Silverrudder 2016

Magische Momente im Kleinen Belt

Bei der weltgrößten Einhandregatta erreichten am Wochenende 282 Solisten das Ziel – Flauten kosteten mehr Kraft als die Kreuz im Kattegat

Jochen Rieker am 26.09.2016
Silverrudder 2016

Class 40 "Red" beim Auftakt. Mathias Müller von Blumencron wurde Dritter seiner Klasse

"Das war ja wohl top!", fasste Karl Dehler die Silverrudder Challenge 2016 kurz und knapp zusammen. Tatsächlich war die fünfte die bisher schönste Auflage der Einhand-Langstreckenregatta. Mildes Spätsommerwetter begleitete die 318 Teilnehmer, die über die Startlinie gingen, auf weiten Strecken des 134 Seemeilen langen Kurses rund um Fünen.

Selbst die Kreuz im Kattegat, die sich insbesondere für die kleinen Boote recht ruppig gestaltete, konnte den Spaß nicht ernsthaft trüben. Zwischen Romsø und Æbelø stand ein Nordwest mit 5–6 Beaufort gegen Strom und machte die Ostsee zur Buckelpiste.

Silverrudder 2016

Flautenstart für die Kleinsten

Doch die eigentliche Prüfung waren die Flauten. Die ersten Gruppen erwischte es schon beim Start, der auch noch durch Gegenstrom im Svendborgsund erschwert wurde. So sah man die Hälfte des Feldes hinter der Linie vor Anker liegen. Manch einer versuchte, sein Boot durch Schaukeln voranzubringen, was leidlich gelang. Einige holten die Stechpaddel raus. Erst eine Regenfront mit leichten, drehenden Windstrichen erlöste das riesige Bündel aus Booten.

Es war nicht das einzige Loch, in dem die insgesamt 318 Starter hängenblieben. In der Nacht parkten rund hundert Boote ein, als sie sich eigentlich schon über den Berg wähnten. Sie hatten die oft tückische Brückenpassage bei Midddelfart dank mitlaufendem Strom einigermaßen problemfrei geschafft, kamen dann aber direkt danach auf Höhe Fænø zum Stehen. Manche brauchten für die rund eine Meile bis eingangs des Kleinen Belts geschlagene zwei Stunden. 

Jens Quorning war zu dieser Zeit bereits im Ziel. Er machte seinen rasend schnellen One-off-Tri "Dragonfire", den er sonst mit vier Mann und Trapez segelt, morgens um kurz nach drei wieder in Svendborg fest – nach nur 15:34:58 Stunden.  

Silverrudder 2016

Dritter bei den großen Tris: Segelbundesliga-Skipper Christian Soyka

Derweil fuhren sich die schnellsten Kielboote und einige der Mehrrumpfer kurz vor Sonnenaufgang in Sichtweite des Ziels fest. Darunter waren Wolfram Heibeck auf seiner Open 32 "Black Maggy", Mathias Müller von Blumencron mit seiner Class 40 "Red",  Vorjahressieger und Rekordhalter Andreas Rohde auf der JPK 38 "Ratzfatz3", Jörg Gosche auf einem Corsair Pulse 600 und Christian Soyka auf dem Corsair Cruiser 970.

"Dreieinhalb Stunden lang fuhren wir Kreise, probierten so gut wie jedes Segel aus und ankerten", berichtete Mathias Müller von Blumencron. "Und dann sahen wir, wie von hinten Wind und immer mehr Wettbewerber aufkamen – Leute, denen wir bis dahin mehrere Stunden abgenommen hatten."

Das zähe Finish kostete Nerven – und einige den sonst sicheren Klassensieg. Aber so ist es bei Regatten manchmal. Zumal beim Silverrudder, das auf dem Kurs rund Fünen jeden mehrfach vor Belastungsproben stellt, selbst wenn es wie diesmal überwiegend handig blieb.

Ohnehin geht es bei dem "Ironman of the Sea" mehr ums Ankommen als ums Gewinnen. Nach wie vor gibt es kein Handicap-System, keine Vergütung. Die Gruppen werden lediglich nach Bootslänge eingeteilt – und nur dort, wo die Startfelder zu groß würden und gesplittet werden müssen, in gewissen Grenzen nach Leistungspotenzial.

Dennoch bleibt die Große-Belt-Brücke eine Art natürlicher Vermessungsausgleich. Wer mehr als 18 Meter Mastlänge hat, muss durch die Ostbrücke – was mehr Weg und bei west- bis nordwestlichen Winden wie diesmal auch einen höheren Kreuzanteil mit sich bringt. Manche Solosegler in den Klassen Large und Extra Large wünschen sich hier eine einheitliche Regelung.

Auch in Sachen Sicherheit gab es vereinzelt kritische Stimmen. So schreiben die Statuten einen Feuerlöscher selbst an Bord von Booten vor, die weder über einen Kocher noch einen Motor verfügen. Gleichzeitig fehlen Bestimmungen zum Mitführen einer Bergeschlaufe. Und auch die Beleuchtungsvorschrift ist der Größe des Starterfeldes nicht angemessen – viele kleinere Yachten führten nur ein weißes Topplicht. Das ist zwar nach den Kollisionsverhütungsregeln erlaubt, bei einer Regatta mit über 300 Teilnehmern und häufigen Begegnungen bei Nacht grenzwertig, weil die Bewegungsrichtung so gekennzeichneter Boote mitunter nicht auszumachen ist.

Ob sich die Silverrudder Challenge of the Sea weiterentwickeln wird, bleibt abzuwarten. Viel Optimierungsbedarf besteht nicht. Und solange es das Wetter so gut meint wie diesmal, können sich die Veranstalter vom Svendborg Amatør Sejlklub der anhaltenden Begeisterung der Teilnehmer fast sicher sein.

Das bestätigt die hohe Zahl der Mehrfachstarter ebenso wie der Stolz und das tief empfunde Glück der Erstbezwinger. "Ich bin so froh, dass ich es gemacht habe", sagte Kristian Evers, der auf einer Seascape 27 antrat.  "Es war anstrengend, es war lang, aber unvergesslich!"    

Vorläufige Ergebnisliste 
Replay des Rennens von TracTrac

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Jochen Rieker am 26.09.2016

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