Barcelona World Race

Schwere Schäden auf Foncia und Président

Zwei der Topfavoriten sind zumindest vorläufig aus dem Rennen. Boris Herrmann auf "Neutrogena" profitiert

Jochen Rieker am 11.01.2011

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Das ICE-Tempo der letzten Tage fordert seinen ersten Tribut. Gestern Abend brach der Mast auf Jean Le Cams "Président", während "Foncia" mit einem unbekannten Objekt kollidierte. Beide müssen einen Hafen anlaufen.

Für Boris Herrmann und Co-Skipper Ryan Breymaier fällt damit einer ihrer härtesten Verfolger aus (Président). Das verschafft ihnen nach hinten Luft. Und mit dem Bruch auf "Foncia", an Position 2 liegend, verbessern sie sich in Kürze wohl auch im Klassement um einen Rang – von derzeit 7 auf 6.

Denn Michel Desjoyeaux und François Gabart, die seit Tagen im Infight mit den Führenden Jean-Pierre Dick und Loïck Peyron auf "Virbac-Paprec 3" lagen, werden ihre Verfolgung aufgeben. Wie es heißt, laufen sie Recife in Brasilien an, um den Schaden am Bug zu untersuchen und nach Möglichkeit zu reparieren.

Die zu den Topfavoriten zählenden Franzosen sind offenbar schon Sonntag bei hoher Geschwindigkeit mit einem festen Gegenstand kollidiert, der an der Wasseroberfläche schwamm. Dabei sei die Crash-Box zerstört worden, ein Segment am Vordersteven, das exakt für solche Fälle vorgesehen ist und einen Teil der Aufprallenergie aufnehmen soll. Zudem lässt sich auch das Vorschiff über Schotts wasserdicht verschließen, sodass für Boot und Crew keine unmittelbare Gefahr besteht.

"Neutrogena" (dunkelrot) hat die Kapverden an Position 7 passiert, "Pr

Sonntagabend hatte es den Imoca-Klassenchef Jean Le Cam und seinen spanischen Co-Skipper Bruno Garcia erwischt. Ihre "Président" sei unsanft in eine Zwei-Meter-Welle gefahren, wobei der Mast unvermittelt abbrach. Interview mit Le Cam in Englisch hier!

Über Funk signalisierte die Crew, dass sie ohne fremde Hilfe unter Maschine den Hafen von Santo Antão, der nördlichsten Kapverdischen Insel, erreichen könne, wo sie in der Nacht zu Mittwoch erwartet wird. Le Cam glaubt nicht, das Rennen fortsetzen zu können, weil zu viele Segel zerstört wurden und diese nicht ersetzt werden dürfen.

Er und sein Co Bruno Garcia hatten erst gestern ein Video hochgeladen, das sie gut gelaunt witzelnd und lachend bei um die 20 Knoten Bootsspeed im Cockpit zeigt. Mit dem fröhlichen Surfen ist es jetzt vorbei. Le Cam, sonst immer gut drauf, zeigte sich zerknirscht und enttäuscht.

Auch ein weiterer Favorit, Alex Thomson von "Hugo Boss", wird wohl nicht so schnell oder womöglich gar nicht mehr ins Geschehen eingreifen. Nicht nur, dass sein Boot mit Ersatzmann Wouter Verbraak 750 Seemeilen hinter dem Führenden hersegelt.

Thomson, der schon die Freigabe zum Crewwechsel auf den Kapverden hatte und nach seiner Blindarm-OP wieder fit ist, will bei seinem neugeborenen Kind bleiben. Bei dem hatten sich Herzstörungen gezeigt, was Folgeuntersuchungen nach sich zieht. Bis diese nicht abgeschlossen sind, will er seine Frau auf keinen Fall allein lassen.

Die Vorfälle überschatten die Aufholjagd zweier Teams, die dadurch fast schon in Vergessenheit gerät.

Den beeindruckendsten Spurt haben dabei die ehemaligen 49er-Segler Iker Martinez und Xabi Fernandez gezeigt. Die Mapfre-Skipper, die vor dem Nonstop-Rennen Volvo-Erfahrung gesammelt hatten, konnten als Einzige die Geschwindigkeiten der Führenden mitgehen oder sogar toppen. Das hat sie aktuell auf Platz 4 vor "Mirabaud" gebracht.

Ein starkes Comeback haben auch Pachi Rivero und Antonio Piris auf "Renault" im Atlantik hingelegt. Die Spanier, schon 2007 beim Barcelona World Race am Start, segeln mit der ehemaligen "Gitana Eighty" von Loick Peyron und loggen mit die höchsten Etmale - stets um oder über 400 Seemeilen. Dabei stand das Boot vier Wochen vor Weihnachten noch in der Monty-Werft von Barcelona an Land und wurde gerade erst umlackiert.

Derzeit an Position 9 segelnd, haben Rivero und Piris die Frauen-Crew der "Gaes" bereits eingeholt, die bei den harten Raumschots-Bedingungen der letzten Tage nie die Pace der Besten mitgehen konnte. Ihre nächsten Gegner heißen jetzt Boris Herrmann und Ryan Breymaier. Die aber liegen noch 170 Seemeilen voraus. Ein beruhigendes Polster.

„Der Nordost-Passat meint es sehr gut mit uns und bläst ungewöhnlich stark mit fünf bis sechs Beaufort“, so Boris, „auch wir geben Vollgas und haben alle Hände voll zu tun.“ Die Mannschaft hatte hinter den Kanarischen Inseln den östlichsten Weg der vorderen Boote eingeschlagen und musste nachts mit einer leichten Kursänderung zwischen den Kapverdischen Inseln Santo Antao und St. Vicente hindurch steuern. Das kostete den sechsten Gesamtrang, den die Franzosen Kito De Pavant und Sébastien Audigane mit der „Groupe Bel“ übernahmen.

Die Nachricht vom Riggbruch gebe ihnen "schon zu denken“, meinte Boris Herrmann, „schließlich gehörte die ‚Président‘ ja zu unseren härtesten Verfolgern.“ Die Vermeidung von Materialbruch bei maximaler Geschwindigkeit ist das A und O bei einer Nonstop-Regatta. Auch in den Jahren zuvor hat es bei allen Segelrennen um die Welt immer wieder Ausfälle gegeben. Herrmann: „Wir versuchen, immer rechtzeitig zu drosseln, wenn es zu heikel wird. Aber Garantien, dass alles hält, gibt uns keiner.“

Jochen Rieker am 11.01.2011

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