Golden Globe Race

Streit im Auge des Sturms: Slats droht Gefahr und Strafe

Während Jean-Luc Van Den Heede und seine "Matmut" nur noch rund 60 Seemeilen bis ins Ziel zu absolvieren haben, hat Verfolger Slats an allen Fronten zu kämpfen

Tatjana Pokorny am 28.01.2019
Golden Globe Race
Screenshot windy.com

Auch die Prognosen vom Wetterdienst windy.com sehen für Dienstagmittag einen Sturm in der Biskaya auf dem Kurs der Golden-Globe-Segler in den Zielhafen Les Sables d'Olonne voraus

Auf den letzten Meilen ist noch Ärger am Horizont der Golden-Globe-Segler aufgezogen: Während der französische Spitzenreiter Jean-Luc Van Den Heede mit nur noch 60 Seemeilen bis ins Ziel bei einer Bootsgeschwindigkeit von knapp fünf Knoten am Montagabend dem erhofften Sieg entgegen segelte, sah sich sein nimmermüder Jäger Mark Slats nicht nur mit einem Rückstand von rund 335 Seemeilen konfrontiert. Dem Holländer droht auch noch eine Zeitstrafe, weil sein Team-Management ihn nach Informationen der Rennleitung aufgrund eines bevorstehenden Sturms in der Biskaya direkt kontaktiert haben soll. Das Team-Management stellte es in einem Statement in den sozialen Netzwerken anders da und schrieb, Slats habe seinen Shore-Manager angerufen und nicht umgekehrt.

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Der laut Reglement verbotenen direkten Kontaktaufnahme waren die gefahrverheißenden Sturmprognosen und ein Streit zwischen Slats Teammanager Dick Koopmans und der Rennleitung vorausgegangen, den die Organisatoren am Montagabend in einer Pressemitteilung in seinem Verlauf und mit E-Mail-Zitaten dokumentiert haben. Begonnen habe die Auseinandersetzung laut Regattadirektion damit, dass Koopmans um 10.30 Uhr darum gebeten habe, die Ziellinie 50 Seemeilen weiter auf See vorzuverlegen, was abgelehnt wurde. 

Der Bitte vorausgegangen waren Koopmans eigene Recherchen. Nach Koopmans Verständnis hatte die Rennleitung in Person von Organisator Don McIntyre Mark Slats früher am Tag die Empfehlung gegeben, mit seinem Boot in die Biskaya zu segeln. Damit sei er, Koopmans, aus Sicherheitsgründen nicht einverstanden gewesen. Er habe in der Folge die holländische und die englische Küstenwache sowie den niederländischen Meteorologen Gerrit Hiemstra kontaktiert und um ihren Rat gebeten. Alle hätten sich gegen den Zieldurchgang am Donnerstag ausgesprochen. Hiemstra habe das Segeln in der Biskaya und die für Donnerstag berechnete Einfahrt in den Hafen von Les Sables d'Olonne gar als "völlig verantwortungslos" bezeichnet. 

Um 11.59 Uhr hat die Rennleitung Koopmans geantwortet und mitgeteilt, dass sie Slats eine Wetterwarnung geschickt und ihn danach auf dem Satellitentelefon für Notfälle angerufen habe, um die Wetter-Szenarien mit ihm zu besprechen. Slats habe der Rennleitung mitgeteilt, dass er Wetterinformationen empfangen könne und vom bevorstehenden Sturm wisse. Anschließend habe die Rennleitung Koopmans darüber informiert, dass Slats sein Tempo nicht drosseln und weiter Kurs auf die Ziellinie nehmen würde. Zusätzlich wurde Koopmans angeboten, Wetterinformationen via Rennleitung an Slats zu schicken.

Um 12.21 Uhr antwortete Koopmans der Rennleitung per Mail, berichtete von seinen Recherchen: "Ich habe mit Gerrit Hiemstra gesprochen, einem unserer führenden Meteorologen in Holland... Seiner Meinung nach ist es völlig unsicher, in die Biskaya zu segeln. Er empfiehlt, draußen zu bleiben und (das Rennen) in La Coruña oder Brest zu beenden, aber nicht in Les Sables d'Olonne. Das ist auch die (inoffizielle) Meinung der holländischen Küstenwache und der Küstenwache in Falmouth. Ich bin sehr unglücklich über eure Empfehlung und erwäge, Mark auf seinem Iridium-Telefon anzurufen, was auch immer die Konsequenzen dann sein mögen."

Um 13.16 Uhr antwortete auf diese Mail Regattadirektor Don McIntyre: "Nur eine Erinnerung daran, dass wir Regattateilnehmern niemals Empfehlungen geben. Wir lassen sie Meinungen wissen, doch die finale Entscheidung liegt bei ihnen. Mark erhält Wetterberichte via Funk... Ich würde stark empfehlen, dass du Mark NICHT anrufst. Ich habe angeboten, ihm jede von dir gewünschte Empfehlung weiterzuleiten, die mit seiner Sicherheit und dem Ausweichen vor dem Sturm in Zusammenhang steht. Ich warte noch auf diese Empfehlung. Alle Entscheidungen liegen in der Verantwortung des Skippers. Ich frage nun offiziell nach deiner Empfehlung der sichersten Route für ihn, wenn du an den Bemühungen teilhaben möchtest, ihn zum sichersten Ort zu bringen. Ich werde ihm das dann von dir weiterleiten."

Um 13.28 Uhr schickte die Regattazentrale eine Nachricht an Mark Slats: "Empfehlung Dick: Nimm Kurs auf La Coruña oder Brest, um dem Sturm auszuweichen." Fünf Minuten später habe die Zentrale eine Mail von Koopmans erhalten, die so wiedergegeben wird: "Ihr ignoriert Autoritäten wie die Küstenwachen und einen Top-Meteorologen. Ich traue dem Race Committee bezüglich seiner Kenntnisse in der Situation nicht. Ich denke, dass Sicherheit jetzt wichtiger ist als die Regeln. Ich werde Mark von jetzt an Nachrichten auf sein Iridium-Telefon senden. Empfehlung von Herrn Hiemstra: 'Habt einen Helikopter in Bereitschaft.'" Eine Minute später setzt Koopmans mit einer weiteren Nachricht nach: "Sprecht nicht in meinem Namen mit Mark."

"DU DARFST MARK NICHT KONTAKTIEREN!"

Vier Minuten danach antwortet die Rennleitung Koopmans: "Mark wird für die Regelverletzung bestraft. Wir sind von keiner Autorität angeleitet worden und wenn du in deine E-Mails schaust – wir warten auf Deine Empfehlung, wo wir ihn hinschicken sollen. Deine Aktionen und Kommentare entsprechen NICHT Marks Regatta-Interessen und wir arbeiten beide für Marks Sicherheit. BITTE schicke Deine Nachrichten über das GGR. Sollte eine weitere Erläuterung notwendig sein, rufe bitte an. WIR WARTEN IMMER NOCH AUF DEINE EMPFEHLUNG. DU RISKIERST EINE GRUNDLOSE BESTRAFUNG FÜR MARK... DEINE WAHL. WIR HABEN KLARGEMACHT, DASS WIR IHM JEDE NACHRICHT SCHICKEN KÖNNEN. WIR WARTEN IMMER NOCH. DU DARFST MARK NICHT KONTAKTIEREN."

Um 13.46 Uhr schreibt Koopmans an die Rennleitung: "Sicherheit ist wichtiger als Strafen. Ihr könnt die Nachrichten später alle lesen und dann über Strafen entscheiden." Koopmans hat die Hinweise der Rennleitung laut Organisatoren ignoriert und Slats direkte Nachrichten geschickt.

Gegen 16 Uhr rief Mark Slats die Rennleitung erneut an, um die Wetterszenarien durchzugehen und bat um Erlaubnis, Koopmans anrufen und dessen Empfehlungen anhören zu dürfen. Die Rennleitung hat zunächst zugestimmt, weil Koopmans seine Sicherheitsinformationen immer noch nicht an die Rennleitung durchgegeben hatte. Bei einem späteren Meeting des Race Committee wurde dann aber entschieden, die Nummer nicht zur Verfügung zu stellen, da ein Anruf bei Koopmans eine Hilfestellung von außen und damit einen weiteren Regelbruch bedeuten würde.

Um kurz nach 16 Uhr rief Slats die Zentrale an und gab bekannt, dass er La Coruña anlaufen wolle. Er bestätigte, dass Koopmans ihn direkt kontaktiert habe. Slats wurde darüber informiert, dass er mit einer Zeitstrafe zu rechnen habe. Das Race Committee will sich zu diesem Fall bereits am Dienstag treffen und die Faktenlage prüfen. Jede Art von Zeitstrafe wird, so erklärten die Organisatoren, auf See und vor dem Ende des Rennens entschieden und mitgeteilt werden müssen. 

In einem weiteren Statement ließ Don McIntyre am Abend wissen: "Es geht hier um zwei Themen. Eines ist die Sicherheit und dass wir alle im Interesse von Mark zusammenarbeiten. Das andere ist der Prozess im Rahmen der Notice of Race. Das GGR wird auch weiterhin allen Teilnehmern Wetterempfehlungen anbieten. Unglücklicherweise hat sich Slats' Teammanager dazu entschlossen, sich nicht an die Notice of Race zu halten." 

Außer Van Den Heede und Slats sind noch drei weitere Segler im Rennen, in das vor 211 Tagen und rund zwölf Stunden 18 Solisten gestartet und teilweise unter dramatischen Umständen ausgeschieden waren. Auf Rang drei lag der Este Uku Randmaa, der noch 3567 Seemeilen bis ins Ziel zu absolvieren hatte.

Tatjana Pokorny am 28.01.2019

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