Mini-Transat

Lennart Burke über seinen ungewollten Alex-Thomson-Moment

Der Mini-Aspirant aus Stralsund ist solo nonstop 1000 Seemeilen von Lorient bis zur irischen Küste gesegelt – und dabei am Ende über seine Grenzen gegangen

Jochen Rieker am 25.06.2020
Geschafft: 1000-Meilen-Solo-Qualifikation von Lennart Burke
Lennart Burke Sailing/A. Champy-McLean

Geschafft! Der 21-jährige Soloskipper auf seiner von der Sparkasse Vorpommern gesponserten Pogo 3 kurz vor dem Finish der 1000-Meilen-Qualifikation 

Lennart Burkes bislang längste Solo-Fahrt war die Silverrudder Challenge vorigen Herbst: 134 Seemeilen rund Fünen. Damals belegte er in einem durchaus fordernden Rennen auf Anhieb den dritten Platz in seiner Klasse. Jetzt hat er noch mal was draufgepackt, genauer gesagt die siebeneinhalbfache Strecke. 

Um sich für die Teilnahme am Mini-Transat zu qualifizieren, startete der 21-Jährige vorvergangenes Wochenende auf eine 1000-Meilen-Etappe: Von Lorient in der Bretagne durch den Englischen Kanal bis vor die Küste Irlands und retour. Ein Seegebiet, das jedem erfahrenen Skipper Respekt abnötigt – umso mehr, da Burke auf einem nur 6,50 Meter langen Hochsee-Zwerg unterwegs war: seiner Pogo 3 "Vorpommern", Siegerschiff des Transatlantikrennens im vorigen Jahr. Ein Boot, das anerkannt schnell segelt, aber auch nass, holperig und trimmsensibel. 

Kommt er ins Erzählen von der Fahrt, ist er dennoch kaum zu bremsen: So sehr liebt er, was er da tut. Und das ungeachtet der Strapazen, die der Kurs mit sich brachte – erst anderthalb Tage lang quälende Flaute, auf dem Rückweg dann Starkwind mit teils hohen Seen und bis zu 30 Knoten Wind.

Auf die Frage nach dem besten Moment muss er nicht lange nachdenken: "Das war der Rückweg von Irland zu den Scillies mit ordentlich Druck. Von Lorient bis zu unserer Wendemarke, der Untiefentonne Conninbeg, hatten wir davor fast fünf Tage gebraucht; 28 Stunden hingen wir im Öl. Zurück ging's dann wie im Flug: 14 Stunden Glitsch bis zu den Scillies. Da habe ich die ganze Zeit gelächelt."

Lennart Burke war nicht allein unterwegs; mit ihm nutzten noch vier weitere Mini-Segler ein Wetterfenster, das zunächst fast ideal erschien. Tatsächlich waren die Bedingungen durchaus anspruchsvoller als vorhergesagt, in der Flaute wie in den Fronten. Und auch wenn beides herausfordernd war, so wollte der Mini-Transat-Rookie am Ende nichts davon missen.

"Ich habe in diesen acht Tagen eine richtige gute Beziehung zum Boot aufgebaut", sagte er gegenüber YACHT online. "Obwohl ich noch nie vorher so lange allein gesegelt bin, lief es super. Ich hatte mit der Einsamkeit keine Probleme und konnte das Segeln total genießen. Was mich selbst überrascht hat: Ich kann da so voll drin aufgehen, dass ich nicht mal ein Buch gelesen, einen Film geschaut oder Musik gehört habe."

Geschafft: 1000-Meilen-Solo-Qualifikation von Lennart Burke

Volles Vertrauen ins Boot. Auf der "Vorpommern" ging trotz teils harter Bedingungen nichts zu Bruch

Auch mit dem Schlafentzug kam er bis kurz vor dem Ziel gut zurecht. Anfangs brauchte er zwar etwas Zeit, um die Augen zuzumachen und wirklich loszulassen. Dann aber klappten die Power-Naps von 20 Minuten Dauer immer besser. "Im Schnitt hab ich etwa drei Stunden pro Tag geschlafen und vermutlich noch mal zwei, drei Stunden gedöst. Damit kam ich klar." Gegen Schluss aber ging er dann doch über seine Grenzen hinaus.

Zurück in der Biskaya, bekam er von seinem Router Sebastian Wache von der Kieler Wetterwelt die Information, dass nach dem Durchzug einer Front der Wind für die letzten Meilen bis Lorient gegenan drehen solle. "Deshalb habe ich 48 Stunden lang wirklich alles gegeben und praktisch nicht mehr geschlafen. Ich wollte einfach nur schnell ankommen." So ließ er bei der Rundung der Ile de Ré vor La Rochelle den Spi länger stehen, als ihm lieb war. "Ich bin da mit 12, 13 Knoten reingebrettert und habe das Segel erst im letzten Moment weggenommen."

Nachdem er unter voller Anspannung gegen ein Uhr nachts die Brücke, die Festland und Insel verbindet, problemlos passiert hatte, wartete ein harter Halbwindkurs auf ihn, der noch mal richtig Kraft und Konzentration kostete. Und da, nach inzwischen gut sieben Tagen auf See, in der zwar kurzen, aber kühlen Nacht, begann er zum ersten Mal zu halluzinieren. "Ich erinnere das gar nicht mehr so genau, aber ich dachte wirklich, da sitzt einer auf meinem Traveller. Habe mich richtig erschrocken. Das war irre."

Es war Lennart Burkes Alex-Thomson-Moment – nur mit glücklicherem Ausgang. Während der britische Imoca-Skipper bei der Route du Rhum überlegen in Führung liegend kurz vor dem Ziel mit seiner "Hugo Boss" während eines Nickerchens in die Rockies von Guadeloupe krachte und den Sieg verspielte, blieb dem Deutschen solch Ungemach erspart. Eine Lehre war es ihm gleichwohl. "So weit hätte ich es nicht kommen lassen dürfen", sagte er danach. "Bisher habe ich nur davon gehört und gelesen. Das soll mir jedenfalls nicht noch mal passieren."

Geschafft: 1000-Meilen-Solo-Qualifikation von Lennart Burke

Unter ihresgleichen. Gratulation von Melwin Fink

Geschafft: 1000-Meilen-Solo-Qualifikation von Lennart Burke

Kaputt, aber glücklich. Darauf ein Schlückchen!

Trotz des Schreckmoments zog er ein überaus positives Fazit aus seiner ersten Qualifikationsfahrt. "Es war alles in allem das beste Training, das ich mir hätte wünschen können." Als er in Lorient einlief, wurde er von einem anderen deutschen Mini-Aspiranten mit einer Flasche Sekt begrüßt, der seinerseits auch schon die 1000-Seemeilen solo absolviert hat: Melwin Fink, wie Lennart jetzt auch in Lorient zu Hause. 

Für Burke könnte es in Kürze schon wieder losgehen. Er will jetzt seiner Pogo 3 einen kleinen Check-up gönnen, obwohl auf der gesamten Strecke nichts kaputtgegangen ist, dann ein wenig ausspannen und am liebsten sofort wieder aufs Wasser. "In unserer Gruppe möchten wir jetzt noch ein paar 48- oder 72-Stunden-Offshore-Trainings segeln", sagt er. Denn das sei einfach doch was anderes, als einen Tag nur unter der Küste zu bleiben.

Ganz allein wird der sympathische Skipper, den sie hier "The German Rocket" nennen, übrigens nie bleiben: An Bord begleitet ihn stets seine Emma. Die ist nicht sehr anspruchsvoll, aber stets zu Diensten und – wie sich jetzt gezeigt hat – äußerst zuverlässig. So nennt er seinen Raymarine Linear Drive, den Antrieb des NKE-Autopiloten. Irgendwo in der Irischen See hat er beschlossen, dem unter Deck eingebauten E-Motor aus Dankbarkeit einen Namen zu geben. Klingt definitiv besser als "Eiserner Gustav".   

Hier geht es zur Website von Lennart Burke

  

Jochen Rieker am 25.06.2020

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