Route du RhumAus Flachsfasern gebauter Outremer 5X als erster Kat im Ziel

Johannes Erdmann

 · 25.11.2022

Route du Rhum: Aus Flachsfasern gebauter Outremer 5X als erster Kat im ZielFoto: Outremer-Catamarans

Knapp unter 16 Tage nach dem Start in Saint-Malo erreicht der Franzose Roland Jourdain mit seinem aus alternativen Baustoffen gefertigten Katamaran “We Explore” das Ziel in Guadeloupe

Er segelte schon mit Éric Tabarly das Whitbread Race und ging insgesamt dreimal bei der Vendée Globe an den Start. Für seine vierte Route du Rhum überlegte sich der Franzose Roland Jourdain, der unter Seglern eher unter seinem Spitznamen “Bilou” bekannt ist, etwas ganz Besonderes: In Zusammenarbeit mit Outremer entwickelte er eine ganz spezielle Version des neuen 5X, dessen Rumpf zu 50 Prozent aus pflanzlichen Flachsfasern gebaut wurde. “Eigentlich wollte ich sogar, dass das Boot bis auf den Mastfuß und das Hauptschott zu 100 Prozent aus Flachs besteht”, erklärte Jourdain dem Magazin “Tips & Shaft” vor dem Rennen, “aber in der Werft konnte man mich überzeugen, nicht gleich zu übertreiben, und so wurde nun zumindest das komplette Deck aus Flachs gefertigt.”

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Mit seinem Projekt “We Explore” will der Franzose verstärkt auf alternative Bootsbaustoffe hinweisen. Ein Konzept, das er bereits seit dem Jahr 2013 verfolgt. Damals gelang es ihm, einen sieben Meter langen Trimaran aus nachhaltigen Materialien zu bauen, indem er statt gewöhnlichen Materialien auf Flachs, Kork und Balsa setzte. “Wenn wir unsere Ozeane retten wollen, dann müssen wir flussaufwärts ansetzen”, sagte Jourdain kürzlich dem Magazin “Voiles et Voiliers”. Es erscheint ihm völlig logisch, im Bootsbau statt auf Glasfaser lieber auf solch ökologische Produkte wie eben Flachs zu setzen. “Die Rümpfe werden dann zwar ein paar Prozent schwerer, aber dafür belasten wir die Umwelt nicht so sehr wie mit gewöhnlichen Glasfasern.” Mit dem Projekt des Outremer aus Flachs möchte er auch potenzielle Kunden der Werft ansprechen, möglicherweise über das Baumaterial ihres Bootes nachzudenken. “Sie haben die Mittel, sich ein schönes Boot leisten zu können, und möchten es kaufen, weil sie gern auf dem Wasser sind und sich in der Natur aufhalten.” Da läge es nahe, die Ozeane nicht weiter zu belasten, indem mehr Sondermüll produziert wird.

Außerdem sei die letzte Vendée Globe ein guter Beweis dafür gewesen, dass die Materialschlacht der am besten konstruiertesten und dank moderner Materialien extrem leicht gebauten Boote langsam beendet werden müsste. “Es war die Vendée aller Superlativen”, sagt er im Interview gegenüber “Tips & Shaft”, “noch nie gab es ein solch hohes sportliches Niveau, so viel Medienecho, die Sponsoren waren glücklich, das Publikum war begeistert. Das Einzige, was fehlte, war Geschwindigkeit!” In der Tat war der Gewinner der Vendée Globe 2021, Yannick Bestaven, insgesamt sechs Tage langsamer als Armel Le Cléac’h, der Gewinner der Vendée Globe vier Jahre zuvor. Bei einer Zeit von 74 bzw. 80 Tagen schon ein beträchtlicher Unterschied.

Der Rumpf von Jourdains Outremer 5X hängt im Kran.
Foto: Outremer-Catamarans
Baufotos von Roland Jourdains Katamaran aus Flachsfasern

“Wir haben also wirklich konkrete Beweise dafür, dass es keinen Zusammenhang zwischen Geschwindigkeit und dem Erfolg der Show gibt”, sagt Jourdain weiter und appelliert, dass der Versuch, die Boote weiterhin noch leichter und extremer zu bauen, stattdessen dem Ehrgeiz weichen sollte, die Boote nachhaltiger zu fertigen. “Selbst geringe Geschwindigkeitssteigerung ist gleichbedeutend mit einem enormen CO2-Anstieg: bei Materialien, Prozessen, Wartung, Technik. Diese zusätzlichen Knoten hier und da kosten viel CO2. Wenn wir nicht stattdessen den Schutz der Umwelt als Priorität betrachten, machen wir einen Fehler.”

Der Erfolg seiner Route du Rhum scheint ihm Recht zu geben. Mit sieben Meilen Vorsprung liegt Jourdain derzeit vor Loïc Escoffier und wird in den nächsten Stunden die Ziellinie vor Guadeloupe überqueren. Doch natürlich ist Jourdains Outremer auch abgesehen vom Baumaterial kein ganz völlig normaler Serienbau. Er verzichtete etwa auf die Steuerräder und begnügte sich mit den Pinnen, installierte zwei Grinder für die rein manuellen Winschen und versuchte auch ansonsten so viel Gewicht wie möglich zu sparen. Während ein Serien-Outremer 5X zwischen 17 und 19 Tonnen wiegt, bringt seine “We Explore” nur 13 Tonnen auf die Waage.

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