Nordseewoche
100 Jahre: Die Nordseewoche der Neuzeit

IOR wird von IMS abgelöst, erstmals gibt es Yardstick-Wertungen, Volksfest und Freizeitcharakter wandeln das Bild der Hochseeregatta, erstmals wird virtuell gesegelt

  • Lasse Johannsen
 • Publiziert am 29.05.2022
Starkwind bei der Regatta um die Insel im Jahr 2016. Die teilnehmenden Yachten laufen gerefft durch aufgewühlte See um die Tonnen Starkwind bei der Regatta um die Insel im Jahr 2016. Die teilnehmenden Yachten laufen gerefft durch aufgewühlte See um die Tonnen Starkwind bei der Regatta um die Insel im Jahr 2016. Die teilnehmenden Yachten laufen gerefft durch aufgewühlte See um die Tonnen

Hinrich Franck/Nordseewoche Starkwind bei der Regatta um die Insel im Jahr 2016. Die teilnehmenden Yachten laufen gerefft durch aufgewühlte See um die Tonnen

Teil 4: Der Wandel zum Volksfest

Man reagiert auf der Insel auf das sich verändernde Publikum und organisiert 1993 die "Neue Nordseewoche" – ein Volksfest mit ganztägigem Freizeitangebot. Ein Zirkuszelt steht als Seglertreff im Mittelpunkt, es gibt Straßenmusik, Kleinkunst und ein Feuerwerk. Seglerisch sticht im gleichen Jahr die 25. Edinburgh-Regatta mit einer Rekordmeldung von 85 hervor, als viertes und letztes siegreiches deutsches Admiral’s-Cup-Team qualifizieren sich auf der neuen Nordseewoche "Container", "Pinta" und "Rubin XII".

Im darauffolgenden Jahr gibt es gar keine IOR-Wertung mehr, aber eine hohe Teilnehmerzahl von 168 Yachten. Das Skagen-Rennen hat mit dem Yachtversicherer Pantaenius einen neuen Sponsor. Dessen Chef Harald Baum hält nicht nur immer noch den Bahnrekord, er ist auch seit Jahren selbst mit seiner Swan 48 "Elan" am Start. Das Rennen ist seine große Passion. "Wir haben eine selten schöne Regattastrecke", so Baum anlässlich der 75. Nordseewoche, "die allen große Leistung abfordert". Baum spricht aus Erfahrung. Gleich beim zweiten Rennen nach seinem Beitritt als Sponsor, 1996, kommen von 48 Startern nur neun in Kiel an.

Mitte der 1990er Jahre hat sich auch das Bild der Flotte völlig verändert, die um die Qualifikation zum Admiral’s Cup kämpft. Der wird in diesem Jahr mit Yachten der Klasse IMS 44-50, der Einheitsklasse Mumm 36 und der Konstruktionsklasse ILC 40 ausgesegelt. Im Jahr 1999 beinhaltet die Ausschreibung zur Nordseewoche neben den traditionellen und den AC-Ausscheidungsregatten auch den Deutschland-Cup der X 99, die Distriktmeisterschaft der ILC 30 sowie die deutsche IMS-Meisterschaft. Organisatorisch wird die Veranstaltung mit der Gründung der Regattagemeinschaft Nordseewoche 1998 neu aufgestellt. Vorher wechselte die Leitung jährlich, seither gibt es mit Bernd Jörg bis 2014 und seinem Nachfolger Marcus Boehlich zwei langjährige Organisationsleiter – und entsprechend gesammelte Erfahrung. "Wir haben heute ein ausgezeichnetes Team, wo jeder weiß, was er tut", sagt Boehlich. Round about 50 Leute kämen zusammen, alles Ehrenamtler, sagt Boehlich, dessen gesamte Familie eingespannt ist, wenn es zu Pfingsten nach Helgoland geht.

Seit Bestehen der Regattagemeinschaft ist die Nordseewoche mehrfach den sich verändernden Bedürfnissen der Teilnehmer angepasst worden. So entstand der Nordsee-Cruiser-Cup für Regatta-Einsteiger, wurden Preisgelder ausgelobt und verschiedene Meisterschaften ausgesegelt.

Heute gibt es neben den üblichen Zubringerregatten und dem traditionellen Rennen Rund Helgoland die 2008 erstmals ausgeschriebene Early-Bird-Serie für Proficrews inklusive Nachtregatta. Mit der Helgoländer Acht ist eine Wettfahrt um Insel und Düne hinzugekommen. Und seit 2005 gibt es den Family-Cruiser-Cup für ambitionierte Fahrtensegler. Eine Vermessung ist nicht erforderlich, die Wettfahrtleitung um Albert Schweizer teilt einen Rennwert mit, der laut Ausschreibung "nicht diskutiert werden kann". Schweizer löste den langjährigen Wettfahrtleiter Stefan Lehnert 2017 ab. Beide sind selbst jahrzehntelang auf den verschiedensten Regattayachten mitgesegelt. "Die Nordseewoche ist ein Teil meines Lebens", sagt Schweizer, der seit 1976 dabei ist, und dass ihm auch die Insel selbst mittlerweile sehr ans Herz gewachsen sei.

Christian Beeck Auch wenn die Yachten anders aussehen und die Päckchen nicht mehr an der Kaimauer, sondern an schwimmenden Schlängeln vertäut sind: Der Charakter der einzigen deutschen Hochseeregattaserie ist zwar mit der Zeit gegangen, ist sich dem Wesen nach aber immer treu geblieben

Was Boehlich und Schweizer am Herzen liegt, ist, dass heute die Segler im Mittelpunkt ihrer Veranstaltung stehen. "Es gibt keinen Lärm im Festzelt neben den Schiffen mehr, wo die Sportler schlafen wollen, die Feierei haben wir ausgelagert in die Nordseehalle", sagt Boehlich. "Der Umgang mit den Teilnehmern ist kundenorientiert. Auch wenn man uns nicht dafür bezahlt. Wir erklären alles. Es heißt nicht einfach: Read your Rules! Bei uns geht es freundschaftlich zu, mit viel guter Stimmung." Albert Schweizer pflichtet ihm bei. "Als Wettfahrtleiter bin ich Dienstleister. Ich muss mich wochenlang gut vorbereiten, morgens um vier Uhr aufstehen und mit dem Wetter auseinandersetzen und den Tag aus Sicht der ganzen Flotte planen."

Im Jubiläumsjahr haben Schweizer und seine Teamkollegen mit der Internationalen Deutschen Meisterschaft in der Klasse ORC See Double Hand und außerdem zwei Wettfahrten für klassische Yachten und Veteranen aus der Cupper-Zeit noch etwas mehr zu tun als sonst. Die Vorfreude aber ist groß.

Pandemiebedingt fand die 86. Nordseewoche im Jahr 2020 nur in Form eines virtuellen Skagen-Rennens statt. Mehr als 25.000 Segler nahmen an diesem ersten deutschen Online-Langstrecken-Hochseerennen teil. Im darauffolgenden Jahr fiel die traditionelle Regattaveranstaltung erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg vollständig aus, auch weil das Skagen-Rennen nur alle zwei Jahre ausgeschrieben wird.

Bodendiek

Doch obwohl in diesem Jahr wieder real gesegelt wird, gibt es die virtuelle Ausgabe erneut, diesmal sogar mit einer gesonderten YACHT-Wertung! Mit einem speziellen Code kann man der YACHT-Gruppe beitreten. Nur in dieser Wertungsgruppe gibt es wertvolle Preise für die besten zehn Teilnehmer zu gewinnen. Infos zur Anmeldung, Teilnahme und den Preisen gibt es hier… (klicken)

Dieser Artikel ist Teil der neuen YACHT 12/2022, ab 1. 6. am Kiosk oder digital bestellbar .


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