Nordseewoche
100 Jahre: Dramen und Momente der Glückseligkeit

Im Jahr 1922 wurde die erste Nordseewoche ausgesegelt. Bis heute ist sie die einzige deutsche Hochseeregattaserie. Zum Jubiläum blicken wir zurück auf ihre bewegte Geschichte

  • Lasse Johannsen
 • Publiziert am 26.05.2022
In den 1920er Jahren besteht die Regattaflotte vor Helgoland noch aus gaffelgetakelten Fahr­tenyachten ohne Seezaun – heute undenkbar In den 1920er Jahren besteht die Regattaflotte vor Helgoland noch aus gaffelgetakelten Fahr­tenyachten ohne Seezaun – heute undenkbar In den 1920er Jahren besteht die Regattaflotte vor Helgoland noch aus gaffelgetakelten Fahr­tenyachten ohne Seezaun – heute undenkbar

Franz Schensky/Archiv Museum Helgoland In den 1920er Jahren besteht die Regattaflotte vor Helgoland noch aus gaffelgetakelten Fahr­tenyachten ohne Seezaun – heute undenkbar

Teil 1: Von der Gründung bis zum Krieg

Pfingstsonntag im Jahr 1922. Das Schauspiel beim Langlütjensand könnte die Szene einer Wagner-Oper sein: Der Himmel ist behangen. Ein scharfer Nordwest treibt dicke Regenwolken vor sich her und sorgt dafür, dass irgendwann die Sonne durchbricht. Eine Regattaflotte von 30 stark gerefften Yachten wird in gleißendes Licht getaucht. Sie knüppeln unter Sturmfock hart am Wind durch die aufgewühlte Wesermündung gen Nordsee. Auf den tanzenden Schiffen haben ihre Besatzungen noch mit den Nachwirkungen der vorabendlichen Feierlichkeiten in der Bremerhavener Strandhalle zu kämpfen. Doch nun ist es von außen nass. Weil die ablaufende Tide gegen den Wind steht, werden die Yachten von der sich auftürmenden See regelmäßig überspült. Und während nur die Hälfte der Regattaflotte ohne Havarie an Takelage, Ruder oder Segeln über die stark verkürzte Bahn kommt, herrscht am nächsten Wettkampftag Flaute, und die Tide treibt manchen Teilnehmer am Ziel vorbei.

Die Nordseewoche ist aus der Taufe gehoben. Und gleich die erste Auflage bietet einen Vorgeschmack dessen, was sich bis heute bei der einzigen deutschen Hochseeregattaserie regelmäßig abspielt. Seither ist sie die Bühne für Dramen und Momente der Glückseligkeit. Sie ist ein Spiegel der Geschichte des Hochseesegelsports. Vor allem aber ist die Nordseewoche fester Bestandteil im Jahreslauf vieler Segler, die hier eine ausgelassene Zeit zwischen sportlichen Wettkämpfen und rauschenden Festen miteinander erleben. So ist es, mit Unterbrechungen durch Krieg und Pandemie, seit nunmehr hundert Jahren.

Mit der Durchführung einer anspruchsvollen Regattaserie entlang der Westküste ist die Hoffnung verbunden, der Kieler Woche etwas für die Nordseesegler entgegenzusetzen und "das Band des Segelsports zwischen Kiel, Elbe und Weser fester zu knüpfen", schreibt damals die YACHT. Doch das ambitionierte Unterfangen wird in eine schwere Zeit geboren. Der Krieg ist erst seit vier Jahren vorbei, die Wirtschaft leidet unter den Bedingungen des Versailler Vertrags, Weltwirtschaftskrise und Inflation. Und auch das seglerische Format ist für den Zweck anfangs noch nicht optimal.

An vier Tagen wird gesegelt: am Pfingstsamstag eine Zubringerregatta von Oberhammelwarden an der Unterweser nach Bremerhaven zum feucht-fröhlichen Begrüßungsabend. Am Pfingstsonntag führt der Kurs von Bremerhaven zum Leuchtturm Hohe Weg vor Mellum und zurück. Am Montag geht es dann von Bremerhaven nach Cuxhaven und am Dienstag weiter nach Brunsbüttelkoog.

Überlegungen zu einer Nordseewoche hatte es schon länger gegeben. Initiator ist schließlich der Weser Yacht Club. Doch das geknüpfte Band ist noch zart, die Beteiligung von Seglern aus Hamburg und Kiel gering. Zu aufwändig ist für sie die Reise an die Weser. Die Wendung bringt das Jahr 1925. Mit der Zusage der Helgoländer, ein geschütztes Hafenbecken für die Teilnehmerflotte zu räumen, ist es möglich, die Nordseewoche auf die Hochseeinsel zu verlegen. Ausrichter sind neben dem Weser Yacht Club der Norddeutsche Regatta Verein, der Kaiserliche Yachtclub und die Kieler Segelvereinigung. Die Zubringerregatten führen nun von Weser und Elbe zum roten Felsen, dort folgt ein Rennen um die Insel, und dann geht es in Rückregatten wieder heim.

Die Runde um den Sandsteinfelsen ist nichts für schwache Nerven. Der Tidenstrom verläuft sehr eigenwillig um die als Bahnmarken dienenden Seezeichen, kaum ein Eigner segelt die Regatta ohne Lotsen. Die Landgemeinde Helgoland hat für den Gewinner das Recht ausgelobt, die Helgoländer Ur-Flagge auf Lebenszeit als Nationale zu führen. Ganze 29 Yachten kämpfen 1925 um dieses Privileg. Der Bremer Heinz Harmssen gewinnt mit seiner bei Ernst Burmester gebauten "Aschanti II" und nimmt damit außer der sogenannten Kirchenflagge auch als Erster den wertvollen Helgoländer Inselpreis entgegen.

Harmssen gewinnt auch in den beiden Folgejahren und darf den Inselpreis 1927 als dreimaliger Sieger behalten. Bis heute hat ihm das keiner nachgemacht, um den zweiten Helgoländer Inselpreis wird noch bis 1962 gekämpft. Die Kirchenflagge ersegeln sich nach Harmssen noch drei weitere Teilnehmer, zuletzt der Hamburger Jürgen F. Schaper mit seiner "Schwalbe" im Jahr 1928.

Mit der Zeit wird das Regattaprogramm ausgedehnt, bis die Nordseewoche ihrem Namen entspricht. Pfingstsonntag erfolgt die Anreise auf Zubringerregatten, Montag ist Ruhetag, Dienstag das Inselrennen, und erst am Mittwoch geht es wieder heimwärts.

Auch landseitig setzt der Umzug auf die Insel Maßstäbe. Die Preisverleihung im Kurhaus mit Helgoländer Nationaltänzen und Gedeck zu 3,50 Mark gipfelt regelmäßig in einer rauschenden Ballnacht. Wer sonntags unter Segeln angereist ist, wird automatisch Mitglied im "Verein zur Schonung der Betten in der Morgenröte", dessen Sitzungen in der Moccastube von Lotte Laube auf dem Oberland für manch ein Mitglied verpflichtenden Charakter haben. Sorglos feiern die Segler, ignorieren die Polizeistunde und holen sich schon mal einen Seehund aus dem Nordsee-Aquarium als Gesellschaft zum Eiergrog dazu.

Seglerisch wird es bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs immer anspruchsvoller. "Die Nordseewoche ist zweifellos nicht ohne Einfluß auf die nach dem Kriege hervorgetretene Tendenz der Gleichstellung der Kreuzer und Rennklassen und die in dieser Richtung erfolgreichen Beschlüsse des Deutschen Seglertages 1927 gewesen", heißt es 1929 im Jahrbuch des Weser Yacht Clubs.

Besagter Seglertag hatte mit den Seefahrtkreuzerklassen Grenzmaße für sportliche Fahrtenschiffe festgelegt. Für die Vermessung klassenloser Boote und ihre Vergütung hatte man sich auf die von Henry Rasmussen entwickelte Kreuzer-Rennformel KR geeinigt.

Der Segelsport in Deutschland erlebt nicht nur aufgrund dieser Entwicklung einen enormen Aufschwung. In den 1930er Jahren geht es wirtschaftlich bergauf. Das hat Gründe, die schon bald zur Katastrophe führen werden, kommt Werften und ihren privaten Auftraggebern zunächst jedoch zugute.

Förderverein Museum Helgoland e.V./Franz Schensky Kurz vor Kriegsausbruch dominieren die Seefahrtkreuzer von Marine und Luftwaffe die Flotte der Teilnehmeryachten im Helgoländer Hafen

Auch die Nordseewoche wird größer in dieser Zeit. Im Jahr 1933 findet die erste Regatta rund Skagen statt. Der 510 Seemeilen lange Zubringer zur Kieler Woche sieht fünf Yachten am Start. Im gleichen Jahr organisiert der britische Ocean Racing Club eine Regatta von Burnham nach Helgoland. Von acht Meldern kommen fünf dort an. Im Jahr 1938 sind es bereits 30 Yachten. Die Anzahl an Wettfahrten, die zur Nordseewoche gehören, steigt von Jahr zu Jahr auf zuletzt 14, die Zahl der Teilnehmer auf rund 100 Yachten. Ende der 1930er Jahre sind viele davon Seefahrtkreuzer der Ausbildungsflotten von Luftwaffe und Marine. In den Klassen der 50er- und 100er-Seefahrtkreuzer segelt das Militär nahezu unter sich.

Doch dann bricht der Krieg aus. An Segeln ist auch für die Zivilisten fortan nicht zu denken.

Der rote Felsen in der Nordsee darf seit 1939 nicht betreten werden. Bauarbeiten sind der Grund. U-Boot- und Luftschutzbunker entstehen. Die Bevölkerung wird evakuiert. Als die Royal Air Force im April 1945 rund 7.000 Bomben über der Insel abwirft, retten sich die verbliebenen Soldaten in das 13 Kilometer lange Luftschutzbunker-Tunnelsystem. Zwei Jahre später versuchen die Briten, Helgoland vollständig zu sprengen. Doch das misslingt. Das Gestein ist zu weich und dämpft die Detonationen. Die Helgoländer fordern erfolgreich die Rückgabe ihrer Insel. Was sie bei ihrer Ankunft am 1. März 1952 vorfinden, ist jedoch ein Trümmerfeld.

Dieser Artikel ist Teil der neuen YACHT 12/2022, ab 1. 6. am Kiosk oder digital bestellbar .


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