Gastkommentar

Olympische Disziplinen: "Folge einfach dem Geld!"

Der US-amerikanische Segel-Enthusiast Tom Ehman zu den Hintergründen der Olympiastrategie des Weltseglerverbandes

Tom Ehman am 15.05.2018
The Foiling Week 2015 MOr PR_05
TFW2015/Martina Orsini

Neue, spektakuläre Sportarten wie das Kiten versprechen TV-Zeiten und -Einnahmen

Tom Ehman, 65, San Francisco, Gründer und Herausgeber des Online-Segelmagazins Sailing Illustrated:

Die gestrige Entscheidung des World Sailing Council (Rat des Weltseglerbverbandes) war eindeutig durch drei Punkte motiviert. World Sailing versucht: (a) bis 2024 "Gleichberechtigung der Geschlechter" für das olympische Segeln zu erreichen, indem neue, noch nicht erprobte und nicht getestete Ereignisse am grünen Tisch erfunden werden, anstatt die gängigen populären, weit verbreiteten Formate zu justieren oder zu übernehmen, mit denen das Gleiche erreicht werden könnte; (b) bestehende olympische Klassen zu besänftigen und gleichzeitig das Kiten als neues olympisches Ereignis unter das Dach von World Sailing zu pressen, da das Internationale Olympische Komitee (IOC) keine weiteren Medaillen als die jetzigen zehn an die Segler vergeben wird (oder World Sailing war zu schüchtern, um nach einer weiteren zu fragen); und (c) neue Einnahmequellen zu finden.

Punkt (c) ist derjenige, um den es  beim Kiten wirklich geht – eine offensichtliche neue Einnahmequelle.

Man hört, dass die finanzielle Situation von World Sailing ein wichtiger und anhaltender Punkt der Diskussion, wenn nicht sogar der ernsten Besorgnis rund um das Council-Treffen in London gestern war. Warum?

Am Wochenende wurden die Jahresabschlüsse (Finanzberichte) dem Council vorgelegt. Unter dem Strich hatte World Sailing (WS) im Jahr 2016 ein positives Ergebnis von 8,4 Millionen britischen Pfund (Euro 9,5 Mio.), was hauptsächlich auf £ 11,8 Mio. (€ 13,4 Mio.) der vierjährigen TV-Einnahmen des IOC zurückzuführen war. Solche Einnahmen kommen nur einmal alle vier Jahre vor. Ohne die 2016 verbuchten TV-Einnahmen hätte WS in diesem Jahr £ 3,5 Mio. (€ 4 Mio.) verloren. Im Jahr 2017 hatte WS einen Verlust von £ 5,2 Mio. (€ 5,9 Mio.).

Im Jahr 2017 haben sich die WS-Betriebskosten fast verdoppelt – von £ 2,3 Mio. (€ 2,6 Mio.) im Jahr 2016 auf £ 4,1 Mio. (€ 4,6 Mio.) im Jahr 2017.

Ähnliche Betriebsverluste wie 2017 werden für die Jahre 2018 und 2019 prognostiziert, es sei denn, es werden bedeutende neue Einnahmequellen gefunden, wie Eventsponsoring und Besteuerung (durch WS) von Ausrüstung der internationalen und olympischen Klasse über reine Schiffsrümpfe hinaus. Man hört, dass solche Abgaben ernsthaft in Erwägung gezogen werden.

Zu Beginn des Jahres 2018 belief sich die Reserve von World Sailing auf £ 9,0 Mio. (€ 10,2 Mio.). Wenn die Betriebsverluste in den Jahren 2018 und 2019 auf dem gleichen Niveau wie 2017 bleiben (oder gar steigen), wird das eintreten, was ein hochrangiger WS-Offizieller dem Autor dieses Artikels gesagt hat: "World Sailing wird irgendwann im Jahr 2019 pleite gehen."

Das würde vermutlich eine beispiellose Kreditaufnahme von WS gegen ihren TV-Umsatzanteil im Jahr 2020 erfordern – ein gewaltiges Risiko. Kein Wunder, dass World Sailing mehr denn je über das olympische Fernsehen besorgt ist und darüber, es dem IOC in jeder Weise recht zu machen.

Wie immer, folge einfach dem Geld!

Natürlich könnte der Weltseglerverband Kosten sparen. Im Jahr 2017 beliefen sich die Kosten für die Verbandsführung und Sitzungen allein auf über £ 1 Mio. (€ 1,1 Mio.) gegenüber £ 690.000 (€ 780.000) im Jahr 2016. Im Jahr 2017 stiegen zudem die Kosten für Personal und andere Verwaltungskosten im Vergleich zu 2016 um eine Million britische Pfund; natürlich werden einige davon auf einmalige Kosten für den Umzug des Hauptquartiers nach London zurückzuführen sein. Aber die laufenden Kosten in London, verglichen mit Southampton, wo sich die Büros früher befanden, werden nicht sinken. Gemäß den vorgelegten Konten erhält der Geschäftsführer £ 200.000 (€ 227.000) pro Jahr.

Die Gewinn- und Verlustrechnung von World Sailing und die PDFs des Gesamtjahres 2017, die dem Council vorgelegt wurden, können hier , hier und hier heruntergeladen werden.

Dieser Artikel ist zuerst auf Sailing Illustrated erschienen.

Tom Ehman

Tom Ehman

Zur Person:
Tom Ehman ist ein Veteran des internationalen Yachtsports. Als ehemaliger College- und mehrfacher nordamerikanischer One-Design-Champion und Gewinner der Championship of Champions 1976 wurde er im Alter von 25 Jahren jüngster Executive Director der United States Yacht Racing Union (jetzt US SAILING, US-Seglerverband). In den neunziger Jahren war er Leiter der USA-Delegation bei der International Yacht Racing Union (heute World Sailing) und vertrat Nordamerika im IYRU-Rat.
Tom begann 1980 mit dem America's Cup und war in vielen Rollen tätig, unter anderem als Regelberater, Team Executive Director, Event Manager und Vorsitzender der Challenger Commission.
Er ist ein ehemaliger Commodore des Portage Yacht Club, sein Heimatclub ist Ann Arbor, Michigan. Ehman ist seit 1981 Mitglied des New York Yacht Club. Er ist Gründungsmitglied des angesehenen Gstaad Yacht Clubs in der Schweiz und Mitglied vom St. Francis Yacht Club, vom Fort Worth Boat Club und vom Balboa Yacht Club, wo er regelmäßig als Mitglied der Afterguard auf den Andrews 50 Rennen fährt.
Vor fünf Monaten gründete er das Online-Segelportal Sailing Illustrated.

 

Tom Ehman am 15.05.2018

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