Nachruf

Interview mit Paul Elvstrøm in der YACHT 10/2005

Tatjana Pokorny am 08.12.2016
Interview Paul Elvström

Interview mit Paul Elvstrøm in der YACHT 10/2005

"Mein Anspruch war Perfektion"

Über Jahrzehnte hat niemand das Segeln dominiert wie Paul Elvstrøm. Keine Frage, der Mann ist ein Genie. Dänemarks Sportler des Jahrhunderts heimste Olympiasiege und WM-Titel en masse ein und revolutionierte das Fahrtensegeln. Im YACHT-Gespräch zieht er die Bilanz seiner Ausnahme-Karriere:

Kein Segler ist annähernd so bekannt wie Paul Elvstrøm. Der Däne war der erste Superstar dieser Disziplin. Was nicht allein an seinen großartigen Erfolgen lag – vier Olympiasiege und 13 Weltmeistertitel in acht verschiedenen Klassen –, sondern vor allem an der Art und Weise, wie er seine Triumphe errang. Sein Motto: "Ein Sieger hat nicht gewonnen, wenn er im Rennen den Respekt seiner Gegner verlor" – Paul Elvstrøms berühmtes Plädoyer für Fairplay. Er war ein Gentleman auf dem Wasser.

Elvstrøms technische Kreativität ist legendär. Er erkannte als Erster die Bedeutung gut trainierter Physis im Wettkampfsegeln, erfand neue Beschläge, tüftelte revolutionäre Segeltechniken aus, sorgte für Transparenz bei Regelinterpretationen, konstruierte innovative Boote. Bei alledem propagierte er stets den Spaß am Segeln. Der Sport, kein Zweifel, hätte ohne Elvstrøm eine andere Entwicklung genommen. Mit 77 Jahren lebt er sehr zurückgezogen in seinem berühmten Haus in Hellerup bei Kopenhagen, wo er segeln lernte, exzessiv trainierte, vier Töchter großzog und den Segelmacher- Konzern begründete, der seinen Namen trägt. Die YACHT-Redakteure Carsten Kemmling und Christoph Schumann haben den großen alten Mann des Segelsports dort besucht. Und Elvstrøm, eigentlich bekannt wortkarg, brach ausnahmsweise sein Schweigen und erläuterte lachend und mit leuchtenden Augen seine An- und Einsichten von einst und jetzt.

YACHT: Herr Elvstrøm, der derzeit weltbeste Regattasegler Russell Coutts preist Sie als "genialsten Segler aller Zeiten". Mit der Meinung steht er nicht allein. Schmeicheln Ihnen solche Elogen?

Elvstrøm: Ich fühle mich nicht als etwas Besonderes. Ich wollte immer nur das Segeln promoten, populärer machen und weiter- entwickeln. Das war mein großer Antrieb.

Wie sind Sie überhaupt zum Segeln gekommen?

Ich lernte es vor dem Fahrradfahren. Ich liebe es, auf dem Wasser zu sein. Wettkampf ist eine andere Sache. Da war Perfektion mein Anspruch und meine Herausforderung. Aber wenn es nur das gewesen wäre, hätte ich auch beim Fußball oder Tennis bleiben können. Da war ich auch sehr gut.

Was fasziniert Sie am Segeln?

Schwer zu beschreiben. Ich erinnere mich an ein Gefühl, als ich vor Genua in der Soling unterwegs war. Die Lust daran war so intensiv, am liebsten wäre ich weiter bis nach Sardinien gesegelt.

Waren Sie ein Wunderkind, eine besondere Begabung?

Nein. Ich habe für alles hart gearbeitet.

Aber Sie sind bekannt für Ihre "Nase", die Winddreher "riechen" kann.

Ach, nein. Segeln ist trainierbar. Vor den Olympischen Spielen 1960 in Neapel habe ich meinem Freund, dem griechischen König Konstantin, einen Trainingsplan geschrieben. Ich sagte seiner Mutter, wenn sie ihm die nötige Zeit gäbe, hätte er eine klei- ne Chance auf Bronze. Er folgte exakt meinem Plan, segelte ein halbes Jahr lang acht Stunden am Tag und gewann Gold im Drachen. So etwas hat nichts mit "Nase" zu tun.

Erinnern Sie sich an besondere positive oder negative Momente?

Die guten Rennen habe ich schnell vergessen, die schlechten quälen mich noch heute. Es gab viele. Ich wache heute noch auf, wenn ich davon träume und kann nicht wieder einschlafen. Es tut mir körperlich weh. Ich hasse es, falsch entschieden zu haben. Es schmerzt so, dass ich mich umbringen könnte. Ich muss mich dann ablenken und sehe fern.

Viele Fehler können es nicht gewesen sein. Sie leben noch.

Nur, weil es das Fernsehen gibt (lacht).

Sie sind in acht verschiedenen Klassen Weltmeister geworden. Warum haben Sie sich nicht festgelegt?

Irgendwann gab es nicht mehr genügend Gegner. Deshalb bin ich zu den Klassen mit den besten Seglern gewechselt. Sogar zum Star, obwohl das nicht mein Lieblingsboot war.

Welches war es?

Der 505er. Er liegt so leicht auf dem Ruder.

Sie waren einer der Ersten, der auf Psycho-Tricks im Segeln setzte. Vor den Olympiaregatten in Melbourne 1956 trainierten Sie zur Demonstration Ihrer Überlegenheit mit Ihrem Finn, als es derart stürmte, dass sich niemand sonst hinauswagte. Sie halsten lässig im Heck stehend vor den an Land staunenden Konkurrenten. Die Regatta war eigentlich schon zu Ende, bevor sie begann.

Es war wunderschönes Wetter. Als ich an Land kam, sagte ein Australier: Wenn du gekentert wärst, wäre das Achterliek des Baumwollsegels im Wasser geschrumpft. Stimmt, sagte ich. Aber ich bin nicht gekentert. Dafür ist das Liek jetzt gereckt, und lange Lieken sind das Wichtigste. Dann ging er auch raus – und kenterte (lacht).

Olympia hat Ihnen aber auch gesundheitliche Probleme beschert.

1960 hatte ich vor der vorletzten Wettfahrt während der Spiele einen Nervenzusammenbruch. Trotzdem ging ich raus und gewann. Beim letzten Rennen blieb ich an Land, holte aber trotzdem insgesamt Gold. Mein Arzt sagte, der Nervenkollaps sei eine normale Reaktion, wenn man sich so extrem unter Druck setze. Danach machte ich vier Jahre Pause.

Wie kamen Sie wieder zum Segeln?

1964 war ich Olympia-Ersatzmann und kutschierte Fotografen auf dem Motorboot umher, als Willy Kuhweide Gold gewann. Das Zusehen war hart. Ich sollte dort draußen sein, um mein fünftes Gold zu gewinnen. Also segelte ich wieder sehr viel, wurde Vize-Weltmeister im 505er und gewann 5,5er- und Star-WM. 1972 hatten Sie einen Rückfall bei Ihrem Olympia-Comeback in Kiel. Mir wurde vorgeworfen, Profisegler zu sein, unter anderem, weil ich Bücher geschrieben habe. Und ich musste beweisen, dass ich Amateur war. Das hat mich sehr belastet. Als ich dann noch in einige Protestsituationen verwickelt und disqualifiziert wurde, bekam ich abermals Probleme mit den Nerven. Ich gab die Regatta auf und zog mich wieder vom Segeln zurück.

Sie haben mit Ihren Büchern vielen Menschen das Segeln nahe gebracht. Dabei hatten Sie immer eine Lese- und Schreibschwäche. Wie konnten Sie trotzdem die Bücher verfassen?

Mein Freund Richard Craig Osborne hat das für mich getan. Wir haben die Themen zusammen erarbeitet.

Im vergangenen Jahr feierte Elvström Sails das 50-jährige Bestehen. Was denken Sie über Ihre Firma, die Sie 1979 verkaufen mussten?

Fantastisch, was Claus Olsen daraus gemacht hat. Er arbeitet immer noch nach meinem Prinzip, allen anderen voraus zu sein.

Was beurteilen Sie den technischen Fortschritt im Segeln?

Vor ein paar Jahren habe ich ein neues Devoti-Finn bekommen. Es ist viel leichter zu segeln. Der Carbonmast ist wundervoll. Ich bräuchte nur noch ein paar neue Knie.

Was halten Sie von der Professionalisierung des Sports? Heute würden Sie Reichtümer verdienen.

Darüber denke ich nicht nach. Für meine Freude am Segeln spielt Geld keine Rolle. Ich verfolge die aktuelle Szene nicht. Die Profis sind aber heute sicher nicht glücklicher als wir damals. Die Zeiten haben sich geändert. Ich habe von Jesper Bank gehört, dass er der Boss im deutschen America’s-Cup-Team sein kann. Das wäre dann sicher mehr als ein Job.

Interessieren Sie sich mehr für Hochseeregatten wie das Volvo Ocean Race oder für den America’s Cup?

Ich liebe die olympischen Klassen. Die sind die größte Herausforderung. Ich würde heute wohl Tornado segeln. Oder 49er.

Haben Sie selber America’s-Cup-Erfahrungen gemacht?

Ja, 1970. Baron Bich aus Frankreich hatte mir freie Hand gegeben. Ich stellte eine Crew aus Freunden zusammen, und wir trainierten mit dem Zwölfer "Constellation". Es war wie eine neue Firma, ich mochte das nicht. Herr Bich dachte, er könnte alle kaufen und die Entscheidungen treffen. Er war wohl auch sauer, weil ich nur Skandinavier an Bord geholt hatte. Es funktionierte nicht. Ich habe übrigens keinen Penny dabei verdient.

Was halten Sie vom Match-Racing-Modus des America’s Cup?

Langweilig. Deshalb habe ich das "Trippel Race" erfunden. Da segeln drei Boote gegeneinander. Vielleicht setzt sich das noch einmal durch. Am 3. Juni gibt es hier die erste Veranstaltung.

Haben Sie denn eine Affinität zu Extremseglern wie Ellen MacArthur?

Die Dame ist mir nicht bekannt.

Sie konzentrieren sich aufs Fahrtensegeln?

Ich bin lange mit meinem Dragonfly-Trimaran unterwegs gewesen. Und jetzt hat meine Tochter eine schnelle Zehn-Meter- Yacht vom Typ Molich. Meine Frau Anne kommt oft mit. Obwohl ich ständig an den Segeln herumtrimme.

Ihr wohl spektakulärster Auftritt war bei Olympia 1984 in Los Angeles, als Sie mit 56 Jahren gemeinsam mit Ihrer Tochter Trine nur um 0,7 Punkte die Bronzemedaille verpasst haben. War das etwas Besonderes, mit der eigenen Tochter bei den Spielen zu segeln?

Es war toll, ihr nahe zu sein. Sie war der beste Vorschoter der ganzen Flotte. Nebenbei konnte ich auch ihre Beziehung kontrollieren. Ich erinnere mich an eine Kieler Woche mit ihr, die wir gewannen. Damals segelte ihr heutiger Mann Stefan Myralf im Laser. Er lag im Mittelfeld. Ich fragte ihn: Wie willst du meine Tochter bekommen, wenn du nicht besser segelst (lacht)? Die nächsten beiden Rennen gewann er. Also meinte er es ernst.

Stefan Myralf war Laser-Europameister, hat 1999 mit einem Volvo 60 den Sydney-Hobart-Rekord gebrochen und skippert einen 60-Fuß- Trimaran. Haben Sie nur einen Segler als Schwiegersohn akzeptiert?

Es ist so gekommen, und zwar bei allen vier Töchtern.

Was bedeutet es Ihnen, dass die gesamte Familie das Segeln liebt?

Wir haben immer viel miteinander zu bereden. Ich habe den Mädchen aber nicht das Segeln beigebracht. Sie meinten, ich sei ein sehr schlechter Lehrer. Zu laut, zu ungeduldig. Heute wohne ich im selben Haus wie Trine und kann mit ihren Kindern im Garten spielen. Ich habe neun Enkel.

Welcher war Ihr größter Erfolg?

England, 1948. Meine erste Goldmedaille. Eigentlich sollte ich gar nicht hinfahren, weil ich kein Englisch sprach. Ich war sehr schüchtern. Im ersten Rennen schrie mich ein Finne an, und ich gab auf.

Und Ihr absoluter Tiefpunkt ...

... war der Verlust der Segelmacherei.

Was war das Problem?

Ich habe häufig nicht den richtigen Leuten vertraut. Das ist das Einzige, was ich mir heute vorwerfe. 

Interview: Carsten Kemmling, Christoph Schumann

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ZUR PERSON

Paul Elvstrøm wurde am 25. Februar 1928 in Kopenhagen als Sohn eines Berufskapitäns geboren. Erste Erfahrungen auf dem Wasser sam-melte er als Fünfjähriger in einem Ruderboot, das seine Mutter mit einer Leine am Haussteg angebunden hatte. Vor dem Wind setzte er einen Sack als Segel. Mit zwölf trat Elvstrøm in den Hellerup Sejlklub ein.

Ein Jahr später lieh ihm ein Nachbar seine Oslojolle unter der Bedingung, dass er ihm Segeln beibringe. Parallel absolvierte er eine Maurerlehre und machte sich später als Architekt und Bauunternehmer selbstständig. 1954 gründete er die Segelmacherfirma Elvström Sails. Den wirtschaftlichen Durchbruch schaffte er mit schnellen Segeln für den Piraten. Elvstrøms Überlegenheit basierte auf seiner starken Physis. Er hatte als Erster die Bedeutung harten körperlichen Trainings erkannt und arbei- tete so viel wie kein anderer. Wenn er nicht segeln konnte, übte er das Ausreiten auf einer Hängebank in der Waschküche. Sein Hang zum Perfektionismus ließ ihn ständig das Material verbessern. Dabei war er alles andere als penibel ("Kopfschüttelnd standen die Bewunderer vor dem ruppig und ungepflegt aussehenden Kahn", YACHT, 1957).

Aber er optimierte die entscheidenden Dinge. Er erfand den Selbstlenzer, den Knarrblock, die Regatta-Rettungsweste und behängte sich mit bis zu 25 Kilogramm schweren nassen Pullovern. Er war der erste Se- gelprofi, auch wenn er sich wegen des olympischen Amateurparagra-phen immer gegen diese Bezeichnung wehren musste.

1962 stieg Elvstrøm mit dem Kauf der dänischen Larchmont-Werft in den Bootsbau ein. Er baute erfolgreich Finn-Dinghys und später Kielyachten von der Soling und schnellen Halbtonnern bis zum 42-Fuß-Cruiser. Als Konstrukteur hinterließ er mit Jan Kjaerulff bei der Aphrodite 101 und den Nordship-Yachten seine Duftmarken. Er entwickelte außerdem die erste Einhand-Trapezjolle, unterstützte maßgeblich die Einführung des Optimisten in Europa, baute einen der ersten Strandkatamarane und half bei der Entwicklung der Yngling.

Durch sein in viele Sprachen übersetztes Regel- und Taktikbuch legte Elvstrøm die Grundlagen für einheitliche Rechtsprechung auf dem Wasser. Unter anderem gilt er als Erfinder des Zwei-Längen-Kreises an Bahnmarken. 1983 lernte er das Surfen und konstruierte Bretter, die teilweise vom US-Marktriesen HiFly erfolgreich vertrieben wurden. 1994 geriet Elvstrøm in die Schlagzeilen, als er nach einer Kenterung mit seinem getunten Dragonfly-Trimaran vor Schweden fast ertrank. 13 Stunden wartete er auf Rettung. 1996 wurde er zum dänischen "Sportler des Jahrhunderts" gewählt.

Größte Erfolge Olympiaplätze: 1948: 1./Firefly, 1952, 1956, 1960: 1./ Finn, 1968: 4./Star, 1972: 13./Soling, 1984: 4./Tornado, 1988: 15./Tor- nado. WM-Titel: 1957, 1958/505er, 1958, 1959/Finn, 1959/Snipe, 1960/ Finn, 1962/Flying Dutchman (als Vorschoter), 1966/5,5er, Star, 1967/ Star, 1969/Soling, 1971/Halbtonner, 1973/Soling, 1981/Halbtonner.

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WEISE WORTE – DIE BERÜHMTESTEN ELVSTRÖM-ZITATE

• "Der Sportgeist unter Europas besten Jollenseglern ist sehr schlecht. Sie übertreten unbekümmert die Regeln. Und im Protestfall geben sie unrichtige Erklärungen ab. Sie müssen lernen, dass man seinen Fehler zugibt und die Bahn sofort verlässt. Und es gehört sich, sich beim Betroffenen zu entschuldigen, weil man ihn gestört hat." (1954, Elvstrøm wird bei der O-Jollen-EM am Wannsee Vierter, weil er zweimal nach selbst verschuldeten Kollisionen aufgibt).

• "Nach einer Niederlage ist es schwer, die eigene Natur zu verändern, aber man könnte sich erinnern, dass Geben mehr befriedigt als Nehmen. Die beste Art eines Komplimentes wäre in diesem Fall ein Lächeln für den Sieger und die anerkennenden Worte: gut gemacht."

• "Man sollte einen weniger erfahrenen Konkurrenten nicht anbrüllen. Zum einen wird man damit wenig erreichen, zum anderen wird man einen vielleicht freundlich gesonnenen Konkurrenten verlieren."

• "Ich habe gewonnen, was ich gewinnen wollte, und jetzt möchte ich endlich meine Ruhe haben ... Es ist hart, sich vor jeder Regatta so vor- zubereiten, dass man sie gewinnt. Es kommt der Tag, da nimmt es einem das Vergnügen am Segeln." (1970)

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Tatjana Pokorny am 08.12.2016

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