Segeln olympisch

"Unser Blick ist jetzt nach vorne gerichtet"

Sechs Teams der Nationalmannschaft haben beim Spanien-Klassiker Trofeo Princesa Sofía die Finalläufe erreicht, doch nur eine Crew hat noch Medaillenchancen

Tatjana Pokorny am 05.04.2019
Trofeo Princesa Sofía Iberostar 2019
Lars Wehrmann/German Sailing Team

Nach einer anspruchsvollen Regattawoche mit überwiegend leichten, schwer zu lesenden Windbedingungen und vielen Favoritenstürzen wird das German Sailing Team am Samstag in vier der insgesamt zehn Medaillenrennen von sechs Mannschaften vertreten. In den Disziplinen 49erFX und 470er Frauen haben sich sogar jeweils zwei DSV-Crews für das Finale qualifiziert. Dazu kommt die Nacra-17-Crew Paul Kohlhoff/Alica Stuhlemmer und – als Beste – die Kieler 49er-Segler Justus Schmidt und Max Boehme. Sie wahrten als Fünfte des Skiff-Klassements als einzige deutsche Crew ihre Medaillenchancen. Das Duo vom vom Kieler Yacht-Club müsste zu Bronze im doppelt gewerteten Finale neun Punkte (fünf Plätze), zu Silber 15 Zähler (acht Plätze) gutmachen, wenn der Sprung aufs Podium noch gelingen soll. Das ist eine schwere, aber nicht völlig unlösbare Aufgabe.

Trofeo Princesa Sofía Iberostar 2019

Kämpfen am Samstag vor Palma um eine Top-Platzierung im 49er: Justus Schmidt und Max Boehme vom Kieler Yacht-Club

Die 50. Jubiläumsauflage des Spanien-Klassikers in der Bucht von Palma de Mallorca hat die mehr als 1200 teilnehmenden Olympiasegler in diesem Jahr auf eine schwere Probe gestellt. Die Windbedingungen entsprachen nur ganz selten den typischen Palma-Bedingungen. Auf einigen Bahnen herrschten mit bis zu 90-Grad-Drehern teilweise grenzwertige Zustände. Am besten kamen mit der Konzentrationsaufgabe Justus Schmidt und Max Boehme zurecht, die nach fünf Monaten Intensiv-Training in Portugal, Neuseeland, Miami, noch einmal Portugal und Spanien wieder an ihre früheren Leistungen anknüpfen konnten.

Trofeo Princesa Sofía Iberostar 2019

Haben bei ihrem Europa-Comeback zweieinhalb Jahre nach dem Olympiasieg noch zu kämpfen, segelten aber als Siebte ins Medaillenrennen: Neuseelands America's-Cup-Helden Peter Burling und Blair Tuke im 49er

"Wir sind immer noch dabei, uns von unserer fast zweijährigen Pause zu erholen", erklärte Justus Schmidt, "aber unser Blick ist jetzt nach vorne gerichtet. Und natürlich tut unsere Leistung hier auch unserem Selbstbewusstsein gut." Dem Duo ist mit dem Erfolg in spanischen Gewässern auch ein wichtiger Schritt im Kampf um nur einen deutschen Startplatz pro Disziplin bei den Pre-Olympics in diesem Sommer im japanischen Enoshima gelungen. Dabei profitierten Schmidt/Boehme nicht nur von der eigenen konzentrierten Leistung. Die nationalen Freunde und Rivalen Erik Heil und Thomas Plößel vom NRV Olympic Team verpassten das Medaillenrennen als Dreizehnte. Die WM-Dritten Tim Fischer und Fabian Graf (NRV/VSaW) beendeten die Serie nach anfänglich starken Leistungen als 20. im großen Feld der 108 teilnehmenden Highperformance-Jollen.

Trofeo Princesa Sofía Iberostar 2019

Nicht lustig findet ihre Situation diese französische 49er-Crew

Trofeo Princesa Sofía Iberostar 2019

Die Nacra-17-Flotte in der Bucht von Palma de Mallorca

TROTZ TÜTE, TRAPEZ-RISS UND CRASH IM FINALE 

Nacra17 WM

Paul Kohlhoff und Alicia Stuhlemmer

Auffallend erfolgreich waren bei der Serie Paul Kohlhoff und Alica Stuhlemmer im Einsatz. Die Nacra-17-Crew vom Kieler Yacht-Club zog nach 15 Rennen zwar nur knapp als Zehnte ins Medaillenfinale ein. Es hätte entsprechend der Leistungen aber auch ein deutlich besserer Platz sein können, hätten nicht eine große Plastiktüte am Ruder inklusive Rückwärtssegeln, ein gerissener Trapezgurt und ein unverschuldeter Crash mit den italienischen Weltmeistern Ruggero Tita und Caterina Banti dem Duo dreimal die volle Punktzahl beschert. Mit unter anderem zwei Wettfahrtsiegen und drei dritten Rängen haben Kohlhoff/Stuhlemmer in dieser Woche eindrucksvoll nachgewiesen, dass sie in der Weltspitze mitsegeln können. "Wir haben nach Miami den Schalter umgelegt und fühlen uns fitter denn je. Wir sind zufrieden mit der Art und Weise wie wir segeln", sagte Paul Kohlhoff. Auch sein Team hat mit der guten Leistung in der Bucht von Palma einen großen Schritt in Richtung Qualifikation für die Pre-Olympics getan. Den Crash in der 15. Wettfahrt überstanden alle vier beteiligten Segler am Freitag glimpflich. Dabei hatten sich der deutsche Katamaran auf Amwindkurs und der italienische auf Vorwindkurs ineinander verkeilt um dann wieder voneinander weg zu beschleunigen. Was aber zunächst nicht möglich war. Die Deutschen – vor dem Crash an aussichtsreicher Position in den Top Ten liegend – schnitten sich schließlich beherzt frei (und einiges am gegnerischen Boot kaputt), weil sie wussten, dass auch ein letzter Rang in diesem Rennen noch ihr Ticket fürs Finale wert sein könnte. Und so kam es.

Trofeo Princesa Soía Iberostar 2019

So sah der italienische Nacra 17 nach dem Crash mit den deutschen Seglern aus

Trofeo Princesa Sofía Iberostar 2019

Luise und Helena Wanser vom NRV Olympic Team haben sich für das Medaillenrennen qualifiziert

Doppelt erfolgreich waren am Freitag die beiden deutschen 49erFX-Crews Tina Lutz/Susann Beucke (Chiemsee Yacht-Club/Hannoverscher Yacht-Club) und Vicky Jurczok/Anika Lorenz (Verein Seglerhaus am Wannsee), die sich mit den Plätzen sieben und neun nach 15 Wettfahrten für das Medaillenfinale der Skiff-Seglerinnen qualifizierten, in das die brasilianischen Olympiasiegerinnen Martine Soffiatti Grael und Kahena Kunze am Samstag als Spitzenreiterinnen starten. Auch die deutschen 470er-Seglerinnen sind mit zwei Teams im Finale vertreten: Den Miami-Siegerinnen Frederike Loewe und Anna Markfort (VSaW) gelang der Einzug mit Platz neun nach zehn Rennen. Die jungen Hamburger Schwestern Luise und Helena Wanser feiern mit Platz zehn und ihrem ersten Medaillenfinale in einem olympiareif besetzten Senioren-Feld schon jetzt den bislang größten Erfolg ihrer Karriere und wollen am Samstag noch einmal angreifen.

Trofeo Princesa Soía Iberostar 2019

Kämpften sich mit guten Leistungen am letzten Tag vor dem Medaillenrennen ins Finale: Vicky Jurczok und Anika Lorenz im 49er

Trofeo Princesa Sofía Iberostar 2019

Die brasilianischen 49erFX-Olympiasiegerinnen Martine Soffiatti Grael und Kahena Kunze führen ihr Klassement vor dem Medaillenrennen an

Trofeo Princesa Sofía Iberostar 2019

Auch solche Bedingungen bot der Spanien-Klassiker seinen Teilnehmern in dieser Woche: Tina Lutz und Susann Beucke segelten im 49erFX als Siebte ins Medaillenfinale

Einen heftigen Dämpfer dagegen hat Laser-Steuermann Philipp Buhl zu verkraften. Nach dem bereits verpatzten Jahresauftakt vor Miami fand der Weltranglisten-Dritte auch in Spanien nicht auf seine übliche Erfolgswelle. Mit Platz 33 musste sich der 29-jährige Top-Akteur erneut deutlich unter Wert geschlagen geben. Dass mit Pavlos Kontides der Doppel-Weltmeister und Weltsegler des Jahres in den teilweise widrigen Bedingungen auf der Laser-Außenbahn auch nicht über Platz 25 hinauskam, konnte Buhl nicht trösten: "Das hier tut richtig weh. Und ich habe auch noch keine Antwort auf das Warum. Ich werde die Regatta mit meinem Trainer Alex Schlonski sauber analysieren und daraus dann die Schlüsse ziehen, die für dieses vorolympische Jahr notwendig sind." Ihre Medaillenrennen verpassten ebenfalls die zunächst so stark in die Trofeo Princesa Sofía eingestiegene Laser-Radial-Steuerfrau Svenja Weger (13.) sowie die Finn-Segler Max Kohlhoff (21.) und Phillip Kasüske (28.).

AKTUALISIERUNG, 6. April, 10.30 Uhr: Die Veranstalter haben die Ergebnisse über Nacht in mehreren Klassen korrigiert. Am schwersten hat es das deutsche Nacra-17-Team Kohlhoff/Stuhlemmer getroffen, die bei Punktgleichheit mit dem nun zehntplatzierten spanischen Team Pacheco van Rinsoever/Trittel als Elfte das Medaillenrennen doch knapp verpassen. Weil die Notice of Race bezüglich Punktgleichheit zweier Teams missverständlich formuliert ist, hat nicht – wie üblich – die höhere Anzahl besserer Plätze den Ausschlag gegeben (Kohlhoff/Stuhlemmer haben zwei Tagessiege, die Spanier nur einen), sondern das bessere Ergebnis in der letzten Wettfahrt, in der die Spanier 21. waren und Kohlhoff/Stuhlemmer nach dem unverschuldeten Crash erst als 24. ins Ziel gekommen waren. "Jetzt reicht's aber langsam mal", haderte Kohlhoff nach dem Final-Aus am grünen Tisch mit der umstrittenen Entscheidung, vom dem in Palma de Mallorca ein spanisches Team profitiert. Auch vor dem Medaillenrennen der 470er-Frauen haben sich die Stände verändert. Frederike Loewe und Anna Markfort ziehen als Achte ins Medaillenrennen ein, die Wanser-Schwestern als Neunte.

Trofeo Princesa Sofía Iberostar 2019

Fand vor Palma de Mallorca nicht in seine Spur: Laser-Steuermann Philipp Buhl vom Segelclub Alpsee-Immenstadt

Tatjana Pokorny am 05.04.2019

Das könnte Sie auch interessieren


Fotostrecken

Neueste Downloads

Yachttests


Reise-Reportagen


Ausrüstung


Gebrauchtboottests


Neue Videos


Aktuelle Artikel bei YACHT online