Volvo Ocean Race
Harte Bandagen auf dem Weg zum Kap

Keiner kann sagen, man habe nichts geahnt. Trotzdem war’s oft jenseits dessen, was Menschen und Boote aushalten. Nächster Havarist: Camper

  • Dieter Loibner
 • Publiziert am 26.03.2012

Yann Riou/Groupama Sailing Team Mit Kraft gegen die Gewalt: Ein Steuermann von Groupama im Kampf mit dem Southern Ocean

Es ging ums nackte Überleben. Bei Windspitzen von 60 Knoten und bis zu zehn Meter hohen Wellen, die vom Southern Ocean aufgetischt wurden, dachte wirklich keiner mehr an Bootsgeschwindigkeit. Augen zu und durch war oft die einzige Taktik. Wie es aussieht, wenn man bei solchen Bedingungen die volle Breitseite abbekommt, zeigen die Videoaufnahmen von Telefonica, die zweimal schwer getroffen wurde. Die Segler werden an Deck wie Puppen durcheinandergewirbelt und überlebten nur, weil sie angeleint sind. Sie klammern sich an mit der Kraft der Verzweiflung, ja sogar auf den Knien steuert einer, nur um eine Patenthalse zu vermeiden.

Camper erwischte es allerdings am ärgsten: Das zu Beginn der Etappe gebrochene Schott, das zuvor behelfsmäßig repariert worden war, brach erneut. Nach Sanya ist dies der zweite Ausfall eines Bootes, das in Führung gelegen war. „Das ist der Southern Ocean”, kommentierte Wachführer Stu Bannatyne lakonisch. „Shit happens.” Doch es sollte kein Happy End geben. Weil ihnen das Reparaturmaterial ausging, sind die Kiwis nun gezwungen, die Etappe abzuschreiben und Puerto Montt an der chilenischen Westküste anzulaufen. Bis dorthin sind’s 2500 lange Meilen, die sie mit ihrem angeschlagenen Vehikel zurücklegen müssen. „Seemannschaft hat gesiegt, genug ist genug”, fasste Skipper Chris Nicholson das Geschehen enttäuscht zusammen. Er schätzt, dass die Reparatur im Hafen drei Tage in Anspruch nehmen wird, bevor an ein Weitersegeln zu denken ist. Man wolle das Etappenziel in Brasilien aber auf jeden Fall aus eigener Kraft erreichen.

Telefonica liegt momentan auf Platz 3 und ist mit angezogener Handbremse unterwegs. „Das Schiff würde auch 30 Knoten machen”, kommentiert Skipper Iker Martínez. „Aber wohl nur für zehn Minuten, bevor es auseinanderbricht. Deshalb sind wir nur mit 18 bis 20 Knoten unterwegs”. Es gehe hauptsächlich darum, Boot und Mannschaft zu schonen. „Der südliche Ozean macht einen zum besseren Seemann. Und so werden wir’s auch nach Brasilien schaffen.” Die Strategie der Spanier ist auf den Gesamtsieg ausgerichtet, deshalb sind sie darauf aus, Podestplätze zu sammeln und für die zweite Hälfte des Rennens fit zu bleiben. Beim derzeitigen Stand blieben sie knapp vorn. Doch das ist viel zu früh gerechnet, denn es sind noch fast 3.800 Meilen bis zum Ziel, und Kap Hoorn ist auch noch da.

Yann Riou/Groupama Sailing Team Delaminiert und frustriert: Rob Salthouse zeigt auf die Stelle am Längsstringer Campers, wo sich das Schott löst

Am schnellsten überleben zurzeit Franck Cammas und Groupama, die ein Reff ausgeschüttet haben. Die Franzosen liegen rund 50 Meilen vor Puma, das mit Glück und wohldosiertem Segeln bisher gut durchgekommen war. „Es läuft gut für uns, so gut man es unter den Umständen erwarten kann”, sagt Skipper Ken Read. Glück habe man gehabt, meint Read, weil das Boot sich immer gefangen habe, wenn es mal aus der Kontrolle geriet. „Diese Boote können einem leicht durchgehen, wenn man sie nicht rechtzeitig zügelt.”

Amory Ross/Puma Ocean Racing Ungeschoren: Puma segelt konservativ und liegt derzeit an zweiter Stelle. Wobei „konservativ" natürlich äußerst relativ ist

Während Sanya sich langsam Auckland nähert, wo das Boot repariert und dann auf einen Frachter nach Brasilien verladen werden wird, segelt  Abu Dhabi friedlich und einsam bei flauen Winden vor sich hin, 1100 Meilen hinter Groupama. Sie müssen es nicht eilig haben, denn sie haben ihren Boxenstopp schon hinter sich und dürften, wenn ihnen nichts Böses widerfährt, auf diesem Teilstück zumindest Platz 4 anschreiben. Es wäre ihr bestes Ergebnis bei diesem Rennen.

Yann Riou/Groupama Sailing Team Hauptwaschgang am Weg zum Kap Hoorn

Mehr auf der Event-Seite und über den Live-Stream  und den YouTube-Kanal .

Das Extrem als Alltag im Southern Ocean

Aktuelle Positionen und Abstände im Tracker .


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