Kommentar

Irrungen und Wirrungen beim German Offshore Award 2018

Am Freitag wurde bei einem Empfang im Hamburger Rathaus die "beste deutsche Yacht bei internationalen Hochseeregatten" ausgezeichnet – wirklich?

Jochen Rieker am 26.02.2018
German Offshore Award 2018
YACHT/J. Rieker

Der Rahmen war prunkvoll. Im Kaisersaal des Hamburger Rathauses verfolgten am Freitagabend rund 300 Gäste die Verleihung des German Offshore  Award. Der Preis, der zum elften Mal verliehen wurde, soll die beste Leistung einer deutschen Yacht im internationalen Hochseesport würdigen. Aber was ist die beste Leistung? Wonach bemisst sie sich?

Wie Friedrich Hausmann, Vorstand der German Offshore Owners Association, in der aktuellen Ausgabe der YACHT versicherte, erfolge die Vergabe nicht etwa durch "metaphysische Auswahl, die in dunklen Hinterzimmern getroffen" werde, sondern durch "objektive Berechnung".

Dabei wird außer der Platzierung auch die Zahl der Wettbewerber berücksichtigt. "Der Algorithmus sorgt dafür, dass ein dritter Platz bei 100 Konkurrenten grundsätzlich mehr wert ist als ein Sieg über drei Gegner", so Hausmann. Selbst das jeweils herrschende Wetter geht in die Berechnung ein. Ergänzt wird die Formel um einen Wert für den Schwierigkeitsgrad, den eine Jury aus Mitgliedern der großen Hamburger Segelvereine festlegt. Es ist der weichere, der subjektive Faktor der Kalkulation.

Fünf Yachten waren danach nominiert:

  • Die STP 65 "Milan" von Uwe Lebens für den 1. Platz bei der Edinburgh-Regatta (ORC gesamt)
  • Die Elliott 52 "Outsider" von Tilmar Hansen für den 1. Platz beim RORC-Transatlantikrennen (ORC gesamt)
  • Die Albin Stratus "Sagitta" von Tillmann Frank für den 6. Platz beim Rolex Fastnet Race (IRC 4)
  • Die X-42 "Halbtrocken 4.0" von Michael Berghorn für den 1. Platz beim Sydbank Cup (ORC 2)
  • Der Mini 6.50 "Lilienthal" von Jörg Riechers für den 2. Platz im Mini-Transat (Proto-Klasse)

Was verwunderte, und es sollte nicht die einzige Überraschung an diesem Abend bleiben:

Harm Müller-Spreers Triumph mit "Platoon" bei der TP52-Weltmeisterschaft blieb unberücksichtigt – oder erschien der Jury nicht relevant genug für eine Nominierung. Auch Dieter Schöns Titel bei den Rolex Maxi 72 Worlds reichte offenbar nicht für eine Nominierung. Dabei hatte im Vorjahr Christian Plump mit "Elena Nova" den German Offshore Award für seinen Sieg bei der Swan-45-WM erhalten, deren sportlicher Wert kaum höher einzustufen ist. 

Noch größer jedoch fiel die Irritation über den diesjährigen Empfänger des Silbertabletts aus.

Der German Offshore Award 2018 ging an den Bremer Uwe Lebens und seine Crew auf der "Milan", die mit der STP 65 beim Helgoland-Edinburgh Race um den Budweiser Cup als größte Yacht Line Honors und den Sieg nach berechneter Zeit holte. Eine höchst anerkennenswerte Leistung, ohne Zweifel. Doch hätte der Preis nach Meinung vieler Beobachter einem anderen Nominierten gebührt.

Berücksichtigt man sämtliche Kriterien, die der Auszeichnung zugrunde liegen, hätte Jörg Riechers den German Offshore Award erhalten müssen – es wäre nach 2011 und 2013 bereits sein dritter gewesen. Denn Riechers zweiter Platz im Mini-Transat muss sportlich höher bewertet werden als ein Sieg im Helgoland Edinburgh Race. Der Hamburger Soloskipper musste sich gegen härtere Konkurrenz behaupten, in einem größeren Feld, auf einer wesentlich längeren Strecke, mit einem weitaus fordernderen Boot, noch dazu einhand, ohne Crew.

Da hilft auch der Verweis auf eine angeblich unbestechliche, objektive Formel nichts: Der diesjährige Preisträger mag mathematisch korrekt berechnet sein. Nachvollziehbar ist die Wahl freilich nicht. 

German Offshore Award 2018

Start des Abends: Alex Thomson (M.) mit Boris Herrmann und Jörg Riechers

Und es zeichnete sich an diesem Abend im Kaisersaal noch ein weiteres Dilemma ab, an dem der Hochseesport hierzulande krankt: die Erstarrung im Formellen, der Mangel an Lebendigkeit, Spaß, Esprit und Innovation. Ausgerechnet der Star des Abends machte dies überdeutlich, Alex Thomson, Skipper des Imoca 60 "Hugo Boss", Zweiter bei der Vendée Globe und vor kurzem in seiner Heimat selbst zum Yachtsman of the Year gekürt.

Der 43-Jährige vermittelte in einem kurzen, überaus humorvollen Auftritt den Gästen die ganze Faszination, aber auch die Härte des Hochseesports. Thomson sprach frei, ohne Manuskript. Und statt sich am Rednerpult aufzubauen, wie alle vor und nach ihm, tigerte er energiegeladen über die ganze Bühne. 

Ein Spitzensegler, der auch als Unterhalter jeden Saal rockt. Ein Botschafter, wie man ihn sich nur wünschen kann. Sein launiger Vortrag erntete mehr Lacher und Szenenapplaus als sämtliche anderen Redebeiträge, von denen die meisten im Vergleich bemüht bis regelrecht peinlich wirkten. So sehr, dass es bisweilen schon wehtat.

Alex Thomsons Auftritt war wie ein Gegenprogramm zu den Begrüßungsfloskeln nach Protokoll, den Grußadressen, der Funktionärsgala, die zuvor das Programm bestimmten. Fast musste man den Eindruck gewinnen, als sei das deutsche Seesegeln, das schon weit bessere Zeiten erlebt hat, noch im Geist dieses Kaisersaals gefangen, im Gestern. Dabei will die German Offshore Owners Association mit einigen sehr engagierten Machern ja genau das ändern. Sie will, ohne Frage, das Richtige. Sie muss es aber auch tun.

________

Wie denken Sie über die Vergabe?

Machen Sie mit bei unserer aktuellen Online-Umfrage zum Thema – hier geht's mit einem Klick direkt zum Voting!

Jochen Rieker am 26.02.2018

Das könnte Sie auch interessieren


Fotostrecken

Neueste Downloads

Yachttests


Reise-Reportagen


Ausrüstung


Gebrauchtboottests


Neue Videos


Aktuelle Artikel bei YACHT online