Silverrudder

Von der Flaute verschluckt: Keine zehn Prozent kamen durch

Die Mehrheit der 312 Starter hatte keine Chance, das Solorennen rund Fünen zu beenden. Nur 29 kamen durch. An der Silverrudder-Leidenschaft ändert das nichts

Tatjana Pokorny am 20.09.2020
Silverrudder 2020
Mikkel Groth / MG Media Production

Der schwarze Kohlefaser-Tri "Black Marlin" von Lokalmatador Jan Andersen kam als "First Ship Home" ins Ziel

Es gibt Regatten, die bleiben ewig im Gedächtnis. Das Silverrudder 2020 wird für viele dazugehören. Schwer geprüft von erbarmungsloser Flaute, Strom und am Ende teilweise beängstigenden Nebelfeldern, konnte das Gros des Feldes das Einhand-Rennen rund Fünen nicht im Zeitlimit beenden. Von den 312 gestarteten Booten in den fünf Kielboot-Kategorien Mini, Small, Medium, Large und Extra Large sowie in der großen und der kleinen Multihull-Wertung erreichten nur 29 die Ziellinie rechtzeitig. Das sind weniger als zehn Prozent.

Silverrudder 2020

Anker-Szenerie im Kleinen Belt

Der Leidenschaft der Teilnehmer für das weltgrößte Solorennen, das sich mit seinem Team von rund 100 freiwilligen Helfern im Jahr der Corona-Pandemie erfolgreich gegen den Strom der Regattaabsagen gestemmt hat, tat das keinen Abbruch. Sogar Dehler-30-od-Pilot Max Gurgel ist nach seiner Premiere begeistert und sagte: „Ich bin voll infiziert und nächstes Jahr wieder dabei.“ Das ist angesichts der sportlichen und emotionalen Achterbahnfahrt Gurgels eines dieser vielen kleinen Wunder, die das Silverrudder jedes Jahr hervorbringt. Gurgels Geschichte steht hier stellvertretend für unzählige Ereignisse und Erlebnisse, die sich auf den außergewöhnlichen 130 Seemeilen rund Fünen 2020 abgespielt haben.

Silverrudder 2020

Schleichfahrt unter Fünens Küste

Silverrudder 2020

Segeln im Nebel – auch das gehörte 2020 zum Anforderungsprofil von Silverrudder-Herausforderern

Unfassbare drei Mal musste der Hamburger ins Wasser und als „MacGyver“ tätig werden. Gleich nach dem Start war seine „Hornfish“ in totaler Flaute auf eine Untiefe gedrückt worden. Während andere Starter mit ähnlichem Schicksal von Helfern freigeschleppt wurden und das Rennen aufgeben mussten, stemmte Gurgel das Boot aus dem Wasser selbst vom Sand. Mindestens zehn verzweifelte Versuche dauerte das, „weil ich jedes Mal zu langsam ins Boot kam und gleich wieder raufgedrückt wurde. Es war furchtbar, aber ich hatte mich so auf dieses Rennen gefreut. Es sollte einfach noch nicht vorbei sein“, erinnert er sich.

Max Gurgel

Max Gurgels Selbstportrait. Er selbst gab ihm den Titel "The Daily Dive"

Das zweite unfreiwillige Bad nahm Gurgel, als er unter der ersten großen Autobahnbrücke im Kleinen Belt am frühen Samstagmorgen in Flaute und Strom erneut auflief. Sein erster Gedanke: „Das darf doch nicht wahr sein!“ Der zweite: „Nein, das kann noch nicht das Ende sein.“ Zu dem Zeitpunkt als dritte Dehler 30 od hinter Morten Bogacki („Humboldt“) und Oliver Schmidt-Rybandt („PowerPlay“) unterwegs, die sich ein hübsches Spitzenduell lieferten, hatte sich Gurgel unter Code Zero ganz rechts gehalten, weil dort sogar ein halber Knoten Strom in die richtige Richtung wies. Ihm war klar, dass die Landnähe „ein gewisses Risiko“ barg. Doch Gurgel ging davon aus, er könne bei entsprechendem Echolothinweis schnell genug reagieren. Das konnte er jedoch nicht und – hing wieder fest. Und zwar ohne Strom. Wieder sprang Gurgel ins Wasser. In der Zwischenzeit zog auch Dehler-30-od-Steuermann Andreas Deubel („Calle Dr. Antonio Jorge Aguiar“) an ihm vorbei. Ein Boot der Wettfahrtleitung bot Hilfe an, doch Gurgel wollte es unbedingt selbst schaffen und weitersegeln. Eine Bö und der backstehende Code Zero halfen schließlich, doch es ging nur 200 Meter voran, bis er – wie so viele andere auch – erneut den Anker werfen musste. Hier entstand der auch im Live-Tracker wie ein bunter Konfettihaufen gut sichtbare Ankerpulk unter der zweiten Brücke.

Nachdem es später weiterging, konnte Gurgel Schmidt-Rybandt, der sage und schreibe neunmal unter der zweiten Brücke durchfuhr – fünfmal vorwärts, viermal rückwärts –, überholen und vorerst vor ihm bleiben. Der endgültige K.-o.-Schlag für den unermüdlichen Max Gurgel kam bei Bagö, als er als Führender seiner Gruppe in ein Fischernetz segelte. Zwar konnte der Gefangene Schmidt-Rybandt durch lautes Schreien warnen, doch das eigene Schicksal war besiegelt. Während die nachfolgenden Boote die im Netz zappelnde Dehler 30 od weiträumig umsegelten, war es Oliver Schmidt-Rybandt, der seine Segel runternahm, den Motor anwarf und Gurgel zur Hilfe eilte. „Damit habe ich etwa ein Stündchen zugebracht“, erinnerte sich Schmidt-Rybandt, der mit der kameradschaftlichen Hilfe die eigene Chance auf den Klassensieg platzen ließ. „Bei dieser Aktion ist Arno Kronenberg durchgeschlüpft“, erzählte er später. Der siebenmalige Atlantiküberquerer Arno Kronberg segelte das Rennen konzentriert zu Ende und brachte seine „PlayHarder“ als beste Dehler 30 od mit Platz drei in der Kategorie Small ins Ziel. Oliver Schmidt-Rybandt kam als vorletztes Small-Boot trotz allem noch als Klassen-Neunter ins Ziel. Gewonnen hat in Small zum dritten Mal Silverruddder-Urgestein Frank Schollmeyer mit seiner kleinen und vor allem in den schmalen Passagen angenehm wendigen Esse 850 vor Georgiy Juhasz mit seiner Flaar 26 „Kolibri“.

Im Mini-Feld erreichten nur vier Boote das Ziel im Zeitlimit: Patrick Heinrichs T24 by T. Wilberg „Jynx“ machte das Rennen nach 44 Stunden, 13 Minuten und 47 Sekunden vor Klaus Rønn Madsens CB 66 Racer „CaBoom“ und dem Spaekhugger „Olivia“ von Jørgen Mohr Ernst. Bei den Medium-Booten dominierte Topfavorit Per Svanberg aus Schweden mit seiner selbst modifizierten, leichten und sehr schnellen Fareast „Kuai“ das Feld. Die Plätze zwei und drei eroberten Tomasz Odzioba mit der Caravela 950 „Black Caravela“ und Thomas Nielsen mit seiner X-99 „Maxx“. In der Kategorie Large war Göran Artmann auf der X-382 „Xusidus“ nach 43 Stunden, 48 Minuten und 38 Sekunden als Schnellster im Ziel. Hans-Wolfgang Wieses Sigma 36 „Burrasca“ und Jørn Grønlunds X-119 „Carmen“ folgten. Stig Wittrups First 40 „My Way“ fand in der Division Extra Large den schnellsten Weg durch die Flaute ins Ziel vor Axel Grawes X-442 „Mopion“ und Lars Christensens X-412 „Wuchtbrumme“. Sieger bei den Mehrrumpfbooten waren in der kleinen Gruppe Lars Kämpfe mit der Dragonfly 800 „Tri“ und in der großen Gruppe erwartungsgemäß der Trimaran „Black Malin“ vom glücklichen Lokalmatador Jan Andersen.

Philip Cossen, an der Seite von Veranstaltungsdirektor Ole Ingemann Nielsen ein wichtiger Motor des Silverrudders, hat die Auflage 2020 nicht nur als Helfer und rasender Reporter intensiv begleitet. Er moderierte auch die abschließende Siegerehrung am Sonntag in Svendborg und sagte: „Wir hatten nicht viel Wind, aber Nebel und fantastisches Sonnenwetter.“ Cossen verglich die Flautenedition dieses Jahres mit der Sturmauflage 2018, beschrieb das aktuelle Rennen als immense Herausforderung und sprach allen Teilnehmern – ob im Ziel oder nicht – große Anerkennung aus.

Hier geht es zu den Ergebnissen.

Hinweis: Wir berichten in YACHT 22 ausführlich über dieses ganz besondere Rennen rund Fünen, seine Sieger und stellen Frauen und Männer vor, die es geprägt haben.

Tatjana Pokorny am 20.09.2020

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