Philipp Buhls Achterbahnfahrt ins olympische Finale
Erst am Abgrund, dann ein Sieg

Krasser kann man einen entscheidenden olympischen Segeltag kaum bestreiten: Laser-Weltmeister Philipp Buhl hielt seine Fans und sich selbst in Atem

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 30.07.2021
Im ersten Rennen des Tages fehlte Philipp Buhl noch der Durchblick. Mit dem souveränen Sieg im zweiten Durchgang verdiente sich der Sonthofener seinen Platz im olympischen Finale der Lasersegler am 1. August Im ersten Rennen des Tages fehlte Philipp Buhl noch der Durchblick. Mit dem souveränen Sieg im zweiten Durchgang verdiente sich der Sonthofener seinen Platz im olympischen Finale der Lasersegler am 1. August Im ersten Rennen des Tages fehlte Philipp Buhl noch der Durchblick. Mit dem souveränen Sieg im zweiten Durchgang verdiente sich der Sonthofener seinen Platz im olympischen Finale der Lasersegler am 1. August

© Sailing Energy / World Sailing Im ersten Rennen des Tages fehlte Philipp Buhl noch der Durchblick. Mit dem souveränen Sieg im zweiten Durchgang verdiente sich der Sonthofener seinen Platz im olympischen Finale der Lasersegler am 1. August

Die Gedanken, die Philipp Buhl nach der neunten von zehn Wettfahrten im olympischen Laserfeld auf dem Wasser durch den Kopf gingen, sind nicht druckreif. "Zu viele Flüche", sagt der Allgäuer am Ende des aufregenden Vorschlusstages in seiner Disziplin. Dass der Laser-Weltmeister diesen Tag auf dem ungeliebten küstennahen Kurs "Enoshima" später doch noch zu seinem machen konnte, war kaum mehr zu erwarten. Als Siebter hoffnungsfroh in die letzten beiden entscheidenden Wettfahrten vor dem Medaillenfinale gestartet, verpatzte Buhl den ersten Durchgang mit Rang 32 so gründlich, dass es schmerzte. Beim unglücklichen Agieren in den leichten Winden war er nicht allein. Auch Medaillenjäger Robert Scheidt musste mit Rang 24 zu viele Federn lassen und sagte später im Interview mit YACHT online im Hafen von Enoshima: "Ich hatte einen schlechten Tag. Meine Strategie war nicht gut, mein Speed war nicht gut, ich fühle mich einfach wohler in etwas mehr Wind. Das war heute da draußen eine riesige Herausforderung. Auf der einen Seite war der Wind, auf der anderen Seite die Strömung. Das richtige Mittel zu finden war unheimlich schwer."

© Sailing Energy / World Sailing Zwischen Hölle und Himmel am Vorschlusstag seiner olympischen Regatta: Laser-Weltmeister Philipp in Aktion auf Kurs "Enoshima"

Philipp Buhl und die neunte Wettfahrt passten so wenig zusammen wie ein Rennpferd in eine Zirkusarena. Doch statt als nun Elfter am Abgrund seiner olympischen Hoffnungen und Medaillenträume zu verzweifeln, raffte er sich auf. "Ich wollte einfach noch ein gutes Rennen segeln. Aber ich wusste ja und habe es auch vorher gesagt: Auf diesem verrückten Kurs braucht man dafür auch ein bisschen Glück." Tatsächlich war es dann nicht Glück, sondern sein gutes Bauchgefühl und die Blitzanalyse nach dem desaströsen Rennen, die Buhl im zweiten Rennen wieder die linke Seite wählen ließ, die ihm zuvor den Tiefschlag verpasst hatte. Schon auf der ersten Kreuz holte er sich die Führung und gab sie – mit einigem Zorn in sich und großer Sehnsucht nach Wiedergutmachung – nicht mehr her. Das Rennen markiert die Wiederauferstehung des schwer Gestrauchelten bei seinem zweiten Olympiaeinsatz, der nach dem ersten Durchgang schon so gut wie beendet schien und nicht nur Buhl selbst an den 14. Platz der olympischen Regatta vor fünf Jahren in Rio de Janeiro erinnert haben dürfte. "Jetzt stehe ich in meinem ersten Medaillenrennen bei Olympischen Spielen. Darauf freue ich mich", sagte der 31-Jährige am Abend in Japan. Rennen zehn war eines für Buhls Selbstvertrauen.

© Sailing Energy / World Sailing Die Belgierin Emma Plasschaert freut sich für ihren Freund Matt Wearn, der an diesem Freitag zum Olympiasieg segelte. Sie selbst kämpft am Sonntag ebenfalls um eine Medaille im Laser Radial

Olympiasieger kann Buhl nicht mehr werden – die Goldmedaille hat sich Matthew Wearn mit nur 49 Punkten auf dem Konto schon vorzeitig als dritter Australier in Folge gesichert. Der 25-jährige Steuermann aus Down Under hat insgesamt weniger Fehler gemacht und sich erfolgreich für die gegen Buhl erlittene Niederlage bei der Weltmeisterschaft 2020 in Down Under revanchiert. "Ich habe dreimal WM-Silber gewonnen", sinnierte der Lasersegler aus Perth, "da ist es wunderbar, hier jetzt auf dem Gipfel zu stehen." Philipp Buhl hat dem Sieger bereits gratuliert. Für ihn selbst sind Silber oder Bronze nach der Achterbahnfahrt am Freitag aber wieder in greifbare Nähe gerückt. Zwar haben Buhls norwegischer Sparringspartner Hermann Tomasgaard (71 Punkte), der Kroate Tonci Stipanovic (74 Punkte) und der Zyprer Pavlos Kontides (76 Punkte) die bessere Ausgangsposition. Doch gerade, weil es rechnerisch noch viele Möglichkeiten gibt, könnten Buhl (85 Punkte), der mit 86 Punkten hinter ihm liegende Laser-König und Doppel-Olympiasieger Robert Scheidt sowie nachfolgende Akteure ebenfalls noch den Kampf um Edelmetall eingreifen. Der Grat zwischen einer Medaille und einem Platz im hinteren Drittel der Top Ten wird im Finale schmal sein wie ein japanisches Sushi-Messer. Das Medaillenrennen der Laser verspricht Hochspannung. Es wird wieder auf Kurs "Enoshima" stattfinden. Buhls Ankündigung: "Ich werde volles Risiko gehen und angreifen. Es werden viele schauen, und ein paar Leute müssen performen. Es ist alles drin. Im Klartext: Ich muss ein geiles Rennen segeln und dann noch ein bisschen Schwein haben. Das hinzukriegen liegt nicht allein in meiner Macht." So sieht es vor dem Finale auch der Trainer. Alex Schlonski: "Unsere Wunschvorstellung war es natürlich, dass sich Philipp am Ende die Medaille mit Matchrace-Kunst sichern kann. In der Situation sind wir nun nicht. Er braucht ein sehr gutes Rennen und Fehler der anderen. Damit ist die Devise klar: Es geht nur über die Flucht nach vorn."

"Es geht nur über die Flucht nach vorn"

© Sailing Energy / World Sailing Bei der WM 2020 hat Buhl Wearn in dessen Heimatrevier in Australien geschlagen. Dieses Mal hat Wearn die Bugspitze vorn. Buhl gratuliert fair

Erik Heil und Thomas Plößel vom Norddeutschen Regatta Verein werden ihrem Vereinskameraden, der gleichzeitig für den Segelclub Alpsee-Immenstadt startet, die Daumen drücken. "Er hätte die Medaille so verdient", sagte Erik Heil. Er selbst und sein Vorschoter haben ihre drei 49er-Wettfahrten am Freitag so eröffnet, wie Buhl den Tag beendet hat: mit einem Tagessieg. Die deutschen Skiffsegler starteten mit starkem Speed souverän in ihre drei Wettfahrten, mussten aber anschließend mit den Rängen sieben und zwölf ein paar ärgerliche Federn lassen. „Da haben wir in der einen oder anderen Situation zu nett agiert, aber das ist morgen vorbei“, kündigte Erik Heil angriffslustig an.

Ein freiwilliger Strafkringel nach einem zu engem Start-Duell mit den führenden Briten Dylan Fletcher und Stuart Bithell hatte das deutsche Skiff-Duo in Wettfahrt neun zusätzlich zurückgeworfen. Dylan Fletcher verriet später: "Die Deutschen sind zweimal sehr gut gestartet. Im dritten Rennen des Tages wollten wir da auch hin und waren dicht bei ihnen." Heil und Plößel starten am Samstag von Platz fünf aus selbstbewusst in die letzten drei Rennen vor ihrem Finale. „Unser Speed stimmt weiterhin, bei uns ist alles im grünen Bereich. Es wird ein spannendes Finale. Die Entscheidungen fallen wahrscheinlich erst im Medal Race“, sagte der Steuermann. Dazu gab Erik Heil die Zielsetzung für seine Crew vor: „Wir müssen uns am Samstag früher die Kontrolle über die Gegner holen und halten.“

© Sailing Energy / World Sailing Die 49er-Segler Erik Heil und Thomas Plößel kämpften auf Bahn "Kamakura" um jeden Punkt

Mehr Kontrolle über die Gegnerinnen wünschen sich auch die 49erFX-Seglerinnen Tina Lutz und Susann Beucke (Chiemsee Yacht-Club/Norddeutscher Regatta Verein) für ihren Endspurt parallel zu den 49er-Männern. Mit den Rängen elf, 13 und drei arbeitete sich das bayerisch-norddeutsche Team auf Platz fünf im Zwischenklassement vor. Damit wahrten die Skiff-Seglerinnen ihre Medaillenchancen vor ihren letzten drei Rennen der Hauptrunde. Vorschoterin Susann Beucke erzählte von den Herausforderungen auf der Bahn „Kamakura“: „Wir hatten den ganzen Tag extreme Anspannung und extremen Fokus darauf, gute Starts zu machen. Das haben wir in allen drei Wettfahrten gut geschafft. In den ersten beiden Rennen konnten wir das leider nicht ins Ziel bringen. Die Bedingungen waren unglaublich schwierig. Im zweiten Rennen mussten wir leider kringeln, weil ich den Gennaker zu schnell hochgezogen habe und unser Gennakerbaum das Heck des Bootes aus Singapur berührt hat. Das Rennen wäre anders ausgegangen, wenn wir an der ersten Luvtonne unsere Position hätten beibehalten können. Aber bei den Spielen muss man nun einmal kringeln. Es war ein nervenaufreibender Tag für uns, weil wir so voll da, so im Tunnel waren. Der dritte Rang im letzten Rennen tat gut. Wir haben vieles heute richtig gemacht. Und so wollen wir morgen weitermachen.“

© Sailing Energy / World Sailing Tina Lutz und Susann Beucke beendeten den Tag im 49erFX mit stark aufsteigender Tendenz

Enttäuscht kamen die 470er-Seglerinnen Luise Wanser und Anastasiya Winkel von Kurs „Zushi“ zurück. Das Duo vom Norddeutschen Regatta Verein kam nach guten olympischen Tagen nicht über die Ränge 16 und 8 hinaus und liegt vor den verbleibenden vier Wettfahrten der Hauptrunde auf Platz 14. „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal sagen würde, dass uns das Segeln in den leichten und unbeständigen Winden schwerfällt. Da fehlt uns vielleicht doch etwas Erfahrung“, sagte die 23-jährige Steuerfrau aus Hamburg.

© Sailing Energy / World Sailing Luise Wanser und Anastasiya Winkel konnten nicht ganz an die Glanzleistungen der vergangenen Tage anknüpfen. Vier Rennen bleiben dem Duo für die Aufholjagd

Abschied von ihrer Olympia-Premiere nahm am Freitag Laser-Radial-Steuerfrau Svenja Weger. Auch sie hätte sich wie Philipp Buhl am Freitag etwas mehr Wind und Klarheit auf Kurs "Enoshima" gewünscht. Als Gesamt-16. konnte sich die Seglerin vom Potsdamer Yacht-Club, die als Spitzenreiterin so überragend in ihre Olympia-Premiere eingestiegen war, nicht für das Medaillenrennen der besten zehn Laser-Radial-Akteurinnen qualifizieren. Svenja Weger beendete ihren Einsatz aber versöhnt: „Heute hat es leider nicht gereicht. Es waren sehr komplizierte Bedingungen. Aber meinen Auftakt bei diesen Olympischen Spielen, den werde ich mein Leben lang nicht vergessen."

© Sailing Energy / World Sailing Svenja Weger verabschiedete sich als 16. von ihrer Olympia-Premiere

Die dänische Spitzenreiterin Anne-Marie Rindom wird dagegen das größte Malheur ihrer Segelkarriere nie vergessen. Wie Matt Wearn hätte sich die nach acht Rennen dominant in Führung liegende Dänin am Freitag vorzeitig den Olympiasieg sichern können. Stattdessen kam sie unter Tränen in die Mixed-Zone im Olympiahafen und berichtete, was ihr in den letzten beiden Rennen passiert war: der vielleicht teuerste Irrtum ihrer Segelkarriere. Die sympathische Laser-Radial-Steuerfrau aus Aarhus hatte im ersten Rennen des Tages eine gelbe Flagge wegen unerlaubtem Wriggen in den leichten Winden kassiert. Davon konnte sich Rindom durch einen 720-Grad-Strafkringel entlasten. Im finalen Rennen der Radial-Hauptrunde erlebte Rindum dann ihren Albtraum: "Ich erhielt beim Start zum zweiten Rennen des Tages eine zweite gelbe Flagge. Was bedeutet, dass man das Rennen aufgeben muss. Das habe ich gemacht. Dann aber gab es einen Generalrückruf. Ich hatte nicht genügend Zeit, mit meinem Coach zu sprechen, ob ich nun starten kann oder nicht. Ich kannte einfach die Regel nicht, dass ich in dem Rennen starten darf. Ich entschied mich zu starten, habe dann aber beschlossen, das Rennen aufzugeben, weil ich nicht sicher war und keinen DNE (nicht streichbare Disqualifikation) riskieren wollte. Das war offensichtlich falsch, und dafür kann ich nur mir selbst die Schuld geben. Ich denke, ich hätte die Regel kennen sollen. Aber ich bin in meiner ganzen Karriere nicht in dieser Situation gewesen." Die Dänin verteidigt vor dem Finale am Sonntag trotzdem noch eine Sieben-Punkte-Führung vor Erzrivalin und Rio-Olympiasiegerin Marit Bouwmeester. Doch die ist bekannt gefährlich. "Ich bin am Boden zerstört", sagte Rindom, "aber ich muss wieder aufstehen und für Sonntag bereit sein, denn noch ist nichts entschieden."

Sailing Energy / World Sailing Erlebte nach bislang herausragend gesegelter olympischer Serie einen Albtraumtag in der Sagami-Bucht: Laser-Radial-Weltmeisterin Anne-Marie Rindom

Hier geht es direkt ins Ergebnis-Center der olympischen Regatta (bitte anklicken!).


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Themen: Olympia

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