Barcelona World Race

Nächster Stop: Neuseeland

Überraschende Entscheidung ? die Führenden Jean-Pierre Dick und Loïck Peyron auf "Virbac-Paprec" müssen in Wellington erneut reparieren

Jochen Rieker am 16.02.2011

"Virbac-Paprec 3": Erste in Neuseeland, aber mit Notstopp und Zeitstrafe

Der Nothalt wegen gebrochenen Mastrutschern wird das Klassement ändern. Denn die überlegen segelnden Franzosen müssen laut Reglement 48 Stunden im Hafen bleiben – genug für einen Neustart an der Spitze.

Zur Halbzeit des Barcelona World Race legen die Spitzenreiter heute in Wellington/Neuseeland einen Reparaturstopp ein. Weil die Wettfahrtbedingungen eine Art Zeitstrafe in Form des Mindestaufenthalts vorsieht, können die zuletzt gut 500 Seemeilen zurückliegenden Zweiten, Iker Martínez und Xabi Fernández aus Spanien, mit ihrer „Mapfre“ die Führung übernehmen — sofern nicht auch sie einen Reparaturstop einlegen.

Boris Herrmann, der einzige deutsche Teilnehmer an der Zweimann-Regatta rund um die Welt, verfolgt mit seinem Co-Skipper Ryan Breymaier aus den USA auf „Neutrogena“ auf Rang sieben weiter die „Mirabaud“ von Dominique Wavre/Michèle Paret (Schweiz/Frankreich), die rund 25 Seemeilen Vorsprung verteidigten. Beide Boote lagen noch weit mehr als 1.500 Seemeilen, hochgerechnet fünf bis sechs Tage, von der Passage der Cook-Straße zwischen der Nord- und Südinsel Neuseelands entfernt. Für sie wird die Zwangspause der "Virbac-Paprec 3" absehbar keine Auswirkungen haben.

Um 20.05 Uhr deutscher Zeit klingelte am Dienstagabend das Telefon von Regattaleiter Denis Horeau im Start- und Zielhafen Barcelona. Am anderen Ende der Welt war Titelverteidiger Jean-Pierre Dick: „Wir haben zwei gebrochene Mastrutscher des Großsegels, die müssen wir ersetzen, um sicher durch den Pazifik und später den Atlantik weitersegeln zu können.“

Diese Rutscher oder Wagen (Englisch: batten cars) am Ende der Segellatten sind die Verbindungen, an denen das Großsegel am Mast entlang hochgezogen wird. Besteht eine dieser Verbindungen nicht mehr, kann das Segel nicht mehr sauber getrimmt werden und droht, komplett vom Mast abzuscheren oder selbst zu zerreißen, womit ein schnelles Fortkommen passé wäre.

Erst knapp zwei Stunden zuvor hatte die „Virbac-Paprec 3“ als Erste Farewell Point, den Nordzipfel von Neuseelands Südinsel, passiert und den Kurs auf die Cook-Straße abgesteckt. Der Schaden ereignete sich, als die Mannschaft das Groß reffen wollte. „Dies ist bereits der zweite Bruch“, berichtete Dick, „das erste dieser Teile war schon kurz nach dem Re-Start in Recife kaputtgegangen. Jetzt haben wir keines zum Tauschen und kein Vertrauen in den Ersatz mehr. Das wäre ein unverantwortliches Damoklesschwert über der Weiterreise.“

In der brasilianischen Hafenstadt am Atlantik hatte die Crew bereits im Januar einmal stoppen müssen, um den Großschottraveller ersetzen zu lassen. Für den frühen Rennabschnitt galt allerdings die 48-Stunden-Zwangspause noch nicht. Die „Virbac-Paprec 3“ hatte sich nach einer grandiosen Aufholjagd wieder an die Spitze des Felds gesetzt und einen komfortablen Vorsprung verteidigt.

Ihr härtester Widersacher, die ebenfalls französische „Foncia“ von Michel Desjoyeaux und François Gabart, hatte bei Südafrika mit einem Mastbruch ganz aufgegeben. Es war nach der „Président“ von Jean Le Cam/Bruno García (Frankreich/Spanien) mit Mastbruch bei den Kapverdischen Inseln bereits der zweite Totalausfall unter 14 gestarteten Teilnehmern.

Drei Verfolger dichtauf: Zumindest "Mapfre" und "Goupe Bel" könnten an "Virbac" vorbeiziehen

Die Nachricht vom Reparaturstopp der Gesamtführenden ereilte Herrmann und Breymaier noch vor Mitternacht; es überraschte sie allerdings nicht besonders. „Die ‚Virbac-Paprec 3' ist ein absoluter Leichtbau an der Grenze des Machbaren“, sagte Ryan Breymaier über Iridiumtelefon. "Wenn die das Boot so hart pushen wie üblich, ist es nicht ungewöhnlich, dass immer wieder etwas kaputtgeht.“ Außer den Großsegelbeschlägen soll auch eine der beiden vor Spritzwasser schützenden Halbschalen im Cockpit gebrochen sein und es „weitere kleine Materialschäden“ geben, so der Bordbericht der Betroffenen.

Auf diesen Notstopp war die Technikabteilung des Teams nicht vorbereitet. Vor Ort ist nur der Manager Luc Talbordet, der seine Segler bei der Passage der Cook-Straße begrüßen und anfeuern wollte. Doch das Schiff wurde in Neuseeland gebaut, und in der Hauptstadt der Segelnation, Wellington, dürfte jede notwendige Hilfe ohne weiteres zu erhalten sein.

„Solche Probleme wünschen wir keinem Gegner“, meinten Breymaier und Herrmann, „aber für uns ist es natürlich gut. Wir gewinnen zumindest zwei Tage auf die Spitze.“ Dort dürfte das Rennen am Freitag (18. Februar) „noch einmal von vorn beginnen“, schätzt Jean-Pierre Dick, der auch einen leichten Rückstand auf die Spanier nicht fürchtet, sobald sein Boot wieder voll einsatzfähig ist.

Die Olympiasieger von 2004 im 49er, Martínez/Fernández, bestätigten die hohen Erwartungen in sie und wittern nun ihre große Chance.

Unterdessen bestätigte auch die Mannschaft der „Groupe Bel“ (Frankreich), dass sie in Neuseeland vorübergehend anhalten wird. Die auf Rang vier liegenden Kito De Pavant und Sébastien Audigane haben zwei völlig zerrissene Vorsegel, ohne die sie langfristig vermutlich zurückfallen würden.

Spekulationen gibt es auch um die dahinter liegende „Renault“ der Spanier Pachi Rivero und Antonio Piris. Sie hatten zwischendurch ein Problem mit dem Großsegel und nach und nach den Anschluss an die Spitzengruppe verloren. Müssten sie auch zur Reparatur einlaufen, könnten Boris Herrmann und Ryan Breymaier wahrscheinlich vorbeiziehen und einen Platz aufrücken, da der Rückstand zuletzt weniger als 400 Seemeilen betrug. Auf die „Groupe Bel“ waren es noch mehr als 800, die in zwei Tagen selten zu schaffen sind.

Mit Blick auf die jüngsten Zwischenstände atmeten die Fans in Deutschland auch wieder etwas ruhiger. Hinter der „Neutrogena“ hatte die vor Beginn der Regatta mitfavorisierte „Hugo Boss“ an den Vortagen mächtig aufgeholt und die Frauencrew Dee Caffari/Anna Corbella (Großbritannien/Spanien) auf „Gaes“ geradezu stehengelassen. Als Nächste nahmen Ersatzskipper Wouter Verbraak aus den Niederlanden, der für Alex Thomson kam, und der Neuseeländer Andy Meiklejohn das deutsch-amerikanische Duo ins Visier. Doch der Abstand zu Herrmann/Breymaier stabilisierte sich bei mehr als 200 Seemeilen.

Spannung im Mittelfeld: "Hugo Boss" sucht Wind im Norden, Boris Herrmann auf "Neutrogena" weiter südlich

Ob es dabei bleibt, ist freilich ungewiss. Zunächst wird die Distanz sogar noch etwas anwachsen, weil "Hugo Boss" nach Norden abbiegt und damit die direkte Route verlassen hat, also mehr Weg segeln muss. Sie könnten aber günstigere Winde zu fassen bekommen und so den Abstand auf "Neutrogena" in den kommenden Tagen weiter verringern. Genialer Schachzug — oder verzweifelter Angriff? Es verspricht auf jeden Fall, spannend zu werden!

Überhaupt könnte es wegen der taktisch geprägten Passage Neuseelands und den rund um die Inseln unsteten Windbedingungen im Klassement auch sonst rauf und runter gehen. Die Regattaleitung hat im anschließenden Südpazifik die Route wegen Eiswarnungen obendrein entschärft. Das hatte bereits im Indischen Ozean dazu geführt, dass die typischen Starkwind- und Sturmlagen des Südpolarmeers weitgehend ausblieben, weil diese nördlich umfahren werden mussten.

Mit einer Zielankunft der ersten Boote wird inzwischen nicht mehr vor Anfang April gerechnet, die Platzierten entsprechend mehrere Tage, die Letzten gar Wochen später.

Jochen Rieker am 16.02.2011

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