée Globe. 

windytv

Stand des Rennens heute um 9 Uhr

Was Thomson im Video heute noch sagte, ist aber auch, dass die Situation unübersichtlich für ihn ist: "Die Wettermodelle ändern sich andauernd. Mal prophezeien sie Armel auf seinem Südkurs, dass er zweieinhalb Tage vor mir am Kap Hoorn ist, mal zwölf Stunden. Es ist alles im Fluss!" Mittlerweile beginnt er sich allerdings auch schon nach hinten umzuschauen, was praktisch seit der Mitte des Indischen Ozeans nicht mehr nötig war. "Das Wetterprogramm hat auch schon mal gesagt, dass sie (die Verfolger) bis auf einen Tag heranfahren", so der Brite. 

Karte

Stand des Rennens heute Morgen

Tatsächlich holen die Verfolger Paul Meilhat mit seiner "SMA" und Jérémie Beyou mit "Maitre Coq" mächtig auf, da sie mit dem sich langsam auflösenden Sturmtief heranrasen, das vor Australien so viel Ärger für das Feld brachte. Nur noch 850 Seemeilen, knapp zwei Tage, liegen sie zurück. Und beide werden in den nächsten Tagen wohl gute Bedingungen vorfinden, da ein neues Tief naht. Vielleicht findet sich Alex Thomson also demnächst Tagen in der unerwarteten Position wieder, seinen zweiten Platz verteidigen zu müssen, statt um die Führung zu kämpfen. Denn zurzeit segelt Armel Le Cléac'h deutlich weiter südlich im besseren Wind und mit seinem Foil, während Thomson ohne unterwegs ist. Thomson rechnet damit, dass sie Weihnachten oder am ersten Feiertag das Kap Hoorn runden werden. 

Spannend geht es auch in der Dreiergruppe um Yann Eliès, Jean Le Cam und Jean-Pierre Dick zu, auf Platz fünf bis sieben. Nachdem es vorgestern noch so aussah, als ob Dick mit seiner "St. Michel-Virbac" wegen des Umwegs durch die Bass-Straße reichlich Meilen auf den bislang fünftplatzierten Yann Eliès verlieren würde, kommt er seit zwei Tagen mit deutlich höherem Speed aus dem Norden wieder heran. Dick segelt einen der topmodernen Foiler, Eliès ist mit der alten "Safran" von Marc Guillemot auf einem der besten Nicht-Foiler unterwegs. Jean Le Cam, bislang lachender Dritter, war durch den Sturm, der Eliès zum Beidrehen zwang, bis auf 30 Meilen wieder herangefahren, doch nun nehmen ihm die neueren, schnelleren Schiffe wieder Meilen ab. Der 57-Jährige segelt ein zehn Jahre altes Schiff, die "Foncia", mit der Michel Desjoyeaux seinen ersten Vendée-Globe-Sieg errang. Ob es Jean-Pierre Dick gelingt, sich endlich auf den langersehnten 5. Platz vorzuarbeiten, bleibt abzuwarten. Bislang konnte der Franzose mit dem Speed seines Foilers nicht wirklich überzeugen.

Karte

Stand des Rennens heute Morgen

Im Hauptfeld dahinter sind die einst großen Gruppen auch etwas zerpflückt worden. Thomas Ruyant hat durch seinen Defekt mit den Ballasttanks vor etwa einer Woche den Anschluss an Jean Le Cam verloren, der nun fast 600 Meilen vor ihm liegt. Fast 700 Meilen dahinter folgt Louis Burton mit "Bureau Valle", der bei seiner zweiten Vendée ein wirklich tadelloses Rennen bestreitet. Der 31-Jährige hat sein Boot, die alte "Delta Dore" von Jérémie Beyou, die er seit über sechs Jahren segelt, mittlerweile exzellent im Griff und wurde bislang auch noch von keinem größeren Problem erwischt, wie sie so viele Skipper hinter ihm ereilt haben. Dahinter beginnt schon fast die recht große Gruppe der "Finisher", die das Rennen als Abenteuer angegangen sind und für die vor allem das Ankommen der große Traum ist. 

Andreas Fritsch am 16.12.2016

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