Segeln olympisch
Wanser/Winkel gewinnen Herzschlag-Duell um Olympia-Fahrkarte

Mit Schwester Helena als Glücksbringerin, Vorschoterin Anastasiya Winkel als Teamplayerin und italienischem Coach auf Kurs Japan: Luise Wanser im Olympia-Glück

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert vor 2 Monaten
470er Weltmeisterschaft 2021 470er Weltmeisterschaft 2021 470er Weltmeisterschaft 2021

Uros Keks Kleva / World Sailing 470er Weltmeisterschaft 2021

Zwei deutsche Frauen-Teams haben bei der 470er-Weltmeisterschaft vor Vilamoura mit einem packenden Duell um nur ein Olympia-Ticket für Hochspannung gesorgt. Als Achte und Neunte nach elf WM-Wettfahrten für das finale Medaillenrennen qualifiziert, ging es für Theres Dahnke/Birte Winkel (Plauer Wassersportverein/Schweriner Yacht-Club) und Luise Wanser/Anastasiya Winkel (Norddeutscher Regatta Verein) beim Showdown am Samstag um olympisches Sein oder Nichtsein in diesem Sommer. Nur eine der beiden Mannschaften, mit denen auch die beiden Schwägerinnen Anastasiya Winkel und Birte Winkel gegeneinander antreten mussten, konnte sich ihren Traum vom Olympia-Start erfüllen.

Uros Keks Kleva / World Sailing Mit der Segelnummer GER 69 ersegelten sich Luise Wanser und Anstasiya Winkel bei der 470er-WM die Olympia-Fahrkarte

Der entscheidende Zweikampf, in dem die WM-Medaillen für die deutschen Damen mit ganz anderen Zielen ohnehin außer Reichweite lagen und keine Rolle spielten, wurde in leichten und unbeständigen Winden zur Nervenschlacht. Die begann schon damit, dass die Wettfahrtleitung das Finale zweimal in der Vorstartphase und noch einmal kurz nach dem Start abbrechen musste. Erst im vierten Versuch gelang es, die zehn besten WM-Frauen-Teams auf den kurzen, aber flau-fordernden Kurs zu schicken. Nach dem stotternden Auftakt war bereits klar, wie die vor dem Medaillenrennen mit einem Punkt zurückliegenden Wanser/Winkel das nationale Duell um den Tokio-Traum angehen würden: im Matchrace-Stil mit enger Deckung. Denn alles, was sie erreichen mussten, um das Blatt noch zu ihren Gunsten zu wenden und ihre Olympia-Chance zu nutzen, war, einen Platz vor Dahnke/Winkel ins Ziel zu kommen. Auf dieses zu erwartende Szenario hatten sich auch Dahnke/Winkel vorbereitet, konnten sich ihm aber nicht entziehen.

Wenige Meter Vorsprung reichen zum Olympia-Glück

Ausgerechnet beim endlich gelungenen vierten Startversuch für das Medaillenrennen kassierten Wanser/Winkel im Zweikampf mit Dahnke/Winkel direkt zum Auftakt an der Startlinie einen Penalty. "Wir mussten kringeln, weil wir uns beim Wenden nicht freigehalten haben, als Theres und Birte halsten", erklärte Luise Wanser das Chaos an der Linie später. Aus der Not im selbst initiierten Matchrace mit Dahnke/Winkel machten Wanser/Winkel jedoch eine Tugend, schauten nach der Bereinigung des misslungenen Starts in den unbeständigen Bedingungen fokussiert nach der nächsten Bö, sahen sie und wendeten nach rechts, während Dahnke/Winkel nach links gingen. Die Bö brachte Wanser/Winkel den entscheidenden Vorteil. Schnell konnten sie sich in der Folge knapp vor die Gegnerinnen setzen. Die angestrebte Wunschposition gaben Wanser/Winkel trotz hartnäckiger Attacken ihrer Verfolgerinnen mit konzentrierter Leistung bis Rennende nicht mehr ab. Im Ziel reichten wenige Meter Vorsprung zum Olympia-Glück für die Crew mit der Segelnummer GER 69. Theres Dahnke und Birte Winkel mussten sich brutal knapp geschlagen geben.

Uros Keks Kleva / World Sailing Schon vor dem Medaillenrennen trafen die 470er mit den Segelnummern 20 (Dahnke/Winkel) und 69 (Wanser/Winkel) immer wieder einmal aufeinander

"Wir hatten uns vor dem Rennen überlegt, dass wir sie zu vielen Manövern zwingen wollen, weil wir wussten, dass wir im Bootshandling besser sind. Wir haben extrem viel trainiert, während sie pausieren mussten", erklärte Luise Wanser die Strategie, die so auch mit dem italienischen Individual-Coach Riccardo de Felice besprochen war – ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg für Wanser/Winkel. Ein weiterer war die sportliche Fairness, mit der beide deutschen Teams in der Konkurrenzsituation agierten. Es hätte angesichts der knappen Ausgangslage anders kommen können. Stattdessen gratulierten die Geschlagenen ihren Bezwingerinnen herzlich. Theres Dahnke, mit 22 Jahren jüngste deutsche Steuerfrau bei der WM in Portugal, sagte nach der Entscheidung "Wir hatten unsere eigenen Erwartungen ohnehin schon übertroffen und sind deshalb nicht ganz so doll traurig. Luise und Anastasiya haben letztes Jahr so viel trainiert und sind jetzt in allen Bedingungen stark. Wir selbst konnten verletzungsbedingt lange nicht trainieren…" Diese Reaktion aus dem Mund einer jungen Leistungssportlerin, deren Olympia-Traum nur eine Stunde zuvor wegen ein paar Metern Rückstand geplatzt war, bleibt bemerkenswert souverän und fair. Theres Dahnke wird nun in die für 2024 neu ins olympische Programm gewählte Segeldisziplin 470er-Mixed umsteigen und hat dafür mit Matti Cipra bereits einen stark motivierten Vorschoter gefunden.

German Sailing Team/Lars Wehrmann Sehr faire Geschlagene: Theres Dahnke und Birte Winkel

Uros Keks Kleva / World Sailing Im 470er-WM-Einsatz: Theres Dahnke und Birte Winkel vor Vilamoura

DSV-Sportdirektorin Nadine Stegenwalner: "Das war schon hohe Kunst"

Vorher aber steigt die olympische Regatta 2020 mit einem Corona-Jahr Verspätung im Sommer mit der Abschiedsgala der olympischen 470er-Männer und 470er-Frauen, die zum letzten Mal um Olympia-Medaillen segeln. Luise Wanser, 23, und Anastasiya Winkel, 27, haben für ihre Teilnahme alle Qualifikationshürden genommen und dürfen nach nur einem Jahr in einem Boot und der jetzt so erfolgreich bestrittenen ersten gemeinsamen großen Regattaserie mit ihrer Nominierung durch den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) auf Vorschlag vom Deutschen Segler-Verband (DSV) rechnen. Dessen Sportdirektorin Nadine Stegenwalner hatte das Ausscheidungsduell vor Vilamoura auf dem Wasser beobachtet und sagte: "Wir haben hier zwei Teams mit jüngeren Steuerfrauen erlebt, die tolle Leistungen gezeigt und stark gekämpft haben. Das war schon hohe Kunst. Dass die die Ausscheidung mit einem so packenden Duell im Medaillenrennen endete, war nicht nur für die beteiligten Teams fordernd, sondern auch für die Fans sehr aufregend. Am Ende haben beide Crews gezeigt, dass sie sich auf den Punkt konzentrieren können – eine auch bei Olympia sehr wichtige Eigenschaft. Den Gewinnerinnen Luise Wanser und Anastasiya Winkel gratulierte Stegenwalner persönlich und sagte: "Die beiden haben das vergangene Jahr sehr gut genutzt."

Uros Keks Kleva / World Sailing Gemeinsame Freude nach dem Tagessieg bei der WM: Steuerfrau Wanser und Vorschoterin Winkel

Ihren Aufstieg zu olympischen Hoffnungsträgerinnen mussten Luise Wanser und Anastasiya Winkel nach langjähriger Verbandsförderung im vergangenen Jahr allein mit Vereinsunterstützung stemmen, nachdem sie sich im März 2020 zur gemeinsamen Last-Minute-Olympiakampagne entschlossen hatten. Vorausgegangen war dem Durchstart die Auflösung ihrer früheren Teams. Luise Wansers Schwester Helena, mit der sie sieben Jahre erfolgreich zusammen segelte und 2019 noch den Junioren-Weltmeistertitel im 470er gewonnen hatte, ist in den olympischen Surfsport gewechselt und trainiert in Spanien auf dem iQ Foil. Anastasiya Winkels ehemalige Steuerfrau Fabienne Oster ist bereits in neuer 470er-Mixed-Konstellation mit Luke Willim aktiv.

Uros Keks Kleva / World Sailing 470er-WM-Flotte der Männer: Die deutschen Akteure verpassten in Portugal die Sicherung des fehlenden olympischen Nationenstartplatzes. Als beste Crew des German Sailing Teams segelten Simon Diesch und Philipp Autenrieth (links im Bild) auf Platz 15

"Meine Schwester hat großen Anteil an dem, was wir jetzt geschafft haben"

Luise Wanser und Anastasiya Winkel ist ein steiler gemeinsamer Aufstieg zur aktuellen deutschen 470er-Nummer 1 mit olympischen Aussichten gelungen. Dankbar ist Luise Wanser dabei auch ihrer eineinhalb Jahre jüngeren Schwester Helena, die am Vorabend des WM-Medaillenrennens zur Unterstützung überraschend aus Spanien nach Vilamoura gekommen war. "Wir haben sieben Jahre zusammen gesegelt. Sie hat großen Anteil an dem, was wir jetzt geschafft haben. Ich bin ihr, unserem Trainer, unserem Verein und allen dankbar, die geholfen haben, uns unseren Weg zu ermöglichen", erzählt die 1,70 Meter große Steuerfrau. NRV-Clubmanager Klaus Lahme erinnert sich gern an Luise Wansers Einstieg in den Segelsport: "Sie ist ein echtes NRV-Eigengewächs, hat auf der Alster im Opti das Segeln gelernt."

German Sailing Team Hier ist Luise Wanser noch mit Schwester Helena Wanser für das German Sailing Team im Einsatz

Das Ziel der ehrgeizigen wie talentierten jungen Steuerfrau, die mit der Familie schon fünf Jahre in Paris gelebt hat, formuliert sie klar: "Wir wollen bei den Olympischen Spielen eine Medaille für Deutschland gewinnen." Das Olympiarevier kennt sie bereits, war 2019 mit der Schwester und Trainer Riccardo de Felice für drei Wochen dort. "Mir gefällt es sehr", schwärmt sie, "es ist traumhaft, dort in den großen Wellen zu segeln."

Hier geht es zu den 470er-WM-Ergebnissen von Vilamoura.

Uros Keks Kleva / World Sailing Haben sich für ihre Olympiapremiere ehrgeizige Ziele gesteckt: Luise Wanser und Anastasiya Winkel im gebraucht gekauften 470er "Nemo"


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Themen: 470er-WeltmeisterschaftLuise Wanser/Anastasiya WinkelOlympiaOlympische SpieleTheres Dahnke/Birte Winkel

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