Atlantic Anniversary Regatta

"Malizia" führt, "Red" nach Wal-Kollision aus dem Rennen

Nach dem Aus der "Line Honors"-Favoritin "Rambler" liefern sich "Malizia" und "Varuna" ein packendes Spitzen-Duell. Die schnelle "Red"-Crew musste aufgeben

Tatjana Pokorny am 16.07.2018
AAR 2018
Malizia – Yacht Club De Monaco

Boris Herrmann auf "Malizia – Yacht Club de Monaco"

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Die Positionen vom 15. Juli (Sonntagabend): "Malizia" führt die Flotte an. "Varuna VI" jedoch liegt so dicht dahinter, dass sie auf der Tracker-Animation nicht selbst zu sehen ist. "Red" läuft den Azoren-Hafen Horta an

In einem Rennen zweimal Pech haben? Das ist mehr als unglücklich, geschah aber der Crew um Skipper Mathias Müller von Blumencron auf der Class-40-Yacht "Red" bei der Atlantik Anniversary Regatta. In ihrer Klasse nach starkem Auftakt in Führung liegend, hatten die Bolzen des Backbord-Ruderbeschlags der "Red" nachgegeben. Schon am 12. Juli hatte die Mannschaft die Wettfahrtleitung darüber informieren müssen, dass sie die Azoren anlaufen wird, um das Boot dort zu reparieren, weil die auf See vorgenommene Notreparatur nicht für die Fortsetzung der Regatta bis in den deutschen Zielhafen geeignet erschien. Doch es kam noch ärger. Schon auf Kurs Azoren segelnd, hatte die "Red"-Crew dann am 14. Juli einen zweiten schweren Rückschlag hinnehmen müssen, den der Skipper so schilderte:

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Das beschädigte Heck der "Red" nach der Wal-Kollision

"Die Geschichte ist unglaublich, aber sie ist traurigerweise vor zwei Stunden wirklich passiert. 'Red' hat einen Wal getroffen, und wir haben einen massiven Heckschaden erlitten. Ich war am Steuer, und wir mussten uns gerade mit einer heftigen Bö auseinandersetzen. Wir segelten bei 12 bis 15 Knoten unter Gennaker. Plötzlich durchbrach eine Bootslänge vor uns ein großer Wal die Wasseroberfläche. Er bewegte sich von Backbord nach Steuerbord langsam über unseren Kurs und hob seine große Flosse vor uns. Ich konnte trotzdem instinktiv anluven und dachte, dass ich es geschafft hätte, sicher um ihn herum zu steuern. Shawn, der mit mir auf Wache und an Deck war, hatte die Finne ebenfalls gesehen, die auf der Steuerbordseite an uns vorbeizog. In dem Moment erlebten wir einen gewaltigen Knall auf dem Steuerbord-Ruder. Die Steueranlage war sofort davon betroffen. Der Wal muss versucht haben, uns mit seiner Flosse zu treffen. Oder es gab ein zweites Tier, dass wir getroffen haben. Beim schnellen Check haben wir gesehen, dass bei dem Aufprall ein großer Teil unseres Hecks herausgerissen wurde. Das war unser gutes Ruder, nachdem wir mit dem anderen Ruder schon ein Objekt getroffen und deswegen Kurs auf die Azoren genommen hatten. Wir haben die Segel sofort geborgen und das Ruder hochgezogen, damit nicht das gesamte Heck herausgerissen wird. Das Wasser flutete unseren Heckbereich. Aber bei Class-40-Yachten muss das Heck eine eigene wasserdichte Abteilung bilden, die zum Rest des Bootes abgeschottet ist – eine sehr weise Regel, die bei jedem Segelboot greifen sollte. Das Manöver führte schnell zum Erfolg. Wir sind jetzt wirklich erfahren darin, Ruder mitten auf dem Ozean rauszunehmen ;-). Nach einem kurzen Check entschieden wir, die Segel wieder zu setzen, weil die zunehmende Geschwindigkeit die beste Methode war, den Wassereinbruch zu verhindern. Wir sind zutiefst enttäuscht, weil wir das Rennen nun aufgeben müssen. Das hier bedeutet eine ernsthafte Reparatur, die uns in Horta Tage kosten wird. Aber wir sind auch sehr glücklich darüber, dass nichts Ernsthaftes passiert ist. Wir hätten leicht auch das ganze Tier treffen können – und das mit extrem ernsthaften Folgen für das Boot und die Kreatur. Nun sind wir schon auf dem Weg nach Horta. Wir können mit unserem zweiten Ruder steuern. Wir mussten den Beschlag vor einigen Tagen reparieren, weil die Bolzen nach der anderen Kollision gebrochen waren. Aber wir beten, dass unsere Reparatur hält. Es ist das Luv-Ruder, was das Steuern nun ein wenig schwierig macht. Doch die Prognose für die nächsten Tage sagt abnehmende WInde und Raumschots-Bedingungen vorher. Also wird das Ruder (aufgrund von weniger Krängung, d. Red.) im Wasser sein. Wir sind jetzt langsamer, so zwischen sechs und acht Knoten, was sich wirklich wie Humpeln anfühlt. Bitte drückt uns die Daumen, dass alles hält. Uns geht es gut, und wir sind auch guter Stimmung. Es dringt kein Wasser mehr ins Boot ein, und wir hoffen, Horta binnen der kommenden zwei Tagen zu erreichen."

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Im Dauer-Reparatureinsatz: die Crew der "Red"

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Nach einer Woche im Rennen: die Zwischenstände nach gesegelter Zeit

Inzwischen hat "Red" die Azoren tatsächlich fast erreicht, segelte am Sonntagabend mit 9 Knoten Geschwindigkeit dem Reparaturhafen entgegen. Gleichzeitig lieferten sich an der Spitze des Feldes Boris Herrmanns "Malizia – Yacht Club de Monaco" und Jens Kellinghusens "Varuna VI" auch weiter ein packendes Duell. Die Imoca-Yacht hatte nach knapp 3000 Seemeilen kurz vor Erreichen des Englischen Kanals einen Vorsprung von vier Seemeilen auf die Hamburger Ker 56. Zu dem Zeitpunkt hatten die beiden führenden Boote noch etwas mehr als 560 Seemeilen bis zur Ziellinie vor Cuxhaven zu absolvieren. Nach berechneter Zeit lag dabei "Varuna VI" etwa 17 Minuten vor "Malizia", doch es geht in diesem spannenden Zweikampf auch um die "Line Honors" für das First Ship Home. Hinter der erwartungsgmäß auf Platz 3 liegenden JMD54 "Teasing Machine" folgte überraschend die Class 40 "Eärendil" vor der rund 50 Seemeilen zurückliegenden TP52 "Rockall" von Christopher Opielok. Nach berechneter Zeit bedeutete das einen Vorsprung von rund sieben Stunden für die von der Französin Catherine Purre geskipperte Class 40. 

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Von der "Iskareen"-Crew im Bild festgehalten: ein die Class 40 begleitender Delphin

Auf Platz 6 nach gesegelter Zeit folgte Arnt und Sönke Bruhns Class 40 "Iskareen", die am späten Sonntagabend Grüße von See schickten: "Bergfest! Es ist geschafft, wir haben den Gipfel erreicht. Ab jetzt geht es nur noch bergab, die Meilen werden immer weniger. Zumindest theoretisch. Tatsächlich werden wir in wenigen Tagen schon Land sehen, weil das Rennen mit dem Erreichen der komplizierten Gewässer im Englischen Kanals immer intensiver wird. Davor jedoch wird noch einige Geduld gefordert sein, weil wir die Nordausläufer des Azorenhochs kreuzen müssen. Es hat uns wirklich traurig gemacht, von Mathias' Vorfall mit dem Wal zu hören. Wir hoffen, dass sie Horta sicher erreichen werden. Aus Anlass unseres Bergfestes haben wir relativ kaltes Heineken und etwas Sherry mit einer neuen und leichteren Variante unseres klassischen 'Iskareen'-Burgers von vor elf Jahren genossen. Prost!"

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"Iskareen"-Skipper Arnt Bruhns mit allem, was es für ein Bergfest auf dem Atlantik braucht: Heineken, Sherry und "Burger light"

Von den 16 in die Transatlantik-Überquerung gestarteten Boote sind nach der Aufgabe der Crews auf "Rambler" und "Red" noch 14 im Rennen. "Latona"-Trimmer Chris Wildberg erklärte die Herausforderungen mit einem Vergleich: "Drei Tage auf dem Atlantik sind wie drei Wochen auf der Ostsee. Mindestens!" Dabei gerät der Kalender in Vergessenheit. Boris Herrmann sagt: "Wen du auch fragst: In der Mannschaft weiß keiner mehr das Datum, den Tag im Rennen oder die Tageszeit. Wir sind mit fünf Männern in unsere kleine Welt eingetaucht. Es ist seltsam, auf diese Weise abgeschnitten zu sein. Was ist wohl in der Welt los? Wir haben einen Freund gebeten, uns zumindest das Minimum zu senden, ein paar Schlagzeilen pro Tag. Sonst würde man anfangen, sich Gedanken darüber zu machen, ob es hinter diesem dichten Nebel da draußen überhaupt noch eine Welt gibt."

Hier geht es zum AAR-Tracker.

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"Latona" lag am Sonntagabend auf Platz 11

Tatjana Pokorny am 16.07.2018

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