Offshore Team Germany

"Was für ein Hammer. Gott sei Dank macht das mal einer!"

Heute wurde in Kiel der Open 60 GER 21 getauft und damit die Kampagne offiziell vorgestellt. Es gab überraschende Fürsprecher und einen überraschenden Namen

Lars Bolle am 21.06.2019
Taufe GER 21
YACHT/L. Bolle

Annie Lusch tauft die GER 21 auf "Einstein"

"Ich taufe dich auf den Namen Einstein", sagte Annie Lush und goss den Champagner über den Bug der GER 21. Nach umfangreichem Refit wurde das Boot des Offshore Team Germany, das 2021 an The Ocean Race teilnehmen will, heute offiziell in Kiel vorgestellt. Erneut wählte das Team dabei einen großen Namen aus der deutschen Geschichte, bereits der Mini 6.50 des Teams wurde auf "Lilienthal" getauft, damals noch in Anspielung auf den geplanten ersten fliegenden Mini der Klasse.

"Einstein segelte in Berlin und Kiel", begründet Teammanager Jens Kuphal aus Berlin die Namensgebung. "Er gibt in vielfältiger Weise eine Linie vor, der es nachzueifern gilt. Der visionäre Geist, der seine Ideen in die Welt trägt und die Verbindung zwischen Berlin und Kiel machen aus der GER 21 eine 'Einstein'".

Taufpatin Lush gehört zur Crew, Grußworte sprach Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer. Es sei eine Ehre für die Stadt, dass die Zeremonie in Kiel stattfinde. "2002 ist ein Datum der Stadtgeschichte, Segeln ist Kiels DNA", so Kämpfer. Im Jahr 2002 lief die "illbruck" triumphal in Kiel ein.

Taufe GER 21

Das Offshore Team Germany, im Vordergrund Kiels OB Ulf Kämpfer

Ihr damaliger Eigner und Initiator Michael Illbruck schickte Grußworte per Videobotschaft. "Alle aus der damaligen Crew sagen, dass diese Ankunft bis heute ihr größtes Segelerlebnis sei, trotz America's Cup oder ähnlicher anderer Ereignisse", so Illbruck. "Es war unsere Mondlandung." Er wünschte dem Offshore Team Germany auch Glück bei der nun anstehenden Sponsorensuche und war sichtlich bewegt, dass fast zwei Jahrzehnte nach seiner Kampagne wieder ein deutsches Team den Start bei dem legendären Race versuchen will. "Was für ein Hammer. Gott sei Dank macht das mal einer", so Illbruck.

Fotostrecke: Der neue Imoca GER 21 – Refit in Bildern

Die Teilnahme an The Ocean Race stand beim Offshore Team Germany aber zunächst gar nicht auf dem Plan. Bei der Gründung 2017 war zunächst vorgesehen, das Boot aufwändig zu refitten und mittels einiger radikaler Änderungen konkurrenzfähig für die Vendée Globe zu machen, der Einhand-nonstop-Regatta um die Welt. Das mag in Anbetracht des dann fast zehn Jahre alten Designs verwegen klingen, doch verliehen zwei technische Änderungen der alten "Acciona" neues Potenzial. Wegen vieler Kielverluste und Mastbrüche entschied sich die Klassenvereinigung der Imocas zur Einführung von Standard-Kielen und -Masten für Neubauten. Zugleich kamen Foils auf. Die Ex-"Acciona" unterliegt jedoch der sogenannten Grandfathering Rule, einer Art Bestandsschutz, da sie vor der Regeländerung gebaut wurde – sie darf noch einen abweichenden Kiel und Mast fahren. Wenn dieses Boot nun mit einem stärkeren Mast versehen würde, als er für Neubauten erlaubt ist, und zusätzlich mit Foils, könne es mehr Druck umsetzen als die Neubauten und damit einen vermeintlichen Konstruktionsnachteil ausgleichen. Es schien ein Geniestreich zu werden.

Mit dem Ausstieg des Hauptsponsors Volvo aus dem Ocean Race änderte sich jedoch das Format. Die bei den beiden vergangenen Auflagen eingesetzten Einheitsklasse-Yachten Volvo 65 werden mit Nachwuchscrews besetzt, zusätzlich kommen erstmals die Imocas an den Start, nicht einhand, sondern mit Crew. Damit taten sich für das Offshore Team Germany gleich zwei theoretische Startmöglichkeiten auf: mit demselben Boot bei der Vendée Globe und bei The Ocean Race anzutreten.

Allerdings wurde die Zeit bis zur Vendée Globe knapp, sie startet ja schon im kommenden Jahr. Neue Foils hätten geordert werden müssen, das Paar ab 500 000 Euro aufwärts, zudem ein neuer Mast, über 300 000 Euro, plus Segel und die Kosten für den laufenden Refit des Bootes – für das noch junge Team ohne zugkräftige Sponsoren eine in der verbleibenden Zeit kaum zu stemmende Aufgabe. Zudem hätte der Mast nicht beim darauffolgenden Ocean Race eingesetzt werden können, da dort Einheits-Wingmasten vorgeschrieben sein werden. Und ob die Foils in Anbetracht deren rasanter Weiterentwicklung dann noch konkurrenzfähig wären, war auch nicht klar. So entschieden die Initiatoren, voll auf The Ocean Race zu setzen.

Bordbesuch beim Offshore Team Germany

Ganz abgefahren ist der Zug für die GER 21 in Sachen Vendée Globe jedoch noch nicht. Es gibt Interessenten an dem Boot, meist französische Skipper, welche die Startberechtigung besitzen und auch Sponsoren, aber kein Boot. Diese wollen die GER 21 für die Vendée chartern. "Das würde uns bei der weiteren Finanzierung zwar sehr helfen", so Kuphal, schließlich würde der Charterer die Kosten für Foils und Mast übernehmen. "Aber wir müssten das Boot auch für mindestens anderthalb Jahre aus der Hand geben, wüssten nicht, in welchem Zustand wir es zurückbekommen und würden wertvolle Vorbereitungszeit auf The Ocean Race verlieren." Die Entscheidung in dieser Sache wird über den Sommer fallen.

Nach einem zweistufigen Refit blieb vom Original nicht viel mehr als die Rumpf- und Decksschale. Die Kompositarbeiten wurden in Portugal bei Trimarine durchgeführt, den Ausbau und die Installationen übernahm die Werft Lighthouse von Joff Brown in Gosport/England. Brown hatte zuvor schon den Bau der "Hugo Boss 6" beaufsichtigt, der als der bisher schnellste Open 60 gilt.

Die Umbaumaßnahmen zielten auf eine bessere Bedienbarkeit bei einer mehrköpfigen Crew sowie höhere Geschwindigkeit. Der Kajütaufbau wurde um große Fenster erweitert, erhöht und nach achtern verlängert, um der darunter arbeitenden Crew größere Kopffreiheit sowie besseren Schutz und mehr Sicht zu bieten, zugleich rutschte der Grinder etwas weiter nach vorn unter diesen Aufbau.

Unter Deck verschwand der zentrale Wasserballasttank, an seiner Stelle glänzen nun ein nagelneuer Diesel sowie die sonstigen technischen Installationen wie Hydraulikpumpe oder Wassermacher. Dafür wurden die seitlichen Ballasttanks vergrößert und nach achtern verlängert, sodass jetzt jeweils eine Tonne Wasser gebunkert werden kann. Der verlorengegangene Kiel wurde, wie jetzt vorgeschrieben, aus einem Stück Stahl bei ThyssenKrupp in Frankreich gefertigt, dazu eine neue Bleibombe. Das Boot sieht an und unter Deck aus wie ein Neubau.

Was fehlt, sind ein neues Mastrohr sowie die Foils. Zunächst wurde ein gebrauchter Mast vom französischen Team PRB gekauft, um erst einmal das Boot in Fahrt zu bringen. Das war Kuphal besonders wichtig. "Wenn man Sponsoren überzeugen will", so der Teammanager, "kann man nicht nur mit Plänen daherkommen. Das Projekt muss greifbar sein. Wir können jetzt Interessenten mitnehmen, und ich bin überzeugt, sie werden genauso begeistert sein wie wir."

Dank dieser Entscheidung konnte das Boot auch auf eigenem Kiel von Gosport zur Taufe nach Kiel und zur Kieler Woche segeln.

Dass es noch keine Foils am Rumpf gibt, erachtet Kuphal sogar als Glücksfall. "Wir wüssten momentan gar nicht, welche Flügel wir kaufen sollten." Denn bisher wurden diese Anhänge für die Imocas nur für die Vendée Globe entwickelt. Deren Route wird von vielen Raumschots-Anteilen bei Starkwind bestimmt, vor allem im Südpolarmeer. Dabei können die Foils einen echten Vorteil bedeuten. Von den ersten Einsätzen bis heute ist jedoch schon deren fünfte Generation im Einsatz, und sie werden kontinuierlich weiterentwickelt.

The Ocean Race jedoch führt in Etappen um die Welt, vielfach von Nord nach Süd und umgekehrt, mit vielen Amwind- und Schwachwind-Anteilen. Ob dabei die heutigen Foils von Vorteil sind oder welche Form diese haben müssten, sei noch gar nicht klar. "Es kann sogar sein, dass Steckschwerter, ähnlich wie wir sie jetzt haben, die bessere Wahl wären", so Kuphal. Diese sind jedoch nicht erlaubt, es müssen Foils installiert werden. "Ich bin ganz froh, dass wir da jetzt noch keine Entscheidung treffen müssen und die Entwicklung abwarten können."

Bei der Auswahl der Crew setzt das Team auf Entwicklungsarbeit und kooperiert dabei mit dem Deutschen Segler-Verband. Neben den jungen deutschen Talenten wie Morten Bogacki, Phillip Kasüske und Fabian Graf wurden erfahrene Hochseeprofis für die Kieler Woche und das Rolex Fastnet Race angeheuert. Dazu gehören die Britin Annie Lush, zweimalige Teilnehmerin am Volvo Ocean Race (SCA, Brunel), der Franzose Nicolas Lunven, Sieger beim Solitaire du Figaro und zweimaliger Navigator beim Volvo Ocean Race (Mapfre, Turn the Tide on Plastic) sowie der Neuseeländer Conrad Colman, der bei der Vendée Globe 2017 den Mast verlor, das Ziel aber unter Notrigg erreichte.

Mit der Teilnahme am Rolex Fastnet Race ist die erste Phase der Projektes The Ocean Race abgeschlossen. Ab dann muss die Finanzierung aus Sponsorengeldern gestemmt werden.

Dieser Artikel enthält Auszüge auf einem Artikel über das Offshore Team Germany. Den gesamten Artikel lesen Sie in YACHT 14/2019, ab 22. Juni beim Abonnenten, ab 26. Juni am Kiosk oder hier bestellen. Hier geht es zur digitalen Ausgabe.
 

Lars Bolle am 21.06.2019

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