Regatta

RügenRudder – aus der Corona-Abstinenz geboren

Die traditionelle Regatta Rund Rügen muss wegen des Verbotes von Sportveranstaltungen ausfallen. Doch mittels Neudefinition wird eine neue Regatta kreiert

Lars Bolle am 15.06.2020
RügenRudder
RügenRudder 2020/Corinna Grutza

Die Hanse 400 "Asia de Cuba"

Die Organisatoren erklären auf ihrer Webseite selbst, wie es zu der neuen Regatta kam:

"Die aktuellen Einschränkungen durch die Corona-Pandemie machen derzeit (Stand Mai 2020) einen regulären Regattabetrieb nicht möglich. Das ‚RügenRudder’ ist keine Regattaveranstaltung, sondern vielmehr eine Verabredung zur PRIVATEN gemeinsamen Tour Rund Rügen. Es handelt sich deshalb weder um eine Regatta im klassischen Sinn noch um einen Bootskorso. Motto: ‚Safe and Simple!’"

Das RügenRudder startete am Freitag, den 12. Juni um 18.00 Uhr südlich der Rügenbrücke, Ziel war die Citymarina Stralsund. Es konnte Singlehanded oder Doublehanded gesegelt werden.
Der Kurs führte gegen den Uhrzeigersinn um die Inseln Rügen und Hiddensee.
Es gab keine Bahnmarken.

Das Teilnehmerfeld war bunt gemischt, reichte von der Fahrtenyacht über eine Dehler 30 od bis zu einem Pogo 40. 36 Mannschaften hatten für die Doublehanded-Wertung gemeldet, 20 kamen ins Ziel. Einhand waren es drei Meldungen, zwei kamen durch.

Den Gesamtsieg holte sich ein Duo, mit dem wohl niemand gerechnet hatte. Denn Oliver Schmidt-Rybandt und Peter Schulz segelten nicht nur zum ersten Mal als Duo zusammen, sondern auch noch auf einer Hanse 400, also nicht gerade einer reinrassigen Regattayacht.

Wie es zum Sieg kam, beschreibt Schmidt-Rybandt in den folgenden Zeilen:

Rund Rügen fällt aus und ein Rügenrudder entsteht. Davon bekam ich entfernt mit. Dann die Frage von der Crew der "Asia de Cuba", ob ich noch einige Dinge am Boot fixen könnte. Daraus wurde die Frage, ob ich mitfahren würde.

Ob es klappt stand bis Freitagnachmittag nicht fest. Hat es dann aber doch. Völlig übermüdet genehmige ich mir eine Viertelstunde Schlaf in Neuhof, bevor wir aufbrechen. Wir, das sind Vorschiffsmann Peter und ich. Noch nie zu zweit gesegelt, aber das Boot kennen wir gut.

"Asia" ist ein Trumm von Boot. 9,3 Tonnen Vermessungsgewicht werden zu weit über 10 Tonnen Kampfgewicht, die von mickrigen 88 Quadratmetern Arbeitsgarderobe angetrieben werden. Der Massenschwerpunkt liegt sage und schreibe zwölf Zentimeter über der Wasserlinie. Das ist einfach zu hoch. Aber Teakdeck, Alumast und reichlich zu dicke Fallen fordern ihren Tribut. Um zu fahren, braucht sie Gewicht auf der Kante. Nicht dass Peter und ich Leichtgewichte wären, aber für die dicke "Asia" sind wir zu leicht.

Der Start ist chaotisch. Mein Countdown endet mit dem Minutensignal. Irgendwie schummeln wir uns dann doch über die Linie und haben freien Wind. Der voll und bei Kurs liegt dem schweren Boot. So gehen wir in Führung liegend um den Deviner Haken und können uns im Sund leicht absetzen. Im Bodden wird es leicht holprig. Das liegt dem schweren Boot ebenfalls. Die Konkurrenz, die ich als schneller eingestuft hatte, bleibt vorerst achteraus. Die erste Wende erfolgt nördlich von Lubmin. Der nächste Schlag dicht an den Eingang zum Landtief. Am Südperd schummeln wir uns unkomfortabel dicht vorbei, dadurch können wir aber dicht ans Nordperd und dort die Anliegelinie gut abschätzen, was die Positionierung der Wenden vereinfacht. Hinter uns kreuzen "Black Pearl" und "Wild Card". Meine Prognose zu Peter: die kassieren uns jetzt ein.

Die schlechte Sicht ist Nebel und Dunkelheit gewichen. Völlig ohne Anhaltspunkte steuert es sich in der Welle mehr als bescheiden. Die See wäscht ein ums andere Mal über das Deck, findet den Weg bis ins Cockpit und, wie wir später feststellen, sogar in die Backskisten. Der nicht einsetzbare Autopilot stellt sich überdeutlich als Handicap heraus.

Seekrankheit entwickelt sich. Der unsichtbare Horizont mag ein starker Katalysator dafür sein, jedenfalls geht es uns beschissen. Mit immerhin acht Knoten Fahrt geht es aber vorwärts und bei aller Übelkeit nehme ich mir vor, unsere Haut möglichst teuer gegen die schnellere Konkurrenz zu verkaufen.

An Stubbenkammer gehen wir recht dicht unter Land. Der befürchtete Luvstau bleibt aus. Nun müssen wir definitiv den ersten Vorsegelwechsel machen. Bislang waren wir froh, dass das 13 Jahre alte Groß und die 10 Jahre alte Genua gut mitgemacht haben. Ein Genuawechsel wäre kompliziert und zeitraubend gewesen.
Nun gehen wir auf Kurs und checken wie sie sich fühlt. "Asia" hätte gern den Code Zero. Peter ist durch Seekrankheit stärker betroffen als ich. So gehe ich nach vorn und schlage das Segel an. Wenige Minuten später liegt die Genua an Deck und der Code zieht uns mit offenen Schoten Richtung Kap Arkona. Selbiges runden wir gegen halb drei. Zuvor muss der erste Spi klar gemacht werden. Ich gehe unter Deck und packe die obere Hälfte in Wolle. Die Übelkeit ist kein Spaß. Es nützt aber nichts, der Spi muss aus dem Sack. Also kurz vor dem Kap wieder nach vorn und die Tüte klar. Der Code bleibt gleich oben. Den brauchen wir sicher noch.
Der nun eingesetzte Spi ist der A2. Ein eigentlich deutlich zu schwer gebauter asymmetrischer Runner. Aber leichteres Tuch trauen wir uns ohne weitere Crew nicht zu. Der Runner zieht gut, erfordert aber konzentriertes Steuern und trimmen. Im wieder aufkommenden Tageslicht bekommen wir das hin und die Seekrankheit in den Griff. Die Halse nordöstlich von Hiddensee sitzt gut und in Lee vom Dornbusch rauschen die bei Ostwind typischen Fallböen runter. Der dicke Reisebus fährt teilweise konstant über zehn Knoten schnell, läuft aber auch einmal aus dem Ruder. Dann ein perfekter Wechsel von Kite auf Code. Der 140 Quadratmeter große Spinnaker geht willig unter Deck.

Mit dem flachen Rollsegel geht es zügig die böige Leeküste von Hiddensee südwärts. Wir checken dann und wann die Konkurrenz. Dass wir sie über aktives AIS eigentlich jederzeit sehen können, realisieren wir erst jetzt. Zuvor wollte keiner länger als nötig unter Deck und dort auf den Plotter sehen. Tatsächlich liegen wir in Führung. Mit viel haben wir gerechnet, aber damit nicht. Der Vorsprung schmilzt etwas in abnehmendem Wind, aber wir gehen als erstes Boot nach 13 Stunden und 3 Minuten über die Linie.

Wie ein Zombie fühle ich mich und schlafe schon, während Peter das Boot durch die Brücke nach Neuhof steuert. Tolles Rennen. Im Nachhinein wüsste ich noch nicht einmal, was wir hätten anders machen können. Die Schläge waren optimal und die Vorsegelwechsel saßen fast perfekt. "Asia" hat eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass sie laufen kann. Das ist mir in Anbetracht ihres Gewichtes zwar immer noch ein Rätsel, aber ich nehme es sehr dankbar zur Kenntnis.

Ein weit hergeholter Vergleich kommt mir in den Sinn: Im Whitbreadrennen 89/90 gewann ebenfalls das schwerste Boot der Flotte. Peter Blake siegte mit "Steinager2". Aber von Sir Peter Blake sind wir so weit weg, wie es "Asia" von "Steinlager" ist. Als Vorbild darf er dennoch herhalten.

Unser Dank gilt dem Organisationsteam. Eine sehr schöne Veranstaltung wurde geschaffen. Das macht Lust auf mehr.

Ergebnisse...

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Lars Bolle am 15.06.2020

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