Am Sonntag beginnt die Olympia-Regatta in Enoshima
Die olympische Gratwanderung

Wie eng Frust und Lust bei den Corona-Spielen beeinander liegen, zeigt eine Auseinandersetzung im German Sailing Team. Buhl und Weger starten am Sonntag

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 24.07.2021
Tina Lutz und Susann Beucke bereiten sich im 49erFX auf ihren Olympia-Start am 27. Juli vor Tina Lutz und Susann Beucke bereiten sich im 49erFX auf ihren Olympia-Start am 27. Juli vor Tina Lutz und Susann Beucke bereiten sich im 49erFX auf ihren Olympia-Start am 27. Juli vor

Sailing Energy / World Sailing Tina Lutz und Susann Beucke bereiten sich im 49erFX auf ihren Olympia-Start am 27. Juli vor

Die Frustration von 49erFX-Steuerfrau Tina Lutz entlud sich in der Nacht zum Samstag in den sozialen Netzwerken. Auf ihrer Facebook-Seite ließ die 30-Jährige vom Chiemsee Yacht-Club in Japan ihrer Enttäuschung über die verpasste Eröffnungsfeier freien Lauf. Für die Europameisterin war mit der untersagten Teilnahme am Einmarsch der Nationen ins Stadion von Tokio ein langgehegter persönlicher Traum geplatzt. So schrieb sie: „Das ist einer der traurigsten Momente in meiner sportlichen Laufbahn: Zwölf Jahre zu kämpfen, zu den Olympischen Spielen zu dürfen, und dann verbietet die Sportdirektorin die Teilnahme an der Eröffnungsfeier. Dieser magische Moment war es, für den ich stets alles gegeben habe und der mich motiviert hat. Zusehen zu müssen, wie die Segler anderer Nationen einmarschieren dürfen, bricht das Herz."

Sailing Energy / World Sailing Die Nacra-17-Olympiasieger von 2016, Santi Lange und Cecilia Carranza Saroli, genossen ihre Aufgabe als Fahnenträger der argentinischen Olympia-Mannschaft

Sailing Energy /World Sailing Tina Lutz und Susann Beucke bei der Vorbereitung auf ihre Olympia-Premiere. Am Samstag war das Duo trotz der verpassten Eröffnungsfeier beim Fototermin wieder besserer Dinge. Am Dienstag beginnt ihr Einsatz

Tina Lutz' Reaktion zeigte vor allem das Ausmaß der individuellen Enttäuschung einer Leistungssportlerin. Er unterstreicht aber auch, wie angespannt die Lage bei den Olympischen Spielen, bei den Sportlern, ihren Betreuern und den Veranstaltern ist, wie schmal der Grat zwischen Frust und Lust, wie schwierig die Abwägung. Ein offizielles Statement des German Sailing Teams um DSV-Sportdirektorin Nadine Stegenwalner erklärte schon vor dem feierlichen Tokio-Auftakt, warum kein Mitglied des deutschen Segelteams zur Eröffnungsfeier fahren sollte: „Heute werden die Olympischen Spiele eröffnet. Die deutschen Seglerinnen und Segler werden die Eröffnungsfeier aus dem Olympischen Segeldorf verfolgen. Eine Covid-19-Infektion oder die Identifizierung als 'Close Contact' (dt.: enger Kontakt) einer infizierten Person kann für Athlet*innen das Ende der Spiele bedeuten. Wir bedauern, diesen besonderen olympischen Moment nicht live in Tokio erleben zu können. Aber die Gesundheit des Teams ist das höchste Gut, und die Wettkämpfe stehen an erster Stelle.“

Die deutschen Segler befanden sich bei ihrer Generalentscheidung in guter Gesellschaft: Bekannte Segelnationen wie Italien folgten ebenfalls der Bitte der Olympia-Organisatoren und blieben der vergleichsweise klein gehaltenen Eröffnungsfeier ohne großes Publikum geschlossen fern, feierten in offizieller Teamkleidung im olympischen Dorf der Segler mit. Dennoch waren für neun Länder zwölf Seglerinnen und Segler als Fahnenträger für ihre Mannschaften im Einsatz. Einige weitere Teamkameraden und Betreuer aus diesen und anderen Teams begeleiteten sie. Die schlichte Eröffnungsfeier ohne pompöse Auswüchse blieb ein Balance-Akt in der olympischen Herzkammer der Gastgeber, denn in Tokio steigen die Zahlen der Corona-Infizierten.

Wenn der olympische Traum platzt…

Die Sorge vor einer Infektion und den Konsequenzen bleibt deshalb bei den Olympischen Spielen in Japan allgegenwärtig. Aus diesem Grund hatten sich die Japaner für Spiele ohne Zuschauer entschieden. Aus dem gleichen Grund gibt es Restriktionen in nie dagewesenem Ausmaß, die Japans Bevölkerung und alle Beteiligten schützen sollen und bei einer Großveranstaltung doch nie hundertprozentig sicher greifen können. Als erster deutscher Olympiasportler wurde am Freitag Radsportler Simon Geschke positiv auf das Corona-Virus getestet. Für ihn sind die Olympischen Spiele als Sportler noch vor dem Einsatz beendet. Teilnehmer aus anderen Ländern waren zuvor ebenfalls positiv getestet und durch angeordnete Quarantänen ihres olympischen Traums beraubt worden. Die Liste der auf diese oder ähnliche Weise aus dem Rennen genommenden und laut eigenen Aussagen „am Boden zerstörten“ Sportler wird länger.

Sailing Energy / World Sailing Sie sieht man auch hinter der roten Maske noch lächeln: Die nervenstarke spanische Steuerfrau, Matchrace-Olympiasiegerin, 49erFX-Weltmeisterin und Weltumseglerin Tamara Echegoyen greift mit Paula Barcelo im Skiff erneut nach einer Medaille, will auf keinen Fall wieder Vierte werden und zählt zu den gefährlichsten Gegnerinnen für die Europameisterinnen Tina Lutz und Susann Beucke

Betroffen von Quarantäne-Anordnungen sind auch Medienvertreter. Shirley Robertson, segelnde britische Doppel-Olympiasiegerin von 2000 und 2004, ist inzwischen als erfolgreiche TV-Kommentatorin nicht nur aus dem America’s-Cup-Fans in aller Welt bekannt. Sie und Teile ihres Teams wurden in Japan neun Tage nach der Landung am Flughafen von Tokio aufgrund von sogenannten „Close Contacts“ (enge Kontakte zu einem Infizierten) im Flugzeug in Quarantäne geschickt. Dort muss die nicht positiv getestete und symptomfreie BBC-Reporterin Robertson nun wie weitere Kollegen bis zum 28. Juli ausharren. Im Gegensatz zu Athleten im Einsatz können Robertson und ihr Team aber zumindest weiterarbeiten. Ihre Beiträge nimmt die Britin im Zimmer unter der Bettdecke auf. Die 53-jährige Vollblut-Athletin und Reporterin bewahrt dabei ihre kämpferische Einstellung und ihren Optimismus: „Wir hatten zum Glück viele Interviews vorab gemacht. Unser Redakteur ist auch in Isolation. Das ist nicht ideal. Aber wir müssen einfach das Beste daraus machen. Ich denke dennoch, dass wir guten Sport erleben werden.“

Sailing Energy Ist für guten Sport bei Olympia gekommen: RS:X-Top-Favorit Kiran Badloe aus den Niederlanden zeigt mit seiner Frisur, wo es hingehen soll – immer nach vorn. In den ebenfalls am Sonntag startenden Surf-Disziplinen sind nach Ende der Glanzzeiten von Toni Wilhelm und Moana Delle keine deutschen Starter im Einsatz

"In diesem Olympia-Start steckt ein ganzes Sportlerleben"

6000 Athleten und offizielle Betreuer waren bei der Eröffnungsfeier. Etwa 3500 Medienvertreter aus aller Welt berichteten via Fernsehen, Radio, Print und online vom Auftakt aus Tokio. In Enoshima, wo ab Sonntag die ersten 131 Segler und Seglerinnen gefordert sind, kämpfen insgesamt 350 Seglerinnen und Segler aus 63 Nationen in der Sagami-Bucht um gute Ergebnisse. Sie alle sind gekommen, um unter den olympischen Ringen auch in extrem fordernder Zeit ihre sportlichen Ziele zu erreichen, Medaillenträume zu verwirklichen, ihre Sportkarrieren nach jahrelanger harter Arbeit zu krönen. So wie Philipp Buhl, der vor seinem zweiten Olympia-Start am Samstag im Olympiahafen sagte: "In diesem Olympia-Start steckt ein ganzes Sportlerleben." Für Laser-Radial-Steuerfrau Svenja Weger und Laser-Weltmeister Philipp Buhl beginnt der Wettbewerb am Sonntag: Die Damen eröffnen ihr erstes Rennen um 12 Uhr Ortszeit (5 Uhr deutscher Zeit), die Männer folgen zwei Stunden später.

Sailing Energy / World Sailing Er ist wieder da: Robert Scheidt zählt im Alter von 48 Jahren zu den Medaillen-Kandidaten im Laser. Einst das Jugendidol von Weltmeister Philipp Buhl, hat der Brasilianer jede olympische Laser-Regatta seit der Olympia-Premiere der Klasse 1996 bestritten. Richtig gerechnet? Es ist Scheidts siebte Olympia-Teilnahme, und seine Gegner wissen, dass der Marathon-Mann nach seinem Rücktritt vom Rücktritt immer noch brandgefährlich

Die Athleten und Athletinnen haben mit ihrer Teilnahme Ja gesagt zu Olympischen Spielen in einem nie dagewesenen Umfeld und unter extremen Restriktionen. Die Gefahren, die bei den Spielen in Japan lauern, waren vorher bekannt. Ausgesucht hat sie sich aber niemand. Viele Corona-Bedrohungen können in Eigenregie und unter Beachtung der Regeln vermieden oder minimiert werden. Auf andere – wie beispielsweise einen zu engen Kontakt zu einem unbekannten und später „positiv“ getesteten Sitznachbarn im Flugzeug nach Tokio – hat niemand Einfluss. Ein möglicher Ausschluss vom Wettbewerb für Sportler oder die Verbannung von Beobachtern in Quarantäne-Zimmer bleiben bis zum Ende dieser nervösen Spiele möglich – für jeden der 10.400 Sportler, Betreuer, Journalisten, Medien-Teams und Gästen, die offiziell dabei sind.

Sailing Energy Philipp Buhl vor seinem zweiten Olympiastart: Morgen wird der Allgäuer seinen japanischen Laser erstmals unter Regattabedingungen die olympische Rampe hinunterschieben


Lesen Sie die YACHT. Einfach digital in der YACHT-App (iTunes und Google Play) oder bestellen Sie es im Shop als Abo oder Einzelheft:

iTunes Store Google Play Store Delius Klasing Verlag

Themen: Olympia

Anzeige