Edinburgh-Regatta
"Ein Hektopascal pro Stunde"

Der Skipper der "Charisma", Constantin Claviez, über die vielgelobte seemannschaftlich sichere Entscheidung, eine Nordroute zu segeln

  • Lars Bolle
 • Publiziert am 29.05.2013

"Charisma-Crew" Eindrücke von der Edinburgh-Regatta an Bord der "Charisma"

"Wir hatten sehr viel Respekt vor dem, was angekündigt war", sagt Constantin Claviez, Skipper der "Charisma", die beim Edinburgh Race einen großen Bogen nach Norden gesegelt war. Damit ging zwar jede Siegchance verloren, aber es wurde das Orkantief umgangen und so letztlich überhaupt ein Ankommen sichergestellt. Der Lohn war Platz fünf von 21 Startern.

Claviez beschreibt die Wettfahrt wie folgt: "Unser Plan war, ein ‚S’ zu segeln. Erst Richtung Edinburgh, und wenn sich die Wetterprognose bewahrheitet, nach NO auszuweichen, um unter Spi auf der Rückseite vom Tief nach Edinburgh zu segeln. Wir waren der Meinung, bei der Wetterlage kann man nur gewinnen, wenn man ankommt. Als sich das Tief näherte, ist der Baro pro Stunde ein Hektopascal gefallen. Wir sind mit dem Beginn der zweiten Nacht abgebogen. Nach dem Tiefpunkt hatten wir noch zwölf Stunden hartes Wetter, dann schönstes Spisegeln - bis kurz vor dem Firth of Forth der Wind eingeschlafen ist und wir noch kreuzen mussten."

Die Edinburgh-Regatta

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Bilder von Bord der "Charisma"

Die Charisma hat sich unterwegs alle sechs Stunden einen Überblick über das Wetter verschafft. Technisch ermöglicht wurde der Datentransfer von Grib-Daten durch die bordeigene, sehr gut installierte SSB-Funkanlage von Sailor mit 150 Watt Sendeleistung. Die Übertragung zum Computer wird an Bord durch ein Pactor-Modem ermöglicht, das von Kielradio GmbH installiert wurde.

Grib-Datenanalyse

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Die Wetterdaten, die der "Charisma"-Crew zur Verfügung standen

Kiel Radio empfängt und sendet die digitalen Daten, das Pactor-Modem verbindet den Computer mit dem Service-Provider. So können E-Mails empfangen werden. Wichtig: Über diese schmalbandige Verbindung ist nur die Übertragung von E-Mails und Wetter möglich. Selbst die Grib-Daten sollten auf die notwendigen Informationen reduziert werden. Die E-Mails mit den Wetterdaten hat die Webseiten-Programmiererin der Charisma-Website aufbereitet und regelmäßig versendet.

Claviez fasst die Schlussfolgerungen aus den für die Crew zugänglichen Wetterinformationen sowie seine Erlebnisse in einer E-Mail zusammen:

  • Wenn es nicht die Nordseewoche 2013 mit dem Race Helgoland-Edinburgh gegeben hätte, wären wir nicht ausgelaufen
  • Daher gab es zwei Möglichkeiten: Nicht anzutreten oder sich der Situation auf See zu stellen
  • Nach meinem Ermessen mit 200.000 sm Erfahrung war dieses verantwortbar, da wir mit der Nautors Swan über eine sehr gute und bewährte Yacht verfügen und ich
  • absolut überzeugt war, eine charakterstarke Crew an meiner Seite zu haben, die mir vertraut
  • bereits im Vorfelde haben wir die mögliche Wettertaktik bzw. Routenführung besprochen und erwägt: Das große S (spiegelverkehrt), d.h. ab Helgoland WNW, dann Kurs NNE und ab nördlich dem Kern des Tiefs WSW
  • genauso ist es gekommen, da die aktualisiert an Bord übermittelten Daten all das bestätigt haben, was zuvor prognostiziert wurde und worüber wir uns im Vorfelde sehr viele Gedanken gemacht haben
  • den Regattagedanken haben wir unterwegs im Sinne der Sicherheit auf See hinten angestellt - es ging schlichtweg ums Überleben und sicher, heil und unversehrt anzukommen
  • für uns als "Charisma"-Crew war eindeutig, dass wir uns der sehr harten Wettersituation in der westlichen Nordsee vor Schottland nicht stellen wollten
  • Der Glückwunsch von unserer Crew geht insbesondere an Schiffsführer und Crew der "Magic" und der "Pogo 1" das durchzustehen - ihre Entscheidung hätten wir jedoch nicht geteilt, da das Limit des machbaren auf Messers Schneide stand.
  • Die beiden schnellen Yachten konnten aufgrund ihres hohen Geschwindigkeitspotentials dem extremen Wetter entwischen - wir hatten es dagegen mit höherer Gewalt zu tun
  • Grundlage meiner Entscheidung war, dass wir das gesteckte Ziel Helgoland-Edinburgh unbedingt erreichen wollten ohne Gefahr zu laufen, es möglicherweise doch nicht zu erreichen und an der Ostküste von England ablaufen zu müssen
  • Da die Zugbahn des Tiefs sich immer weiter bestätigt hatte, gab es für uns nur den Weg, aktiv darauf hinzusteuern, so dass wir nördlich vom Kern des Sturmtiefs dann mit anliegendem Kurs gen Edinburgh segeln
  • Die Nummer war hart genug und auch wir hatten Sturm mit 45 Knoten Wind, aber eben aus der dann richtigen Richtung
  • dennoch hat sich die See bis auf 6-8 Meter aufgetürmt und Brecher haben beide Cockpits geflutet
  • Es gab Wellen, die uns als Kurzkieler aufgrund des Volumens ihrer Masse ausgehebelt hatten, bis die Yacht mit den Kajütfenstern vorübergehend auf der Seite lag
  • Wären wir als Crew im Cockpit nicht eingepickt gewesen, könnte ich Ihnen das hier nicht schreiben
  • Als wir die größte Intensität des Sturmtiefs durchgestanden hatten, segelten wir in traumhaften Wetterbedingungen mit optimaler Bootsgeschwindigkeit dem Firth of Forth entgegen
  • Das rechtzeitige Ankommen am 25.05.2013 um 16h55 im Royal Forth Yacht Club war für uns alle ein großes Erlebnis gerade auch im Hinblick des großartigen Zusammenhalts und Leistung der Crew

Auf diesem Wege möchte die gesamte Charisma-Crew des Helgoland Edinburgh Race der Wettfahrtleitung herzlich für die ausgezeichnete Organisation danken.


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Themen: CharismaClaviezEdinburghNordseewocheTeaser13_2013

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