Segeln olympisch

Olympia 2024: Offshore-Segeln und Kiter kommen, Finn raus

Revolution im olympischen Segelsport: Mit radikalen Veränderungen wollen der Weltseglerverband und seine Mitglieder für ihren Sport werben und olympisch bleiben

Tatjana Pokorny am 04.11.2018
Volvo Ocean Race 2017/2018
Martin Keruzoré/VOR

Es ging hoch her bei den Diskussionen der verschiedenen Gremien bei der Jahrestagung des Weltseglerverbandes in Sarasota in Florida. Lange wurde nicht mehr so konträr argumentiert, lange nicht so leidenschaftlich gekämpft wie in der vergangenen Woche in Amerika. Es stand viel auf dem Spiel: Im Ringen um die olympische Fitness des Segelsports für die Zukunft haben die Mitgliedsverbände, Klassenvertreter und Lobbyisten deswegen eine intensive Woche mit wenig Schlaf hinter sich. Am Sonntag schließlich wurden die Vorschläge der Ratsversammung des Weltseglerverbandes World Sailing von der Generalversammlung verabschiedet.

Danach ist die seit 1952 olympische Einhandjolle Finn-Dinghy Geschichte. Trotz guter Argumente und einer Last-Minute-Petition muss das Boot, in dem Jochen Schümann 1976 seine erste Goldmedaille gewann und in dem so viele prominente Segler wie Paul Elvstrøm (1952, 1956, 1960), Willy Kuhweide (1964), Russell Coutts (1984) und auch der viermalige Olympiasieger Sir Ben Ainslie erfolgreich waren, einer Neuformierung der olympischen Segeldisziplinen weichen. So entschieden es in einer Abstimmung mehrheitlich die 69 in Sarasota anwesenden nationalen Verbände – die sogenannten "MNAs" – entsprechend einer Vorlage des Vorstands von World Sailing, der in Zusammenarbeit mit weiteren Gremien entstanden war und zuvor auch die Zustimmung der Athleten-Kommission gefunden hatte.

Segel-Weltmeisterschaft 2018

Packende Finn-Rennen hatte zuletzt die Segel-Weltmeisterschaft aller olympischen Disziplinen in diesem Sommer im dänischen Aarhus serviert

Kiten und Offshore-Segeln werden olympisch

Neu ins Programm wird ein Mixed-Kite-Wettbewerb aufgenommen. Damit soll vor allem die Attraktivität der olympischen Segelsportdisziplinen bei jungen Menschen verstärkt werden. Ebenfalls neu kommt das Mixed-Offshore-Kielbootsegeln dazu. Dafür hatten sich unter anderen die Gastgeber der Olympischen Segelregatta 2024 in Marseille in einer eindrucksvollen Präsentation, aber auch World-Sailing-Präsident Kim Andersen, die Mehrheit seiner Vize-Präsidenten und viele bekannte Offshore-Segler stark gemacht.

In Frankreich ist das Offshore-Segeln – siehe auch die millionenfache Begeisterung für die heute in Saint-Malo gestartete Route du Rhum – eine Top-Sportart. Die Gegner der neuen olympischen Seesegel-Variante (und Befürworter der Beibehaltung der Finn-Klasse) hatte zwar auf das noch nicht festgelegte Format, die drohenden extrem hohen Kosten, die vielen World-Sailing-Mitgliedsländer ohne Küsten (49) und weitere Problemfelder hingewiesen, wurden aber nicht erhört. In einem Statement der Internationalen Finn-Klassenvereinigung hieß es am Sonntagabend: "Wir haben das Gefühl, dass die Finn-Klasse zum Kollateralschaden im Kampf um Geschlechter-Ausgewogenheit und Einkünfte durch olympische TV-Rechte für World Sailing geworden ist. Es ist ein großes Unrecht, dass viele der besten Athleten unseres Sports künftig der Weg zu Olympia versperrt bleibt. Und wir glauben ehrlich, dass die Olympischen Spiele durch den Ausschluss der Finn-Klasse ärmer sein werden."

Die Befürworter der Offshore-Disziplin mit gemischten Zweier-Teams konnten sich neben weiteren Argumenten mit ihren Hinweise auf die weltweite Verbreitung des Kielboot-Segelsports, der seit dem Starboot-Aus nach 2012 jedoch nicht mehr olympisch vertreten war, auf die Notwendigkeit radikaler Veränderungen und Erhöhung der Telegenität des Segelsports durch ein attraktives "24-Stunden-Format" durchsetzen, indem jeweils eine Seglerin und ein Segler im Teamwork gefordert sein werden. Das 13. Volvo Ocean Race hatte diesbezüglich auf attraktive Weise gezeigt, was möglich ist.

Torsten Haverland, DSV-Vizepräsident für Leistungssport, sagte nach der Abstimmung in Sarasota: "Wir haben bei der Jahrestagung versucht, Gemeinsamkeiten mit anderen Nationen zu finden, um so wenig Änderungen wie möglich in den Bootsklassen vorzunehmen, weil wir daran glauben, dass der olympische Segelsport bei allen anderen wichtigen Bestrebungen auch im Sinne des IOC vor allem Stabilität braucht. Deswegen hätten wir das Finn-Dinghy gerne beibehalten. Damit sind wir nicht mehrheitlich durchgekommen. Insofern bin ich enttäuscht. Es ist schade, dass eine Disziplin jetzt nicht mehr dabei ist, die die Kernwerte des Segelsports ideal repräsentiert und historisch immer bekannte Segelgrößen mit späteren Karrieren auch im Profisegelsport produziert hat. Natürlich werden wir jetzt Wege für das Kiten und das Offshore-Segel entwickeln und starke Athleten fördern. Das sind Herausforderungen, die wir Schritt für Schritt angehen. Da gibt es noch einigen Ausrüstungs- und Format-Klärungsbedarf seitens World Sailing. Unser Fokus liegt deswegen aktuell erst einmal auf den Olympischen Spielen 2020, auch wenn wir die Entwicklung für 2024 parallel angehen werden."

Die für Olympia 2024 beschlossenen Disziplinen im Überblick:

  • Windsurfen Männer - RS:X*
  • Windsurfen Frauen - RS:X*
  • Einhand-Jolle Männer - Laser*
  • Einhandjolle Frauen - Laser Radial*
  • Mixed-Kite - (Format noch offen)
  • Mixed-Zwei-Personen-Jolle - (Format noch offen)
  • Skiff Frauen - 49erFX
  • Skiff Männer - 49er
  • Mixed-Zwei-Personen-Mehrrumpfer - Nacra 17
  • Mixed-Zwei-Personen-Kielboot / Offshore* - (Boot und Format offen)


(*) Hier sollen noch unterschiedliche Formate oder auch Boote getestet. Das Ganze in Übereinstimmung mit den Anti-Monopol-Gesetzen der Europäischen Union. Die endgültigen Entscheidungen fallen 2019.

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Das RS:X-Board steht als Ausrüstung für die Olympia-Surfer fest. Die olympische Mixed-Kite-Regatta wird auf Foils ausgetragen. Die Zwei-Personen-Mixed-Jolle wird auf einem nicht-foilenden Dinghy ausgetragen, das mit Großsegel, Vorsegel und Spinnaker segelt. Das neue Boot für die Mixed-Offshore-Kielboot-Disziplin soll ein nicht foilender Einrumpfer mit einer Länge von sechs bis zehn Metern werden. Das Kielboot soll in Winden zwischen vier und 40 Knoten einsetzbar und mit entsprechender Segelgarderobe inklusive Spinnaker ausgerüstet sein.

Für die Mixed-Kiteboard-Disziplin und das Mixed-Zwei-Personen-Kielboot wird es gesonderte Trials mit einer Reihe verschiedener Boote geben, bevor der Bootstyp festgelegt wird. Die endgültige Entscheidung über den Bootstypen fällt bei der Jahrestagung im November 2019 auf Bermuda. Bei allen Ausrüstungs-Tests und Entscheidungen muss der Weltseglerverband grundsätzlich die Anti-Monopolbildungsgesetze der Europäischen Union im Hinterkopf haben, die auch den olympischen Segelsport und seine olympischen Vertragspartner im Visier hat.

Gegen Ende der Vollversammlung wurde in Sarasota noch über den Austragungsort der Jahrestagung des Weltseglerverbandes für 2020 entschieden. Zur Wahl standen die letzten drei der anfangs 21 Bewerber. Zur Wahl standen und präsentierten sich Abu Dhabi, Budapest und Sanya in China. Mit 32 und damit mehr als 50 Prozent der Stimmen wurde Abu Dhabi gewählt. Budapest erhielt 28 Stimmen, Sanya zwei. Die Jahrestagung 2019 findet im November auf Bermuda statt.

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