Segeln olympisch
"Meine Zukunft liegt in Euren Händen"

Beim der Halbjahres-Versammlung des Weltseglerverbandes World Sailing in London stehen große Entscheidungen über den olympischen Segelsport der Zukunft an…

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 12.05.2018
470er EM 2015 in Aarhus/Dänemark 470er EM 2015 in Aarhus/Dänemark 470er EM 2015 in Aarhus/Dänemark

AleN@NikosAlevromytis 470er EM 2015 in Aarhus/Dänemark

Seit Monaten wird hinter und vor den Kulissen des Weltseglerverbandes möglichst publikumswirksam um die besten Formate, Klassen, Disziplinen und Team-Zusammensetzungen für die Olympischen Spiele der Zukunft gerungen. In wenigen Tagen sollen nun bei der World-Sailing-Halbjahes-Versammlung beim Chelsea Football Club in London die ersten wegweisenden Entscheidungen fallen. Mehr als 200 Deligierte vertreten an diesem langen Wochenende die Interessen des Segelsports und tragen die Verantwortung dafür, den Segelsport für die Zukunft fit zu machen und olympisch attraktiv zu gestalten, ohne dabei die Grundanliegen der Segler und Seglerinnen selbst aus den Augen zu verlieren.

62 Anträge waren bis zum Einsaendeschluss vor dem Meeting eingegangen. Dazu liegen 12 weitere Anträge von Mitglieds-Nationen und Klassenvereinigungen aus dem vergangenen Jahr vor, die bis zum aktuellen Mai-Meeting vertagt worden waren. Thematisch steht die Auswahl der zehn Segeldisziplinen für die Olympischen Spiele 2024 in Paris mit der Segelregatta in Marseille im Mittelpunkt. Über sie wird zu Wochenbeginn, voraussichtlich am Dienstag entschieden. Eine Segeldisziplin kann beispielsweise ein "Mixed-Zwei-Personen-Mehrrümpfer" sein. Mit der Wahl der zehn Disziplinen (Events) steht jedoch nicht automatisch auch der Bootstyp (Equipment) fest, über den für einige Disziplinen in einem gesonderten Auswahlverfahren entschieden wird.

Zur Ermittlung der Anforderungen und Entwicklung einer Empfehlung war nach dem Jahrestreffen des Weltseglerverbandes im vergangenen Jahr eine "Events & Equipment"-Arbeitsgruppe gebildet worden. Deren Ergebnisse – zusammengetragen auf 37 Seiten – sind hier im Detail nachzulesen.

Vor dem nun gestarteten Halbjahrestreffen hatte die World-Sailing-Ratsversammlung (Council) die Empfehlung des Events Committee bestätigt, nach der sich die folgenden Disziplinen einer Überprüfung unterziehen mussten:

  • Windsurfing Männer (RS:X)
  • Windsurfing Frauen (RS:X)
  • Ein-Personen-Jolle Schwergewicht (Finn Dinghy)
  • Zwei-Personen-Jolle Männer (470er)
  • Zwei-Personen-Jolle Frauen (470er)

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Damit wurde gleichzeitig festgelegt, dass die folgenden Disziplinen (Events) und ihre Bootsklassen (Equipment) bis zu den Olympischen Spielen 2024 nicht ausgetauscht werden, obwohl ein Ausrüstungs-Komitee die Laser-Jollen und die Surfboards noch genauer untersucht und möglicherweise technische Änderungen empfiehlt:

  • Ein-Personen-Jolle Männer (Laser)
  • Ein-Personen-Jolle Frauen (Laser Radial)
  • Skiff Frauen (49erFX)
  • Skiff Männer (49er)
  • Mixed-Zwei-Personen-Mehrrümpfer (Nacra 17)

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Alleine zu den Disziplinen, die sich der Überprüfung unterziehen müssen, hat World Sailing im Vorfeld des Halbjahres-Treffens 58 (!) Anträge erhalten, die sich entweder für den Verbleib der Disziplin ausprechen oder neue Disziplinen vorschlagen. Diese Anträge werden im Events Committee diskutiert, bevor es eine Empfehlung an World Sailings Ratsversammlung (Council) gibt. Den World-Sailing-Rat bilden der dänische Präsident Kim Anderson, sieben Vize-Präsidenten, darunter DSV-Sportdirektorin Nadine Stegenwalner, zwei Ehren-Beauftragte (ohne Stimmrecht), 28 gewählte Mitglieder, die jeweils eine regionale Länder-Gruppe von Segelnationen vertreten, sowie Repräsentanten aus dem Offshore-Komitee, dem Klassen-Komitee, der Athleten-Komission und einer Frauen-Repräsentantin.

World Sailing World-Sailing-Präsident Kim Andersen (5.v.r.), seine Vize-Präsidenten, darunter DSV-Sportdirektorin Nadine Stegenwalner (4.v.l.) und Generalsekretär Andy Hunt (l.)

Im Vorwege haben vor allem Aktive und Vertreter bedrohter Disziplinen mit Sonderaktionen auf sich aufmerksam gemacht. So etwa die Finn-Segler mit einer Bildserie von ihren Aktiven unter dem Titel "Meine Zukunft liegt in Euren Händen". Eines ihrer wichtigsten Argumente: Wird nach dem Starboot und seinen vielen prominenten Seglern auch noch das Finn Dinghy aus dem olympischen Programm gestrichen, gibt es bei Olympia keine Segeldisziplin mehr für Segler jenseits von rund 85 Kilogramm Körpergewicht. Dabei war es in der Vergangenheit oftmals gerade die Finn-Klasse (und zuvor auch die Starboot-Klasse), die weltberühmte Erfolgssegler wie Paul Elvström, Russell Coutts, Iain Percy, Sir Ben Ainslie und viele andere hervorgebracht haben, die später in den America's Cup oder das Volvo Ocean Race wechselten. Eine gemeinsame Petition von bekannten Finn- und den ebenfalls stark bedrohten 470er-Seglern kam auf mehr als 19.000 Unterschriften. Inklusive einer weiteren Petition sind bereits über 35.000 Unterschriften beisammen.

Finn Class Der argentinische Finn-Segler Facundo Olezza ist nur einer von vielen Finn-Seglern, die mit dieser Bildkampagne für den Verbleib ihrer Disziplin im olympischen Programm werben

Für zusätzliche Aufregung im möglicherweise umfangreichsten Umbau des Segelprogramms in der olympischen Sportgeschichte sorgte nun noch ein Last-Minute-Antrag von WS-Präsident Kim Andersen, der am Donnerstag bekannt wurde und zu dem der Steuermann des Weltseglerverbandes laut Statuten berechtigt ist. Offensichtlich versucht der Skandinavier damit, noch vor der Abstimmung eine eigene Ordnung in die Antragsflut zu bringen. Der Kern des Antrags, so beschreibt es Sailing-Illustrated-Macher Tom Ehman, sähe die Beibehaltung von Laser, Laser Radial, 49er, 49erFX und Nacra 17 vor. Auch die beiden Surf-Disziplinen RS:X Männer und Frauen wären demnach weiter im Spiel. Eine radikalere Entwicklung würde Andersen für die drei ausstehenden Disziplinen vornehmen. Seine Idee: Der Finn könnte durch eine "Mixed-Ein-Personen-Jolle" ersetzt werden, auf der sich Frauen und Männer in einer Form von Team-Event abwechseln. Alternativ könne das, so hieße es gegen Ende des Antrags, auch auf dem Laser geschehen, während Finn und Laser Radial für Männer und Frauen beibehalten werden. Dazu käme eine Mixed-Zwei-Personen-Jolle mit neuer Bootsklasse, die die bisherigen Disziplinen 470er Männer und 470er Frauen ersetzt. Übrig bliebe eine zehnte Disziplin, die Andersen laut Sailing Illustrated für ein Mixed-Kiteboard-Event vorsähe. Vom Tisch wäre damit die Idee einer Mixed-Offshore-Disziplin mit Staffel-Anteilen. Hier geht es zum Original des Antrags von Kim Andersen.

World Sailing World-Sailing-Präsident Kim Andersen

Ein britischer Journalist beschrieb den gesamten Prozess der Neuordnung in der vergangenen Woche so: "Die gesamte Vorbereitung wirkt, als würde man der 'Titanic' dabei zusehen, wie sie Kurs auf den Eisberg nimmt. In diesem Fall ist der Eisberg die große stille Masse der Club- und internationalen Segler, die persönlich stark in den Sport investieren."

Die finalen Disziplinen (Events) für die Olympischen Spiele 2024 werden in einer elektronischen Abstimmung vom Council gewählt. Auch der Wahlvorgang selbst wird kritisch betrachtet, erscheint vielen Seglern zu anonym in diesem für sie zukunftsentscheidenden Prozess. Der wegweisenden Entscheidung an diesem Wochenende blickt die Segelwelt mit größter Spannung entgegen. Außerdem geht es in London um die Disziplinen und Formate für die Paralympics 2024, für die der Weltseglerverband weiterhin intensiv um das Comeback des paralympischen Segelsports kämpft, sowie eine Reihe weiterer Themen von Nachhaltigkeit bis zur Sicherheit auf dem Wasser.


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Themen: LondonOlympiaolympische SegeldisziplinenWorld Sailing

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