126. Kieler Woche

Nach 13 Jahren am 13. September: endlich am Ziel!

Tina Lutz und Susann Beucke haben ihren Traum von der Olympia-Teilnahme wahr gemacht. Die Kieler-Woche-Siegerinnen im 49erFX wackelten im dritten Anlauf nicht

Tatjana Pokorny am 13.09.2020
126. Kieler Woche
Peter Brøgger

Die 49erFX-Seglerinnen Tina Lutz und Susann Beucke nach ihrem Kieler-Woche-Sieg und der gewonnenen Olympia-Fahrkarte im Glück

Sie sind einen weiten Weg gegangen, haben sich einst bei einer Pressekonferenz in Kiel kennengelernt, sitzen seit 13 Jahren in einem Boot und haben 2012 und 2016 zweimal schmerzlich nationale Ausscheidungsduelle um einen Platz in der deutschen Olympia-Mannschaft verloren. Aber: Sie haben nie aufgegeben. Jetzt sind die Skiffseglerinnen Tina Lutz und Susann Beucke da, wo sie immer sein wollten, haben sich ihre Olympia-Fahrkarte trotz aller Anspannung des finalen Ausscheidungsduells mit Vicky Jurczok und Anika Lorenz mit einem souveränen Kieler-Woche-Sieg gesichert. Ihre Freude darüber hätte nicht größer sein können, und die Bilder vom Sonntagsfinale in Kiel zeigen das auch. „Wir sind in den vergangenen Jahren durch alle Höhen und Tiefen gegangen. Das hat uns zusammengeschweißt. Unsere Ehe hält schon lange“, sagte Steuerfrau Tina Lutz am Finalsonntag der 126. Kieler Woche und strahlte. Vorschoterin Susann Beucke sagte: „Das hätten wir uns so nicht erträumen können. Wir konnten es lange gar nicht glauben. Es war einfach eine super Woche.“

126. Kieler Woche

Segeln ab sofort auf Kurs Tokio: die 49erFX-Seglerinnen Tina Lutz udn Susann Beucke

126. Kieler Woche

Konnten es selbst kaum fassen, dass ihr Traum von Olympia nach vielen Jahren des Kampfes im kommenden Jahr wahr werden soll: Tina Lutz (r.) und Susann Beucke nach dem letzten stürmischen Kieler-Woche-Rennen in der Strander Bucht

Das war die Kieler Woche 2020 für die meisten der rund 2500 Aktiven, die an acht der neun Tage in 19 Klassen auf den Bahnen der Kieler Außenförde und 278 Wettfahrten gefordert waren. Den Ruhe- und Wechseltag am Mittwoch hatten die Organisatoren ganz bewusst ins Programm genommen, um die Zahl der Begegnungen noch weiter zu minimieren, als es die Bauzäune um die Klassenlager ohnehin taten. Charme an Land war in diesem Kieler-Woche-Jahr Mangelware, doch das war allen Beteiligten im Vorwege klar: Das gesellschaftliche Miteinander musste der Reduzierung der Corona-Gefahr geopfert werden. Dafür gab es auf dem Wasser Sport satt. Nach sechs Monaten Regattapause hat auch die internationale Segelwelt in diesem Jahr voll auf Kiel gesetzt. Das hat die zweite olympische Halbzeit mit prominent besetzten Starterfeldern noch einmal eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Der sportliche Organisationsleiter Dirk Ramhorst berichtete: „Wir hatten viel Aufmerksamkeit von anderen Verbänden bis hin zum DFB. Uns war bewusst, dass wir diese Kieler Woche nicht nur für den Segelsport, sondern als Leuchtturmprojekt für den deutschen Sport und darüber hinaus machen. Das ist uns gut gelungen.“

Kieler Woche 2020

DSV-Sportdirektorin Nadine Stegenwalner

Für den Deutschen Segler-Verband zog Sportdirektorin Nadine Stegenwalner eine positive Bilanz: „Wir freuen uns, dass sich die viele Arbeit der Organisatoren in der Vorbereitung ausgezahlt hat. Wir sind als German Sailing Team dankbar, dass wir nach schwierigen Monaten bei der Kieler Woche auf hohem Niveau segeln konnten. Wir haben wichtige Schritte in Richtung Tokio gemacht und freuen uns, dass in zwei weiteren Disziplinen die Qualifikation mit klaren Ergebnissen für die Kieler-Woche-Siegerinnen Tina Lutz und Susann Beucke sowie die 49er-Segler und WM-Dritten Erik Heil und Thomas Plößel abgeschlossen werden konnten.“

126. Kieler Woche

Philipp Buhl

Die beiden Teams dürfen neben dem bereits qualifizierten Laser-Weltmeister Philipp Buhl darauf hoffen, dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) durch den Deutschen Segler-Verband (DSV) zur Olympia-Nominierung vorgeschlagen zu werden. Dafür haben die Skiffsegler Heil/Plößel, die in Kiel nach einem Zeitnahmefehler und dem folgenden krassen Ein-Minuten-Frühstart trotz starker Einzelränge und vier Wettfahrtsiegen „nur“ Sechste wurden, bereits ein klares Ziel vor Augen. „Wir wollen besser sein als letztes Mal“, sagte Erik Heil und grinste. 2016 begeisterte das Berliner Duo vom Norddeutschen Regatta Verein mit Bronze unter Rios Zuckerhut und dem bekannten Rückwärtssalto in die Fluten der Guanabara-Bucht. Auch Teamkamerad und Kieler-Woche-Sieger Philipp Buhl lässt keinen Zweifel daran, was er sich für seinen zweiten Olympia-Einsatz wünscht: „Ich habe mit dem WM-Sieg im Februar eines meiner beiden großen Ziele erreicht. Das fühlt sich zunehmend gut an. Das andere Ziel ist eine Medaille bei Olympischen Spielen.“ In Kiel war der Allgäuer am Finaltag nicht zu bremsen, holte in starken Winden zum Abschluss noch einen Wettfahrtsieg und einen dritten Rang und gewann seinen sechsten Titel auf der Förde. Seine Reaktion: „Es ist egal, wie oft ich die Kieler Woche zuvor schon gewonnen habe. Jedes Event ist wieder ein neues und hart zu gewinnen. Ich bin sehr glücklich, dass ich wieder gewonnen habe. Danke an alle, die es in diesem Jahr nach Kiel geschafft haben, manche sogar aus Übersee. In meinen Augen hatten wir ziemlich schöne Segelbedingungen, eine sehr solide Wettfahrtleitung, eine sichere Umgebung und eine sehr strikte Jury – wie immer in Kiel.“

Olympische Spiele 2016

Unvergesslich: der synchrone Bronze-Salto von Heil/Plößel nach dem 49er-Finale der Olympischen Spiele 2016

126. Kieler Woche

Laser-Weltmeister Philipp Buhl gewann vor Kiel seinen sechsten Titel bei der weltgrößten Regattaserie, bei der im Sonntagsfinale starke Winde die Aktiven noch einmal zum Powerplay forderten

Erfolgreiche Kieler Lokalmatadoren waren nach dem Strander Rekordsieger Wolfgang Hunger, der mit Holger Jess in der ersten Halbzeit im 505er zu seinem 23. „KiWo“-Titel gesegelt war, im olympischen Teil neben 49erFX-Siegerin Susann Beucke aus Strande die Nacra-17-Segler Paul Kohlhoff und Alica Stuhlemmer vom Kieler Yacht-Club, die sich mit Platz drei eine Podiumsposition erkämpften und dabei die argentinischen Olympiasieger Santi Lange und Cecial Carranza trotz furioser Attacken und spätabendlicher Arbeit Langes an seinen Foils mit einem Punkt Vorsprung auf Platz vier verwiesen.

126. Kieler Woche

Foilten im Weltklassefeld der olympischen Katamaran-Mixed-Crews nach starken Leistungen auf Platz drei: Paul Kohlhoff und Alica Stuhlemmer vom Kieler Yacht-Club

126. Kieler Woche

Die mehrfachen italienischen Weltmeister Ruggero Tita und Caterina Banti ließen in Kiel keinen Zweifel daran, dass sie nach der Corona-Zwangspause die Nummer eins ihrer Disziplin sind

VON SILBERNEN BÄNDERN UND „KNEIFENDEN“ ZWEIHAND-CREWS

126. Kieler Woche

Begegnung der mächtigen Art: Michael Berghorns "Halbtrocken 4.5" und die "Alexander von Humboldt" mit ihren markanten grünen Segeln

Bereits vor dem stürmischen Schlussspurt der Olympioniken waren das Silberne Band und die Doublehand-Bestenermittlung sowie die Serie der für die Klasse Dehler 30 od zu Ende gegangen. Eine besondere Herausforderung hatte die schnellste Yacht auf dem Kurs des Silbernen Bandes zu meistern. Nach über 18 Stunden auf See rauschte die „Halbtrocken 4.5“ auf dem engen Kurs der Innenförde in den Gegenverkehr der Windjammerparade hinein. Doch Eigner und Steuermann Michael Berghorn aus Kiel schlüpfte am Führungsschiff der Parade, der „Alexander von Humboldt“, durch das Nadelöhr von Friedrichsort, hangelte sich mit mehreren Wenden dicht unter Land in der Heikendorfer Bucht an der Flotte der Traditionsschiffe und Freizeitsegler vorbei und zog zum Ziel vor dem Sportboothafen von Düsternbrook. Nach 18:27:31 Stunden hatte die „Halbtrocken 4.5“ die 134 Seemeilen von Kiel aus in die dänische Südsee, um Aeroe herum, durch den engen Svendborgsund und entlang der Insel Langeland bis zurück nach Kiel absolviert und damit den Schlusspunkt hinter eine intensive Kieler Woche gesetzt. Die Berghorn-Crew nutzte die Regattawoche voll aus, bestritt alle Rennen von der Deutschen Seesegel-Meisterschaft über den Senatspreis bis hin zum Silbernen Band. Mit dem Sieg im Senatspreis sammelte die „Halbtrocken 4.5“ auch eine große Trophäe ein, beim Silbernen Band blieb ihr berechnet allerdings nur der vierte Platz. 

In der Vermessungswertung der großen ORC-Yachten durfte die „X-Day“ von Walter Watermann aus Kiel mit Skipper Lars Hückstädt feiern. Sie kam zwar rund zwei Stunden nach der „Halbtrocken 4.5“ ins Ziel, kam aber berechnet auf über eine Stunde Vorsprung. Die Plätze zwei und drei sicherten sich Jan Opländers Crew auf der Swan 45 „Katima“ und das KYC-Jugendteam auf der „Zukunft IV“. In Division ORC II siegte die „Rarotonga“ von Werner Lemmel aus Berlin, in ORC III+IV die „Jalapeno“ von Hinnerk Blenckner aus Eckernförde. Die Wertung für die Double-Handed-Crews gewann die „Halbtrocken“ von Knut Freudenberg und Nils Reichert. Ursprünglich war zur Kieler Woche die zweite Deutsche Meisterschaft in dieser Klasse ausgeschrieben worden. Das Starterfeld hatte sich aber schließlich so weit reduziert, dass nur noch ein Quartett übrig geblieben war – zum Leidwesen von Knut Freudenberg, der seinen Titel aus dem vergangenen Jahr gern in einem echten Leistungstest verteidigt hätte. „Ich verstehe das nicht. In der Flensburger Förde haben wir Zweihand-Regatten teilweise mit 30 Startern, aber wenn es zur Deutschen Meisterschaft geht, dann kneifen sie anscheinend alle.“

126. Kieler Woche 2020

Die XP-44 "X-Day" gewann das 135 Seemeilen lange Silberne Band in der großen ORC-Klasse nach 20 Stunden, 32 Minuten und 22 Minuten auf See nach berechneter Zeit

In der Dehler 30 od hatten Oliver Schmidt-Rybandt/Felix Hauß aus Greifswald die Bugspitze in der Klassen-Gesamtwertung vorne. Dafür sorgte das erfahrenste Duo der neuen Klasse nach Platz drei im Senatspreis mit dem Sieg im Silbernen Band, das sie zwölf Minuten vor Robert Stanjek und Morten Bogacki auf der in Kiel erst getauften „Humboldt“ beendeten. Bei dieser Ausgeglichenheit der Ergebnisse rutschten die Senatspreissieger Camilla Hoesch und Joshua Weber mit Platz fünf im Silbernen Band noch auf Platz drei der Gesamtwertung zurück.

Alle Kieler-Woche-Ergebnisse gibt es hier.

Mehr über die außergewöhnliche 126. Kieler Woche in einem ungewöhnlichen Jahr lesen Sie in YACHT 21, die am 30. September erscheint.

126. Kieler Woche

Der letzte Gruß der Veranstalter mit dem Kieler Yacht-Club, dem Verein Seglerhaus am Wannsee und dem Norddeutschen Regatta Verein: tschüß & auf Wiedersehen in Kiel

Tatjana Pokorny am 13.09.2020

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