Imoca

Open 60: Die neue "Hugo Boss" fliegt!

Alex Thomsons neuer Open 60 wurde am Fuß der Tower Bridge in London von Modell Poppy Delevingne getauft. Erste Videos vom Segeln

Andreas Fritsch am 20.09.2019
Hugo Boss
Hugo Boss/M. Lloyd

Die neue "Hugo Boss" im Flugmodus

Es sind die ersten Segelbilder des wohl mit der größten Spannung in der Imoca-Szene erwarteten Bootes: der neuen "Hugo Boss", mit der Alex Thomson erklärtermaßen die Vendée Globe gewinnen will. Gestern Abend wurde der schwarz-pinke Open 60 von Modell Poppy Delevingne zusammen mit Boss-CEO Mark Langer und Skipper Alex Thomson getauft. Zum Event trafen sich an der Themse neben den Konstrukteuren von VPLP und Designer Karim Rasshid, der das optische Design entwickelt hatte, auch Promis und Segelgrößen wie Robin Knox-Johnston oder Nico Rosberg. 

Hugo Boss

Model Poppy Delevingne bei der Taufe

Spektakuläres Video von den ersten Testfahrten

Die YACHT hatte zuvor Gelegenheit, mit Skipper Thomson eine Tour über das Boot zu machen. Und dabei waren zum ersten Mal auch die Foils zu sehen, das Herzstück des Racers, der in ersten, spektakulären Videos vom Segeln zeigt, dass das Boot enorm hoch aus dem Wasser kommt und sehr stabil foilt – deutlich konstanter als der derzeit wohl größte Konkurrent, Jeremy Beyous "Charal".

Und die Schwerter sind tatsächlich eine Überraschung: die riesigen, fast kreisrunden, enormen Profile sind mit siebeneinhalb Metern noch einmal rund zwei Meter länger als die der alten "Hugo Boss", sie dürften die größten der ganzen IMOCA Klasse sein.

Hugo Boss

Ausschnitt aus dem Video zum Launch

Deren Vorteile fasst Alex Thomson so zusammen. "Es sind eine ganze Reihe: Das Boot liegt stabiler als auf Foils mit mehreren abgewinkelten Partien, und wir können es im Gegensatz zu einigen anderen Teams komplett einziehen. Dadurch ist das Boot bei wenig Wind schneller."

Obendrein sind die Foils seit einer Regeländerung der Imoca-Klasse auch in der Längsachse verstellbar, so kann der Auftrieb geregelt werden, ähnlich wie bei Landeklappen am Flugzeug. Ein wichtiges Tool, um früher foilen zu können als bei der vorigen Generation.

Am meisten sticht an dem Boot aber das komplett überdachte und mit 20 Quadratmetern Solarzellen bedeckte Deckshaus ins Auge. Durch einen in der Tat winzigen Zugang unter dem Großschottraveller hindurch muss der Skipper regelrecht ins Innere klettern.

Die Gründe dafür sind vielschichtig. "Diese Boote zu segeln ist brutal: Es kommen Unmengen von Wasser über, im Cockpit trifft dich die Spray andauernd, du stehst im Southern Ocean oft in eiskaltem Wasser. So bin ich besser geschützt." Weitere Vorteile sind ein tiefer Schwerpunkt im Boot und eine bessere Aerodynamik. Wer den Arbeits- und Lebensraum von Thomson betritt, findet ein zweigeteiltes Boot vor: Nach dem Luk folgt ein Vorraum mit einer Stufe, unter der die Lade-Elektronik und die Batteriebänke sowie die Kielhydraulik untergebracht sind.

Thomson hat außerdem statt einer Diesel-Maschine einen Elektromotor an Bord. Die ersten Test funktionierten hervorragend, als Backup ist aber noch ein winziger Dieselgenerator zur Stromerzeugung an Bord.

Durch ein weiteres wasserdichtes Luk geht es von diesem pechschwarzen Kohlefaser-Vorraum ins Herz des Bootes, eine kompakte Trimm- und Ausguck-Zentrale. "Hier habe ich alles zum Segeln des Bootes konzentriert: vier Winschen, ein Grinder und falls nötig auch eine Pinne zum Steuern. Drei bewegliche Kameras erlauben es mir, ständig die Segel zu sehen." Durch die schießschartenartigen Fenster nach vorne hat man eine recht gute Sicht voraus. Alle Leinen sind in diese Kommandozentrale umgeleitet.

Fast überall herrscht allerdings Foto-Verbot. Das Team behütet die eigenen technischen Lösungen vor der Konkurrenz. "Die Vendée ist natürlich auch ein Design-Race, genau wie der America's Cup." Den Vorsprung des Teams, das fast immer andere, radikal neue Wege beschreitet, will er so lange wie möglich erhalten – zumindest so lange, bis Konkurrenzteams nicht mehr rechtzeitig reagieren können.

Und die ersten Tests stimmen ihn optimistisch, dass es ihm genau wie bei der letzten Vendée gelungen ist, ein Boot zu bauen, das schneller als die Konkurrenz ist. " Die neue 'Hugo Boss' foilt viel stabiler als die vorige. "Wir sind bis jetzt nur zwölf Stunden gesegelt, waren aber bei 18 Knoten Wind schon spielend leicht mit 32 Knoten unterwegs!" Aber die Vendée ist kein Topspeed-Rennen; was zählt sind hohe mittlere Durchschnittsgeschwindigkeiten. Thomson ist optimistisch, dass sie 15 bis 20 Prozent schneller sein werden als beim Vorgänger-Boot.

Erste Ergebnisse wird das transatlantische Jacques Vabre liefern, zu der Thomson im Oktober mit Co-Skipper und Volvo-Ocean-Race-Legende Neal McDonald starten wird.

Man braucht ungefähr ein Jahr, um einen Open 60 zuverlässig zu machen und sein Potenzial voll auszuschöpfen, da sich bei Thomson alles im Leben nach einem dritten und zweiten Platz bei der Vendée darum dreht, endlich zu gewinnen. Die dort versammelte französische Offshore-Elite dürfte auch dieses Mal alle Mühe haben, den Briten davon abzuhalten. Schon letztes Mal war es ein Stück Treibholz, das Thomsons Foil zerbrach und ihm den Sieg verwehrte. Wäre das nicht passiert, hätte Armel L’Cléach den bis dahin klar führenden Briten wohl kaum eingeholt.

Andreas Fritsch am 20.09.2019

Das könnte Sie auch interessieren


Fotostrecken

Neueste Downloads

Yachttests


Reise-Reportagen


Ausrüstung


Gebrauchtboottests


Neue Videos


Aktuelle Artikel bei YACHT online