Nordseewoche
100 Jahre: Das Zeitalter der Cupper

Mit der International Offshore Rule (IOR) beginnt im Jahr 1970 das IOR-Zeitalter auf dem Wasser. Die Nordseewoche wird zur Kampfarena der nationalen Ausscheidungen für den Admiral's Cup

  • Lasse Johannsen
 • Publiziert am 28.05.2022
Die „Pinta“-Crew um Willi Illbruck ist Stammgast bei den AC-Ausscheidungen. 1983 und 1993 gehört sie zum siegreichen Team Die „Pinta“-Crew um Willi Illbruck ist Stammgast bei den AC-Ausscheidungen. 1983 und 1993 gehört sie zum siegreichen Team Die „Pinta“-Crew um Willi Illbruck ist Stammgast bei den AC-Ausscheidungen. 1983 und 1993 gehört sie zum siegreichen Team

YPS/Peter Neumann Die „Pinta“-Crew um Willi Illbruck ist Stammgast bei den AC-Ausscheidungen. 1983 und 1993 gehört sie zum siegreichen Team

Teil 3: Die Ära der Cupper

Mit der 1969 aus der britischen RORC-Formel und der amerikanischen CCA-Formel entwickelten International Offshore Rule (IOR) beginnt im Jahr 1970 das IOR-Zeitalter auf dem Wasser. Im folgenden Vierteljahrhundert werden Yachtbau und Regattageschehen von der internationalen Ausgleichsformel dominiert. Eine komplizierte Konstruktions- und Vergütungsformel, nach der die Yachten aufgrund ihrer Hauptabmessungen in Klassen eingeteilt werden, in denen sie mit Zeitvergütung gegeneinander segeln.

Seit 1973 ist die Nordseewoche Teil der Ausscheidung zum Admiral’s Cup, der inoffiziellen Weltmeisterschaft im Hochseesegeln. Helgoland umweht zu Pfingsten von Stund an das exklusive Flair der seglerischen Formel 1. Am Start der Regatta um die Insel sind 153 Yachten. Obwohl es hackt. „Saudade“, „Rubin“ und „Carina III“ gehen als AC-Team aus dem Rennen hervor und bringen den Cup erstmals nach Deutschland. Die segelnde Öffentlichkeit ist begeistert, das Interesse der Medien groß und das Ansehen der Nordseewoche auf dem Höhepunkt, wo es sich bis zum Ende der Cupper-Ära souverän halten wird. Die Nordseewoche wird zur Premierenschau der IOR-Neubauten und immer stärker von internationalen Crews frequentiert.

Doch auch bei den Langstreckenseglern gibt es erstaunliche Entwicklungen. Ebenfalls im Jahr 1973 stellt die „Diana III“ von Henry Thomas mit Steuermann Harald Baum beim Skagen Rund einen Rekord auf, der erst 2000 von Dr. Klaus Murmanns „Uca“ mit Steuermann Walter Meyer-Kothe gebrochen wird. Nach 55 Stunden und einer Minute geht „Diana III“ vor Kiel über die Ziellinie. Sechs Jahre später gehen 19 Admiral’s-Cupper an den Start um die Ausscheidung. Die „Jan Pott“, die „Rubin“ und die „Tina I-Punkt“ segeln nach England, als das Fastnet-Rennen von einem Orkan heimgesucht wird, der 20 Menschen das Leben kostet.

Die Crews dieser Cupper bestehen fast ausnahmslos aus Männern, und zwar aus ambitionierten Amateuren. Bezahlte Crews und Sponsoring sind unüblich. Ohne solvente Eigner und intensives Training ist eine erfolgreiche Teilnahme in diesen Gruppen kaum denkbar. Das Nebeneinander von Ottonormalseglern und diesen professionell agierenden Amateuren prägt die Nordseewoche, sie macht ihren Reiz aus. Der Inselpreis geht nun jedoch meist an die Cupper. Der dritte 1975 endgültig an „Rubin“, der vierte 1982 an die „Jan Pott“.

YPS/Peter Neumann Die Swan 48 „Elan“ des Hamburgers Harald Baum hat kaum eine Nordseewoche und nur selten ein Skagen-Rennen ausgelassen

Andererseits segeln auch IOR-Serienbauten immer öfter vorn mit. Häufig kommen sie aus dem Hause Dehler. 1969 bereits war Werftchef Willi Dehler mit der „Optima“ gegen die hölzerne Konkurrenz erfolgreich. „Es besteht die Aussicht“, so damals die YACHT, „dass die konservativ denkende Küste umdenken muss.“ Die Vorhersage stimmt. Im Jahr 1977 geht mit der nur sieben Meter langen Sprinta Sport die erste IOR-Einheitsklasseyacht an den Start, drei Jahre später sind es schon 15 Boote. Und 1980 dominiert mit der Dehler DB1 ein Serienbau von Dehler bei den Dreiviertel-Tonnern. Die Dehler 36 DB setzt 1989 als IMS-Serienyacht den Erfolg fort.

Die Ausscheidungen vor Helgoland bringen nach 1973 noch drei weitere siegreiche Admiral’s-Teams hervor, und zwar in den Jahren 1983, 1985 und 1993. Doch das Interesse der Hochseesegler am Cup nimmt in den 1990er Jahren ab. Zu kostspielig sind die Kampagnen, da die Cupper als IOR-Einzelbauten teuer und nur für kurze Zeit konkurrenzfähig sind. Am Ende der Admiral’s-Cup-Ära ist auch die Nordseewoche im Umbruch. Er zeichnete sich schon länger ab. Mitte der 1980er Jahre sind Teile der IOR-Szene auf Ostsee und Mittelmeer abgewandert, 1988 sind sämtliche Cupper im Süden und bereiten sich auf den Sardinia Cup vor. Die seit 1984 angebotene Yardstick-Wertung lockt wieder Fahrtenyachten an. Im Jahr 1989 wird mit dem „Commodore’s Cup“ ein reiner Yardstick- Preis eingeführt und gut angenommen.

Erstmals 1987 werden die Ergebnisse nach IOR und dem neuen Vermessungsverfahren IMS berechnet – es ist zwei Jahre zuvor entstanden. Aus den gewonnenen Abmessungen des Rumpfes und den aktuellen Daten von Wind und Seegang errechnen Computer die theoretisch erreichbare Geschwindigkeit einer Yacht. Daraus ergibt sich eine tagesaktuelle Vergütung. Die Ergebnisse nach IOR und IMS weichen denn auch erheblich voneinander ab. Nach IOR segeln bald nur noch die Spitzen-Regattaboote, Admiral’s-Cupper und Vierteltonner. Bei den Übrigen wird IMS bevorzugt. Die IOR- Szene stirbt langsam, aber sicher aus.

Dieser Artikel ist Teil der neuen YACHT 12/2022, ab 1.6. am Kiosk oder digital bestellbar .


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