Atlantic Anniversary Regatta

"Red" ohne Ruder – Abbruch auf dem Nordatlantik

Sie segelten ein fantastisches Rennen – doch dann knackten die Bolzen des Backbord-Ruderbeschlags. Crew ist wohlauf, läuft jetzt mit halber Kraft die Azoren an

Jochen Rieker am 12.07.2018
Atlantic Anniversary Regatta 2018
John Manderson / AAR

Pech für Mathias Müller von Blumencron und seine Crew. Heute früh um 7 Uhr informierte er die Wettfahrtleitung, dass die vier Haltebolzen, die den unteren Beschlag des Backbordruders mit dem Boot verbinden, gebrochen sind. Weil kein geeigneter Ersatz an Bord ist, tüftelte das Team eine Notreparatur aus. Sie lässt aber kein Weitersegeln im Wettkampfmodus mehr zu – zumal viel Wind prognostiziert ist. 

Jetzt läuft "Red" die Azoren an, um dort das Ruder dauerhaft zu fixieren. Für die Crew eine bittere Aufgabe, lag sie doch aussichtsreich vor dem Pulk des Teilnehmerfeldes und phasenweise sogar vor Catherine Pourres neuer und schnellerer Class 40 "Eärendil".

Hier schildert Mathias Müller von Blumencron die Ereignisse in einer E-Mail von Bord:  

Liebe Freunde,

großer Fuck-up auf RED: Heute Nachmittag gab es plötzlich ein metallisches Klicken, und der untere linke Ruderbeschlag war abgerissen. Unsere Ruder hängen wie bei einer Jolle am Spiegel, an jeweils zwei Beschlägen, einem oberen und einem unteren. Nun war plötzlich gefährliche Bewegung im linken Ruder. Spi runter, Groß runter. Dann den Schaden begutachten. Erste Maßnahme: das Ruder aus dem noch festen Beschlag ziehen und an Deck holen. Das klappte. Unser Problem war schnell klar: Alle vier Haltebolzen des unteren Beschlags waren abgeschoren.

Unser ganz großes Problem: Wir hatten keine entsprechenden Bolzen an Bord – 10 cm lang, 10 mm Durchmesser. Zunächst einmal haben wir ausprobiert, wie es sich mit einem Ruder segeln lässt: ganz gut. Dann haben wir improvisiert: Zwei der vier abgeschorenen Bolzen waren lang genug, sodass wir sie rausdrehen und außen mit einer Mutter sichern konnten. Die Muttern haben wir von unseren Relingstützen genommen, die nun nur noch Dekoration sind.

Einen weiteren Bolzen konnten wir durch einen dünneren ersetzen, die wir noch an Bord hatten. Danach mussten wir das Ruder wieder einsetzen, bei einem Meter Schwell keine einfache Übung. Aber es hat geklappt. Nach ein paar Stunden Arbeit war RED wieder ein Schiff mit Doppelruder. Allerdings müssen wir vorsichtig segeln, voll power liegt nicht mehr drin. Wir haben deshalb beschlossen, die Azoren anzulaufen, um das Ruder dort wieder vernünftig zu befestigen. Horta ist 900 Meilen weg, das Routing verspricht uns Ankunft in vier Tagen und nicht
mehr Wind als 15 Knoten aus raumer Richtung. Auf dem direkten Weg nach Land’s End hätten wir 25 bis 30 Knoten Wind erlebt, zu riskant für unser Provisorium.

Und warum sind die Bolzen gebrochen? Jedenfalls gab es bei dem ruhigen Wetter – 18 kn Wind, schnelles Spisegeln – keinen Grund. Sie müsssen also schon zuvor gebrochen sein, zumindest teilweise. In der vorherigen Nacht sind wir gegen einen härteren Gegenstand gefahren, der auch ans Ruder geknallt ist. Das allein kann aber kaum der Auslöser gewesen sein, denn wir waren relativ langsam, der Schlag nicht so hart. Auf jeden Fall hatten wir gigantisches Glück, dass der finale Bruch nicht bei rauerem Wetter oder Vollgas unter Spi passiert ist.

Wir sind mächtig enttäuscht. Das Rennen hatte gut für uns begonnen und versprach, ein schneller Trip zu werden. Nun ja, auf See kommt eben immer alles anders als geplant ...

Heute Abend haben uns jede Menge Delphine besucht. Wir haben das so verstanden, dass sie uns aufmuntern wollten. Das ist ihnen auch gelungen. Dazu gab's dann noch Pasta, auch immer ein Fest. Alle an Bord haben gewerkelt wie die Teufel – ein tolles Team.

We keep you posted ...

Bis bald in Hamburg ...

Jochen Rieker am 12.07.2018

Das könnte Sie auch interessieren


Fotostrecken

Neueste Downloads

Yachttests


Reise-Reportagen


Ausrüstung


Gebrauchtboottests


Neue Videos


Aktuelle Artikel bei YACHT online