Regatta

Neu bei Seeregatten: Sichtprüfung von Kiel und Ruder

Eine Änderung in den Vorschriften für Seeregatten soll Eigner sensibilisieren, den Kiel und das Ruder regelmäßig zu überprüfen

Lars Bolle am 14.01.2020
Kielverlust Prodigy2 Baltrum 2017
privat

Eine vor Baltrum havarierte Yacht ohne Kiel

Kiel- oder Ruderverluste sind selten, ob bei Fahrten- oder Regattayachten. Im Unterschied zu fast allen anderen denkbaren Havarien jedoch haben sie meist dramatische Folgen. Das gilt noch mehr für den Kiel als für das Ruder. Innerhalb von Sekunden kann sich eine Yacht bei einem Kielverlust auf die Seite legen oder durchkentern, nur mit Glück sinkt sie nicht. Oftmals sind auch Personenschäden zu beklagen.

Anfang Dezember 2017 verlor etwa eine Comet 45S südlich von Teneriffa den Ballast und kenterte, im Oktober 2018 trieb ein 60-Fußer vor Baltrum ohne Kiel an den Strand. Die Havarie einer Oyster 825 vor Alicante ging Ende 2015 durch die Schlagzeilen. Diese Fälle verliefen jedoch relativ glimpflich, niemand kam körperlich ernsthaft zu Schaden. Ganz anders dagegen im Frühjahr 2014, als beim Kielverlust der First 40.7 "Cheeki Rafiki" auf dem Atlantik vier Segler starben. Oder im März 2017, als der niederländische Konstrukteur Frans Maas auf seiner selbst entworfenen Yacht auf der Nordsee umkam. Und das sind nur die jüngsten Fälle.

Auch auf Einzelbauten und Regattayachten gingen Kiele verloren, etwa beim 60-Fußer "Minnic" (ehemals "Uca") im Juli 2016 in den Stockholmer Schären, beim 100-Fußer "Rambler" während des Rolex Fastnet Race 2011 oder, unvergessen, beim Open 60 "Virbac Paprec", bei der Vendée Globe 2012/13. Skipper Jean-Pierre Dick gelang das Kunststück, die verbleibenden 2650 Seemeilen bis ins Ziel nur mithilfe der Wasserballasttanks zu schaffen und noch Vierter zu werden. Auch diese Aufzählung stellt nur eine Auswahl dar.

Der Welt-Seglerverband World Sailing will jetzt mittels einer Ergänzung in den Regularien für Seeregatten das Risiko von Kiel- oder Ruderverlusten weiter reduzieren. In den gerade erschienenen so genannten Offshore Special Regulations, welche alle zwei Jahre überarbeitet werden, gibt es einen neuen Passus (3.02), der Eigner verpflichtet, die Kielbolzen sowie die Stresszonen um Kiel und Ruder von außen und innen alle zwei Jahre von einer "qualifizierten Person" auf sichtbare Schäden, welche zu einem Verlust führen könnten, überprüfen zu lassen. Die Regelung gilt ab 2021 für alle Regatten der Kategorien 0 bis 3, also auch schon für Wettkämpfe wie die Nordseewoche oder Baltic 500. Die Prüfung muss alle zwei Jahre wiederholt werden oder nach einer Grundberührung.

Nicht näher definiert ist jedoch, was unter einer "qualifizierten Person" zu verstehen ist – ob etwa der Eigner selbst die Prüfung vornehmen und die entsprechende Erklärung (Anhang "L") ausfüllen kann oder ob das ein Sachverständiger, Bootsbauer oder Konstrukteur sein muss. Letztlich wird es im Ermessen des Veranstalters liegen, die Qualifikation anzuerkennen oder näher zu definieren. Und auch Gerichte werden bei Streitfällen wegen Material- oder Personenschäden das Ihre beitragen.

Außerdem bleibt es jedem Regattaveranstalter überlassen, seine Wettfahrt nach den Offshore Special Regulations auszuschreiben oder nicht, bestimmte Passagen darin auszuschließen oder sie zu ergänzen. Sie sind von World Sailing eher dazu gedacht, Veranstaltern ein Instrumentarium an die Hand zu geben, in dem die Ausrüstung und Konstruktion von Yachten definiert wird, um an entsprechenden Regatten teilnehmen zu können. Das hat auch mit Haftungsfragen seitens des Veranstalters zu tun. Vergleichbar sind etwa die Wettfahrtregeln, nach denen eine Regatta ausgeschrieben werden kann oder nicht. Sie nehmen dem Veranstalter die Mühe ab, selbst Vorfahrtsregeln und Ähnliches definieren zu müssen.

So wird eingangs in den Regularien auch explizit darauf hingewiesen, dass letztlich immer der Eigner für die Eignung seiner Yacht für die jeweilige Regatta verantwortlich ist. Diese Regularien sind bei Seeregatten der Franzosen oder Briten fast immer Teil der Ausschreibung, bei den Dänen dagegen selten. Beim beliebten Silverrudder etwa sind sie nicht Bestandteil. Auch in Deutschland wird mit ihnen unterschiedlich umgegangen. Dem Veranstalter unterliegt es zudem selbst, ob er die Einhaltung der Regularien, falls ausgeschrieben, bei jeder Yacht stichprobenartig oder auch gar nicht kontrolliert.

So ist die Aufnahme der Sichtprüfung von Kiel und Ruder in die Offshore Special Regulations vorerst auch eher als eine Sensibilisierung der Eigner zu verstehen, sind sich Fachleute vom Deutschen Segler-Verband und dem Yachtzertifizierer DNVGL einig. Wer ab 2021 an Seeregatten ab Kategorie 3 der Regularien teilnehmen und sicher gehen möchte, dass er diese erfüllt, sollte also wie in den Regularien beschrieben seine Yacht von einem Fachmann untersuchen lassen. Da lediglich eine Sichtprüfung vorgeschrieben ist, sollte diese in etwa einer Stunde erledigt und nicht aufwändig sein, erst recht, wenn die Yacht noch im Winterlager steht und nicht extra gekrant werden muss. Und in Anbetracht der sonstigen Erfordernisse, die an eine Yacht nach diesen Regularien gestellt werden, dürfte die Sichtprüfung noch der geringste Aufwand sein.

Hier können die aktuellen Offshore Special Regulations heruntergeladen werden (PDF)

Lars Bolle am 14.01.2020

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