Atlantic Anniversary Regatta

Im hellen Nichts

Boris Herrmann schildert Eindrücke von den ersten Tagen auf See. An Bord der "Malizia" ist Routine eingekehrt. Der Imoca 60 ist mit bis zu 25 Knoten unterwegs

Boris Herrmann am 12.07.2018
Malizia On Board
Boris Herrmann Racing

Hallo Freunde,
Tag xyz… Wen du auch fragst, in der Mannschaft weiß keiner mehr das Datum, den Tag im Rennen oder die Tageszeit. Wir leben in unserer kleinen Welt von zwölf Quadratmetern mit fünf Männern.

Malizia On Board

Mit bis zu 25 Knoten Speed ist der Open 60 auf Kurs

Da sind wir nun also – wie erwartet, hoch im Norden auf den Great Banks. Vor zwei Tagen haben wir uns nach etwas Kühle gesehnt, nun sind meine Finger fast zu steif zum Tippen vor Kälte. Konstant schlagen Kaskaden von Gischt über das Cockpitdach und überfluten das Heck. Wir schauen unter unserem Dach zu, schauen immerzu nach hinten, in den von Gischkaskaden unterbrochenen Anblick weißen Nebels, eines hellen Nichts.

Es ist dieser dünne Kaltwassernebel nur am Boden. Man ahnt sehr gut die Sonne, eine diffuses, grellweißes Licht, wie auf einem Berggipfel beim Skifahren.

Wir haben ein Match. "Varuna" ist eine fixe Referenz für uns, die wichtigste fast. Dank ihnen fühlt es sich wirklich wie eine echte Regatta an.

Ohne "Varuna" hätte ich es wesentlich gelassener gesehen, vorhin gezwungen worden zu sein, einer Ölbohrinsel auszuweichen. Das erklärt diesen Zacken in unserer Kurslinie auf dem Tracker. Ganz geschafft haben wir es nicht in Luv, also mussten wir halsen, ein herber Verlust von zehn Meilen.

Malizia On Board

Aktuell hat "Malizia" laut Race-Tracker die Konkurrentin "Varuna" überholt

Es geht überwiegend vor dem Wind voran. Wären die Winkel zum Wind spitzer, könnten wir, denke ich, an "Varuna" vorbeiziehen. Aber wir kennen natürlich das Potenzial des gegnerischen Schiffes nicht, können nur mutmaßen und haben natürlich Hoffnung, irgendwo unsere Chance zu finden. Allerdings sieht die Vorhersage nicht vorteilhaft für uns aus: alles VMG running, also quasi vor dem Wind kreuzen. Bedingungen, über die man sich normalerweise freuen würde, doch auf diesem Kurs sind wir wohl ziemlich gleich schnell – oder "Varuna" etwas im Vorteil.

Innerhalb von 24 Stunden ging es von barfuß und Shorts auf Schlafsack und Mütze, von 33 Grad auf 9 Grad Wassertemperatur. Nur 150 Seemeilen, also zehn Stunden entfernt, schwimmen Eisberge.

Unsere deutsche Mannschaft ist wohlauf, geht geruhsam, man könnte auch sagen stoisch, ihrem Rhythmus nach und fügt sich den Bedingungen, den ruppigen Bewegungen, der durchdringenden feuchten Kälte. Es gab zwei Stürze unter Deck mit kleineren Kratzern und einem kleinen Schnitt – eine Warnung, sich immer festzuklammern. Dieses abrupte Stoppen in einer Welle kann jederzeit passieren.

Oft sehen wir 25 Knoten auf dem Speedometer. Beim Versuch einzuschlafen denke ich an ein Video von Alex Thomson, in dem er vom "Mighty Bang" spricht. Ich hoffe, dieser berüchtigte Schlag, vor dem wir uns irgendwie immer fürchten, wird nie kommen. Ein Stück Holz, ein Fisch, ein Baumstamm…

Malizia On Board

An Bord ist Routine eingekehrt, jeder geht seinen Dingen nach

"Rambler" ist ein herber Verlust für das Rennen. Crew und Eigner waren gut vorbereitet und haben viel investiert. Es ist sehr unfair, das Flaggschiff dieses Rennens so früh ausscheiden zu sehen aufgrund von Treibgut und Ruderschaden.

Man lebt intensiv, doch es ist die Reizarmut, die den Tag prägt. Man denkt, wie es wohl den anderen Schiffen geht, welches Segel wohl "Varuna" nutzt, wie ist die Stimmung auf "Dantes" und "High Yield" und auf "Red" ist. Wir kennen ja viele der anderen sehr gut, und man würde zu gern einmal einen Blick in deren Cockpit werfen.

In diesen Zeiten abgeschnitten zu sein ist eigenartig. Was machen die World News? Trump und die Nato? Wir haben einen Freund in Hamburg gebeten, uns wenigstens das Minimum zu schicken, einmal am Tag ein paar Headlines. Sonst fängt man an, sich zu fragen, ob es jenseits dieses dichten Nebels da draußen überhaupt noch eine Welt gibt.

Malizia On Board

Kleine Stärkung zwischendurch

Apropos, die strenge Anweisung zum Ausweichen vor der Ölplattform kam von einer Frauenstimme. Was hat die wohl 300 Meilen vor Neufundland da hinaus verschlagen ins ewige Eis und Nebel?

Aktuell kleiner Gennaker C6 und ein Reff im Groß – sendet uns weiter gute Winde!

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Boris Herrmann am 12.07.2018

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