Segeln olympisch

Olympia-Test in Japan: den Medaillen nah, aber noch nicht da

Ohne Medaillen und mit gemischter Bilanz, aber auch einigen echten Lichtblicken ging die olympische Generalprobe in Enoshima für das German Sailing Team zu Ende

Tatjana Pokorny am 22.08.2019
Olympische Testregatta in Enoshima 2019
World Sailing/Sailing Energy/Jesus Renedo

Olympische Testregatta in Enoshima 2019: Justus Schmidt und Max Boehme, der heute seinen 28. Geburtstag feiert, segelten im 49er als beste deutsche Crew auf Platz 5

Die Stimmung in der deutschen Mannschaft im Olympiahafen von Enoshima war am letzten Tag der Testregatta gut, auch wenn die Nationalsegler diese Serie ohne Medaillen beenden mussten. Sie kamen, sahen, siegten aber nicht. Obwohl alle sieben startenden GER-Teams in den insgesamt zehn olympischen Segeldisziplinen das Revier und seine Bedingungen mögen, lief es für viele noch nicht nach Plan. Drei Boote allerdings konnten sich in den Top Ten und damit in Medaillennähe platzieren.

Olympische Testregatta in Enoshima 2019

Rückten den Medaillenrängen im 49er gegen Ende der Generalprobe immer näher: Justus Schmidt und Max Boehme vom Kieler Yacht-Club

Das beste deutsche Ergebnis gelang Justus Schmidt und Max Boehme im 49er. Die Crew vom Kieler Yacht-Club arbeitete sich nach glücklosem Auftakt im Verlauf der Serie mit konstant einstelligen Resultaten bis auf Platz fünf vor. Mit Rang zwei im Medaillenrennen zeigten der 27-jährige Steuermann Justus Schmidt und sein Vorschoter Max Boehme, der heute in Japan seinen 28. Geburtstag feiert, dass mit ihnen im Kampf um nur eine olympische Fahrkarte in der deutschen Paradedisziplin der Skiffsegler gerechnet werden darf. "Wir haben an den ersten beiden Tagen strategisch zu wenig entschieden agiert und erlebt, dass das in einer so kleinen, aber sehr starken Flotte nicht funktioniert. Man muss sich die Möglichkeiten schaffen, die Gegner zu kontrollieren. Denn sobald man einmal einen Pulk verliert, landet man ganz schnell im zweistelligen Bereich", fasste Schmidt zusammen. Das Olympiarevier beschreibt der Steuermann als "abgefahren, unheimlich vielseitig". Es biete "tolle Segelbedingungen" und habe "viele Gesichter". Gegen die große Hitze und die hohe Luftfeuchtigkeit in Enoshima wappnet sich Schmidt wie die meisten der Starter kreativ: "Ich hätte nie gedacht, dass ich mir mal Eiswürfel in die Schwimmweste stecke." Andere ziehen Westen oder Bekleidung direkt aus dem Kühlfach an.

Olympische Testregatta in Enoshima 2019

Die Österreicher Benjamin Bildstein und David Hussl schrammten als Vierte nur knapp am 49er-Podium vorbei

Beeindruckt haben in der Sagami-Bucht auch Paul Kohlhoff und Alica Stuhlemmer. Die Crew vom Kieler Yacht-Club gewann nach fast durchweg einstelligen Ergebnissen sogar das Finale der der besten zehn Teams und beendete die olympische Generalprobe mit Platz sechs. Bedenkt man die geringen Punktabstände zu den Medaillenplätzen und die Tatsache, dass zwei britische Crews vor ihnen lagen, von denen nur eine bei Olympia 2020 wird starten dürfen, dann war das im top-besetzten Feld schon sehr nah dran an den Medaillen. Den jungen Norddeutschen fehlte gerade eine Handvoll Punkte zum angestrebten Sprung aufs Podest. Damit haben sich Kohlhoff und Stuhlemmer nach schon in den vergangenen Monaten konstant ansteigender Leistungskurve in den erweiterten Favoritenkreis für die olympische Regatta im kommenden Jahr gesegelt. Allerdings müssen sie bei der Weltmeisterschaft in Neuseeland erst den deutschen Nationenstartplatz sichern, der den Katamaranseglern noch fehlt. Und im Anschlus daran beginnt die dreiteilige nationale Ausscheidung, an der weitere deutsche Nacra-17-Crews teilnehmen. Steuermann Kohlhoff sagte in Enoshima: "Unser Ziel war es, hier vor allem konstante Ergebnisse einzufahren. Das ist uns gut gelungen. Wir wollten uns in den Top Acht etablieren. Auch das haben wir erreicht. Unsere Leistung war sehr solide. Wir wollen die Reihe neunter, zehnter oder elfte Ränge in dritte, vierte, fünfte oder sechste verwandeln. Wir waren oft weit vorn und haben dann immer mal aufgrund von Kleinigkeiten ein paar Plätze wieder abgegeben. Unser Gesamtpaket ist noch nicht vollendet, aber wir sind auf gutem Kurs und werden weiter hart arbeiten."

Olympische Testregatta in Enoshima 2019

Segelten in der Samgami-Bucht vor Enoshima im Nacra 17 auf Platz sechs: Paul Kohlhoff und Alica Stuhlemmer 

Hier feiern die ersten Crews schon ihre Siege bei der olympischen Generalprobe

Flau war der Abschied: Am sechsten und letzten Tag mussten fast alle Medaillen-Finals gestrichen werden. Würdige Sieger gab es trotzdem

Hart arbeitet auch Deutschlands Lasersegler Nummer eins. Doch dafür konnte sich Philipp Buhl vor Enoshima noch nicht selbst belohnen. Zwar demonstrierte der Sportsoldat aus Sonthofen mit Platz sieben in der hochkarätig besetzten Flotte der 35 Einhandjollen einmal mehr seine Zugehörigkeit zu den Top Ten, doch er will mehr. "Ich bin unzufrieden und enttäuscht", ging der 29-jährige Steuermann vom Segelclub Alpsee-Immenstadt hart mit sich ins Gericht, "für mich ist die Generalprobe gescheitert." Hoffnung macht, dass Buhl auf Kurs seiner zweiten Olympia-Teilnahme das kommende japanische Olympiarevier im Gegensatz zum ungeliebten Rio-Revier vor drei Jahren umarmt, es gefällt ihm. "Es ist heiß, und es gibt teilweise großen Schwell. Fürs Lasersegeln ist das richtig cool. Ich denke, dass es mir liegt, weil es windtechnisch abwechslungsreich ist und die Wellen anspruchsvoll sind. Das mag ich." 

Olympische Testregatta in Enoshima 2019

Segelte bei der aus seiner Sicht nicht geglückten Generalprobe im kommenden Olympiarevier auf Platz sieben: Lasersegler Philipp Buhl

DSV-Sportdirektorin Nadine Stegenwalner, die mit dem German Sailing Team in Enoshima ist, zog am Ende der olympischen Testregatta ein zuversichtliches Fazit: "Wir sind sehr gut in die Serie gestartet, konnten die Leistungen aber nicht in allen Disziplinen bis ins Ziel bringen. Ich halte die Ergebnisse und die Erkenntnisse für besser, als sie aussehen mögen. Wir müssen jetzt intensiv unsere Hausaufgaben machen. Wir wissen sehr genau, welche das sind. Da gibt es noch viel Potenzial abzurufen." Stegenwalner berichtete, dass die Regatta-Bedingungen auf dem Wasser gut seien und die Nationalsegler das Olympiarevier für 2020 schätzen.

Die vier weiteren deutschen Starter konnten sich vereinzelt gut in Szene setzen, verpassten aber die Finalläufe. So wie die Berlinerinnen Victoria Jurczok und Anika Lorenz, die in den Top Drei fulminant durchgestartet waren, bevor die Crew vom Verein Seglerhaus am Wannsee kurz vor dem Finale knapp aus den Top Ten fiel und die "Ready Steady Tokyo – Sailing"-Regatta auf Platz elf unter Wert geschlagen beenden musste. Svenja Weger scheint sich vom enttäuschenden WM-Platz 29 gut erholt zu haben. Die Laser-Radial-Steuerfrau segelte bei der Testregatta über Tage unter den besten zehn, musste aber wie manch anderes deutsches Team im Endspurt noch Federn lassen und schloss den Olympia-Auftakt mit Platz 13 ab. Simon Diesch und Philipp Autenrieth segelten im 470er auf Platz 14, ihre Teamkameradinnen Nadine Böhm und Ann-Christin Goliass bei den 470er-Frauen auf Platz 17.

Olympische Testregatta in Enoshima 2019

Konnten ihren starken Einstieg in die Testregatta nicht ins Ziel bringen, hinterließen aber dennoch viele positive Eindrücke im Olympiarevier: Vicky Jurczok und Anika Lorenz im 49erFX

Olympische Testregatta in Enoshima 2019

Brasiliens Gold-Frauen jubeln: Die Olympiasiegerinnen von 2016, Martine Grael und Kahena Kunze, gewannen auch die vorolympische Regatta in Enoshima und segeln erneut als Favoritinnen auf Kurs Olympia 2020

Hier geht es zu den Ergebnissen.

Nach klassischer Berechnung von Medaillenspiegeln hat überraschend China die Nationenwertung dieser olympischen Testregatta mit zweimal Gold in den Surfdisziplinen für Männer und Frauen gewonnen. Ginge es nur nach der Anzahl insgesamt gewonnener Medaillen (und nicht nach ihrer Farbe), dann sind einmal mehr die Briten Spitzenreiter. Ihre Segler holten in zehn Disziplinen sechs Medaillen. Wie breit die olympische Spitze international geworden ist und wie viele Nationen inzwischen über medaillenreife Teams verfügen, zeigt die Vielzahl der Länder, die bei der Testregatta Edelmetall gewinnen konnten: 15 Nationen teilten sich die 30 vergebenen Medaillen, die auch im kommenden Jahr bei der olympischen Regatta zu haben sind. Mit dreimal Bronze ließen die Polen aufhorchen, jeweils einmal Test-Gold und Test-Silber gewannen Australien, Frankreich, Schweden und Italien. Überflieder der Woche waren die 49er-Olympiasieger und America's-Cup-Gewinner Peter Burling und Blair Tuke, die im 49er gewannen und klarstellten, dass sie nach zwei gewonnenen Olympia-Medaillen auch 2020 als Top-Favoriten antreten werden. Anders erging es Finn-Dominator Giles Scott. Der Brite, der parallel zu seinem olympischen Engagement auch für Sir Ben Ainslies Ineos Team UK im America's Cup im Einsatz ist, musste sich sowohl dem siegreichen Ungarn Zsombor Berecz als auch dem Niederländer Nicholas Heiner geschlagen geben.

Olympische Testregatta 2019

Peter Burling (r.) und Blair Tuke segeln im 49er auf goldenem Kurs

Tatjana Pokorny am 22.08.2019

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