Über die Korrespondenten-Arbeit bei der Olympia-Regatta
Heute schon gespuckt?

Das Reporterleben findet bei der olympischen Segelregatta in Enoshima im Ausnahmezustand statt. Absurdes wird zum Alltag. Freiheit ist, was am meisten fehlt

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 28.07.2021
Hier der Bereich im Olympiahafen, in dem sich das Pressezentrum (langgestrecktes weißes Gebäude) befindet Hier der Bereich im Olympiahafen, in dem sich das Pressezentrum (langgestrecktes weißes Gebäude) befindet Hier der Bereich im Olympiahafen, in dem sich das Pressezentrum (langgestrecktes weißes Gebäude) befindet

Sailing Energy Hier der Bereich im Olympiahafen, in dem sich das Pressezentrum (langgestrecktes weißes Gebäude) befindet

Wenn der Wecker morgens um 7 Uhr klingelt, ist der erste Gedanke nach einer Woche vor Ort sofort da: Vergiss' bloß das Spucken nicht. Das ist nicht so gemeint, wie Sie nun vielleicht denken. Wir Journalisten vor Ort sind verpflichtet, jeden Morgen eine Speichelprobe von uns selbst zu nehmen, sie in ein Röhrchen zu spucken, es zu verschließen, mit einem Barcode zu versehen, in eine Tüte zu stecken und beim zuständigen Team im Olympiahafen abzugeben. Zuvor muss die Probe noch selbst im dafür vorgesehenen System registriert werden. Sodann gilt es, in einem zweiten System namens Ocha den eigenen Gesundheitszustand mit verschiedenen Angaben in einem Formular zu registrieren. Wer das vergisst, wird umgehend vom System mit roten Hinweisen „angeschrien“. Ist alles geschafft, geht es aus dem kleinen Zimmer in einem der beiden für die Segelsport-Medien von den Veranstaltern vorgeschriebenen Hotels in die Lobby. Das „Frühstück“ muss ausfallen. Das Angebot besteht aus einer Handvoll in Plastik verpackten Teilen, die Brötchen sein sollen. Plastik in Form von Verpackungsmaterial ist hier so allgegenwärtig, dass man sich fragt, wie die Lawine jemals zu stoppen sein soll, die am Ende der Kette auch die Meere verseucht, auf denen hier um olympische Medaillen gesegelt wird.

Sailing Energy / World Sailing Der Bootspark im Olympiahafen. Für Journalisten ist er nicht zugänglich

tati Das Probenröhrchen, in das jeden Morgen zu Corona-Testzwecken gespuckt werden muss

Der Bus wartet schon auf die Schar der rund zwölf internationalen Fotografen und Reporter, die nur mit diesem Transportmittel in den Olympiahafen fahren dürfen. Unser Bewegungsradius ist per Vorschrift auf Hotel, Bus und den Olympiahafen (dort nur das Medienzentrum und die sogenannte Mixed-Zone, in denen man die Olympioniken unter Beobachtung treffen kann, beschränkt. Wir dürfen uns 14 Tage lang – also über die gesamte Dauer der Olympischen Spiele und unseres Aufenthalts in Japan – entsprechend der Quarantäne-Auflagen der Gastgeber nicht in der Öffentlichkeit bewegen. Das Hotel hat kein Restaurant. Abends wird, wenn dafür angesichts der Arbeitsberge Zeit bleibt, ein nicht immer genau identifizierbares Gericht via Uber Eats bestellt. Das kann bei der Interpretation der japanischen Zeichen unter den abgelichteten Gerichten schon auch mal schiefgehen. Ein britischer AP-Fotograf erhielt trotz Hilfestellung an der Hotel-Lobby nicht das eine gewünschte Gericht, sondern „Tonnen an Gerichten“, erzählte er lachend. Als einzige Einkaufsmöglichkeit für Getränke oder Snacks ist uns täglich ein kurzer Besuch des 7/11 nebenan gestattet. Auch in diesem Shop, dessen Mitarbeiter sehr hilfsbereit sind, befindet sich mehr Plastik als Ware selbst.

tati Blick aus dem Bus aufs Meer: Die internationalen Journalisten werden es bei diesen Olympischen Spielen nicht besuchen können

Der Bus braucht 35 bis 45 Minuten in den Olympiahafen. Auf dem Weg dahin holen wir noch Kollegen aus dem zweiten erlaubten Hotel für Segel-Berichterstatter und Fotografen an. Während der Fahrt sehen wir durch die Fenster, was wir nicht erleben dürfen: die Umgebung von Fujisawa und gegen Ende die beliebte Ferienregion rund um die Insel Enoshima. Dort sehen wir Menschen mit und ohne Mundschutz die Straßen entlanggehen, Surfer mit ihren Boards am Fahrrad dem Beach-Vergnügen entgegenstreben. Die beliebten Strände rund um Enoshima sind, je nach Wetter und Welle, schon morgens um halb neun rappelvoll. „Klein-Kalifornien“ nennt es ein Kollege. Sehnsüchtig schauen wir aufs Meer, das für uns in unerreichbarer Ferne liegt. „Ich vermisse am meisten die Freiheit, mich draußen zu bewegen“, sagt nicht nur Lori Schüpbach, Gründer und Chefredakteur des Schweizer Magazins marina.ch. Wir werden im Vorbeifahren von freiwilligen Helfern, Security-Personal und Polizei beäugt. Schließlich biegt der Bus in die Straße ein, die über einen Damm auf die Insel zum offiziellen Parkplatz vor dem Olympiahafen führt. Von dort gehen wir zum ersten Checkpunkt, um das Zugangs-Armband für den jeweiligen Tag zu erhalten. Dafür muss sich jeder Berichterstatter täglich neu im sogenannten Booking-System registrieren und die Genehmigung vorzeigen. Im Bus wetten wir morgens darüber, welche Farbe es wohl heute hat? Am Dienstag war es grün – die Farbe der Hoffnung.

tati Der Chefredakteur des Schweizer Magazins marina.ch am Eingang zur Kontrolle vor dem Betreten des Olympiahafens

tati Freiwillige Helfer an einer der Kontrollen beim Zugang zum Olympiahafen. Sie versprühen möglichst gute Laune

Mit der olympischen Akkreditierung, die ich vor rund zweieinhalb Jahren beantragt habe und die vermutlich rund 400 Arbeitsstunden an Vorbereitung auf diese maskierten Spiele und Erfüllung der nie enden wollenden Anforderungen verschlungen hat, sowie dem Armband, geht es durch die Sicherheitsschleuse. Zunächst vorbei an einer Reihe sehr vieler sehr freundlicher „Hellos“ der Helfer. Dann zum Sicherheitspersonal und Armeeangehörigen, die jeden Ankömmling checken, die Körpertemperatur messen, die olympische Identität und die Akkreditierung mehrfach prüfen. Die Arbeitstasche wird durchsucht. Dann ist es geschafft. Kurz geht es noch an der Abgabestelle für die Spuckproben vorbei, sodann ins große Medienzelt und an den Arbeitsplatz. Bis dahin hat man etwa zwanzig Male „Arigatō“ gesagt und erwischt sich auch beim Winken. Höflichkeit ist in Japan oberstes Gebot.

Das Pressezentrum selbst unterscheidet sich nicht von jenen bei anderen Großveranstaltungen wie im America’s Cup oder beim The Ocean Race. An den Wänden sind Bildschirme für die täglichen Übertragungen der Rennen angebracht. Die Arbeitsplätze sind einfach und funktional gehalten, das Team ist freundlich und um guten Service bemüht. Einziger anderer erlaubter Anlaufpunkt für Journalisten ist die sogenannte Mixed-Zone. Hier trifft man die Sportler auf Abstand zu Interviews vor oder nach den Rennen. Die Wartezeiten können in Temperaturen deutlich jenseits der 30 Grad, die sich in der hohen Luftfeuchtigkeit noch heißer anfühlen, beträchtlich sein. Auf dem Weg zur Mixed-Zone läuft man am Container-Dorf der Teams vorbei. Dahin ist der Zutritt ebenso verboten wie ins Hafenvorfeld, wo die Segler an ihren Booten arbeiten und sie zu Rennen ins Wasser schieben. Der gesamte Olympiahafen besteht wie alle Sportstätten bei diesen Spielen aus Blasen, zwischen denen kein Übergang gestattet ist.

tati Können Journalisten aktuell nur durchs Busfenster sehen: Gebäude, Cafés und kleine Läden an der Zubringer-Straße zum Olympiahafen

Unsere Welt in Enoshima sind das Hotel, der Bus, das Medienzentrum, die Mixed-Zone. Es ist ein Mikrokosmos, der vor allem eines auslöst: Hunger nach etwas mehr Freiheit. Die extrem begrenzten Möglichkeiten stehen dem Reporter-Auftrag diametral entgegen. War es bei vergangenen Olympischen Spielen leicht möglich, einen Athleten morgens auf einen Kaffee oder abends zum Gespräch zu treffen, einen Strandspaziergang an Rio de Janeiros Guanabara zu unternehmen, sind solche Begegnungen hier sämtlich verboten. Und weil immer auch dem Athleten Ungemach droht, sollte man nur erwägen, sich darüber hinwegzusetzen, ist das eben keine Option.

Auch die Athleten selbst müssen auf das verzichten, was Olympia sonst neben den Wettbewerben ausmachte: das Miteinander. Im olympischen Segel-Dorf verbringen die Sportler die meiste Zeit auf ihren Zimmern. Die Athleten des German Sailing Teams haben Glück und Meerblick. Die Zimmergenossen Philipp Buhl und Paul Kohlhoff haben ihre von daheim mitgebrachten Fitness-Fahrräder aufgebaut und das Zimmer etwas umgestaltet. Morgens begrüßen sie den Tag mit einem Cappuccino aus der von Kohlhoff aufgestellten Kaffeemaschine. Das Schwimmbad draußen ist leergepumpt und gesperrt. Ebenso die Rasenflächen, auf denen man, so Tina Lutz, wunderbare Yogastunden hätte veranstalten können. Diese von der Corona-Pandemie diktierten Spiele lassen nahezu keinen Raum für mehr als Sein, Arbeiten und Wettbewerb.

Wer hier ist, wusste grob, wenn auch nicht in allen Details, worauf er sich einließ: konstante Bewegungsüberwachung, tägliche Gesundheitsüberwachung, extreme Restriktionen. Für mich sind es als Korrespondentin die achten Olympischen Spiele. Unter den anderen sieben waren bessere und schlechtere. Ich wollte diesen Gipfel in Japan trotz allem nicht verpassen. Zum einen, weil ein Reporter nicht kneifen sollte, wenn es härter zugeht und der reale Vorort-Blick durch nichts zu ersetzen ist. Zum anderen, weil Olympioniken begegnungs- und berichtenswert sind. Ob die Olympische Spiele unter diesen krassen Umständen hätten stattfinden sollen? Aus vielen guten Gründen sicher nicht – weshalb auch nur sehr wenige Kollegen aus aller Welt vor Ort sind. Für die Sportler, die ihr halbes Leben in diese Teilnahme gesteckt und so hart dafür gearbeitet haben, aber eben doch. Die meisten von ihnen sind inspirierend.

Sailing Energy / World Sailing Hier haben die Teams ihre Fahrerlager aufgebaut. Die meisten Container enthalten gut ausgestattete Büros, Werkstätten sowie Ruheräume für die Athleten


Lesen Sie die YACHT. Einfach digital in der YACHT-App (iTunes und Google Play) oder bestellen Sie es im Shop als Abo oder Einzelheft:

iTunes Store Google Play Store Delius Klasing Verlag

Themen: Olympia

Anzeige