Das Medaillen-Festival der deutschen Olympia-Segler
"So etwas kann man nicht planen, nur träumen"

Und es geht doch: Deutschlands Olympia-Segler haben es am Dienstag in Japan krachen lassen. Sie hatten drei Medaillenchancen und haben sie wie Elfer verwandelt

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 03.08.2021
Die Silber-Frauen: Tina Lutz und Susann Beucke am Ziel ihrer Träume. Die 49erFX-Seglerinnen segelten am Dienstag souverän zur ersten von drei Olympia-Medaillen für das German Sailing Team Die Silber-Frauen: Tina Lutz und Susann Beucke am Ziel ihrer Träume. Die 49erFX-Seglerinnen segelten am Dienstag souverän zur ersten von drei Olympia-Medaillen für das German Sailing Team Die Silber-Frauen: Tina Lutz und Susann Beucke am Ziel ihrer Träume. Die 49erFX-Seglerinnen segelten am Dienstag souverän zur ersten von drei Olympia-Medaillen für das German Sailing Team

© Sailing Energy / World Sailing Die Silber-Frauen: Tina Lutz und Susann Beucke am Ziel ihrer Träume. Die 49erFX-Seglerinnen segelten am Dienstag souverän zur ersten von drei Olympia-Medaillen für das German Sailing Team

Es ist 21 Jahre her, dass eine deutsche Segelnationalmannschaft bei Olympischen Spielen drei Medaillen gewonnen hat. Von Sydney 2000 kehrte das Team mit zweimal Silber und einmal Bronze zurück. Jetzt ist die Jubel-Bilanz ganz ähnlich ausgefallen. Und sie tut dem German Sailing Team nach langer Durstrecke gut. Als die drei glücklichen deutschen Medaillen-Crews am Abend mit dem ZDF-Shuttle von Enoshima nach Tokio fuhren, war die Stimmung ausgelassen. Im Studio selbst noch mehr. Dort gab es eine geballte und, so berichten es die ZDF-Kollegen, ausnehmend fröhliche, sympathische und telegene Ladung Segelsport für die olympische Berichterstattung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

ZDF Direkt nach dem Medaillenfestival ging es für die deutschen Segler von Enoshima ins ZDF-Studio nach Tokio, wo sie beste Werbung für ihren Sport machten

Für frühmorgendliche Begeisterung bei den Fans zu Hause an den Bildschirmen hatten an diesem historischen Dienstg als erste Tina Lutz und Susann Beucke gesorgt. Sie waren als Gesamt-Dritte in ihr Finale gestartet. Eine Medaille war für sie noch in allen Farben greifbar und möglich – inklusive Olympiasieg, ebenso aber auch ein Abschluss außerhalb der Medaillenränge. Die bayerisch-norddeutsche Crew löste die Aufgabe unter den Augen der Weltöffentlichkeit mit einem mutigen Start patzerfrei und konnte sich sogar noch um einen Platz auf den Silberrang verbessern, weil die als Spitzenreiterinnen ins Medaillenrennen gestarteten Holländerinnen Annemiek Bekkering und Annette Duetz unglücklich agierten, von den unwiderstehlichen Brasilianerinnen Martine Grael/Kahena Kunze und auch von den nervenstarken deutschen Damen abgehängt wurden. In dieser Reihenfolge standen die drei besten Damen-Crews am Abend auch auf dem Podium. Martine Grael und Kahena Kunze feierten ihren zweiten Olympiasieg in Folge, den sie sich unter den wachsamen Augen von Papa und Coach Torben Grael sicherten. Mit dem zweiten Gold der Tochter kommen Vater Torben (2 x Gold, 1 x Silber, 2 x Bronze), Tochter Martine Grael (2 x Gold) und Onkel Lars Grael (2 x Bronze) nun auf gemeinsame neun Olympiamedaillen: ein sagenhafter olympischer Familienrekord! Auf die Frage, ob sie ihren Vater in der Anzahl der Medaillen in Zukunft einmal überbieten wolle, sagte Grael allerdings, das sei nicht ihr Ziel. Sie wolle selbst auf ihre Weise erfolgreich sein.

© Sailing Energy / World Sailing Das Bild zeigt schon die spätere Reihenfolge auf dem olympischen 49erFX-Podium: Brasilien vor Deutschland vor den Niederlanden

© Sailing Energy / World Sailing Begleitete seine Tochter Martine Grael als Coach ins Medaillenfinale: der fünfmalige olympische Medaillengewinner und Doppel-Olympiasieger Torben Grael aus Brasilien

Auf ihre Weise feierten auch Tina Lutz und Susann Beucke den größten Erfolg ihrer Karriere. Das Duo vom Chiemsee Yacht-Club und vom Norddeutschen Regatta Verein segelt seit 14 Jahren zusammen und hat alle Tiefen und Höhen einer Leistungssportkarriere erlebt. "Wir haben zusammen geweint und sind zusammen wiederauferstanden", erzählt Tina Lutz. Zwei verpasste Olympia-Qualifikationen haben den Traum vom erfolgreichen Gipfelsturm der zweimaligen Europameisterinnen nicht zestören können. "Wir wussten schon bei unserer ersten Regatta, dass wir das Team sind, das es gemeinsam schaffen kann", sagte Susann Beucke an ihrem glücklichsten Tag als Leistungssportlerin. Daheim in Strande hatte Mutter Ellen Beucke mitgefiebert und sagte: "Ich bin glücklich, dass sie sich ihren Traum erfüllt haben und unheimlich stolz." Deutschlands beste Skiff-Seglerinnen ist der ewige Silberstreif am Horizont nun zu handfesten Medaillen um ihren Hals geworden. Die gesellten sich zu jeweils einer olympischen Goldkette mit den fünf Ringen darauf, die den Frauen an diesem Tag das erhoffte Glück brachten. Ebenso wie das goldene Schiff an einer weiteren Kette, das Susann Beucke von ihrem Großvater erhalten hat.

© Sailing Energy / World Sailing Das ist die Silbermedaille schon sicher, und Tina Lutz und Susann Beucke können jubeln

Am "Gigantentag", wie ihn Erik Heil nannte, kamen die deutschen Segler im Olympia-Hafen vor Enoshima nicht mehr aus dem Feiern heraus. Sie umarmten sich, tanzten und warfen sich gegenseitig ins Wasser. Binnen vier Stunden holte die deutsche Flotte in den Finalläufen am Dienstag gleich drei Medaillen in der Sagami-Bucht, wo Willy Kuhweide 1964 mit seinem Gold-Gewinn zur Segel-Legende wurde. Auf Tina Lutz und Susann Beucke folgten Erik Heil und Thomas Plößel im 49er. Sie hatten an diesem Tag die schwierigste Aufgabe zu lösen, denn im Gegensatz zu ihren Teamkameraden starteten sie nicht als Dritte, sondern "nur" als Vierte in ihr Medaillenrennen – und das mit einem nennenswerten Rückstand von zehn Punkten auf den Bronze-Platz. Die Routiniers lösten ihre Aufgabe mit dem bereits bekannten guten Speed und viel Biss. Packend war ihr Schlussduell mit den Briten Dylan Fletcher und Stuart Bithell. Das verlor die Crew vom Norddeutschen Regatta Verein zwar mit 30 Zentimetern Rückstand im Ziel und entschied damit indirekt den Kampf um den Olympiasieg zugunsten der Briten und gegen die neuseeländischen Top-Favoriten Peter Burling und Blair Tuke, die mit ihrer zweiten Silbermedaille nach 2012 zufrieden sein mussten, es aber nicht wirklich waren. Ihren Olympiasieg von 2016 konnten die America's-Cup-Dominatoren nicht wiederholen.

© Sailing Energy / World Sailing Erik Heil und Thomas Plößel nach ihrem erneuten Bronze-Coup im Glück

Erik Heil und Thomas Plößel reichten die eigene Galavorstellung und Rang zwei im Finale auch deshalb noch zum Sprung aufs Olympia-Podium, weil die hochgeschätzten und hoch eingestuften spanischen Trainingspartner Diego Botin Le Chever und Iago Lopez Marra ausgerechnet im entscheidenden Lauf patzten. Mit Wonne absolvierten Erik Heil und Thomas Plößel erneut ihren noch aus Rio de Janeiro in bester Erinnerung gebliebenen Bronze-Salto – dieses Mal in die Fluten der Sagami-Bucht. Dem so ehrlichen wie oft kritischen Coach Marc Pickel, der seine Enttäuschung über die Ausgangslage seiner Crew vor dem Medaillenrennen nicht ganz verbergen konnte, blieb zu sagen: "Heute haben Erik und Thomas wirklich abgeliefert. Ich bin sehr stolz auf die beiden." Thomas Plößel erklärte, dass ihm "diese Medaille von Enoshima viel wertvoller ist als die von Rio". Was auch damit zusammenhängt, dass sie noch schwerer zu gewinnen war. Erik Heil fand nach dem packenden Finale noch tröstende Worte für die am Ende viertplatzierten spanischen Freunde: "Sie waren das ganze letzte Jahr die Besten. Wir haben voneinander profitiert, und ich bin traurig, dass sie keine Medaille gewonnen haben. Sie hätten sie verdient."

© Sailing Energy / World Sailing Das ist er wieder: der Heil-Plößel-Doppelsalto – dieses Mal zeigen sie ihn nach Bronze Nummer zwei in der Sagami-Bucht

Sowohl die deutschen Skiff-Männer als auch Tina Lutz und Susann Beucke haben vorerst offen gelassen, ob sie ihre Karrieren fortsetzen oder beenden werden. Beide wollen die Entscheidung darüber erst in den kommenden Monaten treffen. Ganz anders sieht es bei Paul Kohlhoff und Alica Stuhlemmer aus. Die jüngste Crew im Olympia-Aufgebot des German Sailing Teams und die zweitjüngste der Flotte plant für mindestens zwei weitere Olympia-Kampagnen. Das Team vom Kieler Yacht-Club hat sich in dieser olympischen Woche auf Augenhöhe mit den Weltbesten gemessen. Das taten die stolzen Kieler von Beginn an souverän, konzentriert und zielorientiert. Sie wackelten nie, positionierten sich nach dem ersten Tag in den Top Drei und blieben dort bis zum Ende des Medaillenrennens uneinholbar platziert. Daran konnten auch die wilden Attacken der australischen Silbermedaillengewinner von 2016 nichts ändern. Zwar provozierten Jason Waterhouse und Lisa Darmanin in der Final-Vorstartphase eine minimale Kollision mit den Deutschen, die sich von ihrem Fehler umgehend mit einem Strafkringel bereinigten und das Feld zunächst zum Entsetzen der Beobachter von hinten aufrollen mussten. Doch ein paar strategisch gute Schläge später hatten sich Kohlhoff/Stuhlemmer wieder auf Rang acht vorgearbeitet, der in der Endabrechnung zur hochverdienten Bronzemedaille reichte, weil die Australier nicht über Platz neun hinauskamen. "So etwas kann man nicht planen, nur träumen", sagte Paul Kohlhoff am Abend nach der Medaillenzeremonie. Verdiente Olympiasieger wurden die überragend agierenden Italiener Ruggero Tita und Caterina Banti vor den Briten John Gimson und Anna Burnet.

© Sailing Energy / World Sailing Bronze für die Youngster, die segelten, als wären sie schon alte Hasen: die Nacra-17-Könner Paul Kohlhoff und Alica Stuhlemmer

Abschied von Olympia nahmen an diesem Dienstag die Finn-Dinghy-Segler mit ihrem letzten Finale. Der Brite Giles Scott rettete seinen zweiten Olympiasieg in Folge mit Rang vier im Medaillenrennen knapp ins Ziel. Zsombor Berecz aus Ungarn wurde für seinen Finalsieg mit Silber belohnt, und der Spanier Joan Cardona Mendez verwies den zuletzt noch stark aufgekommenden Niederländer auf Platz vier. Wo einst Willy Kuhweide sein Gold gewann, hat sich nun der Finn-Dinghy-Kreis geschlossen. In der olympischen Segelzukunft hat die Einmann-Jolle für "schwere Jungs" vorerst keine Zukunft mehr.

© Sailing Energy / World Sailing Der letzte seiner Art: Der Brite Giles Scott hat die Finn-Klasse nach dem Abschied von seinem Landsmann Sir Ben Ainslie dominiert und segelte in Japan zu seinem zweiten Olympiasieg. Es war der vorerst letzte olympische Auftritt der Klasse, die für 2024 aus dem Segelprogramm gestrichen wurde

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Themen: Olympia

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