Open 60

Herrmanns Marschroute zur Vendée Globe

Bei einer Pressekonferenz in Hamburg stellt das Team "Malizia" von Piere Casiraghi um Skipper Boris Herrmann das Programm bis 2020 vor

Andreas Fritsch am 25.07.2018
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Ricardo Pinto/BMW AG

Für den in Hamburg lebenden Herrmann und seine Fans ist das ein Traum: Sein Open 60 "Malizia 2" segelt vor der  Kulisse der Elbphilharmonie. "Bei der Ankunft bei der Atlantic Anniversary Regatta sind wir bei rund 20 Knoten Wind auf der engen Elbe vor dem Gebäude ordentlich aufgekreuzt,. Das war schon etwas haarig – aber auch sehr cool!"

Fotostrecke: "Malizia"

Bei einem Schlag für die versammelte Presse in Hamburg heute blieben solche Bilder allerdings verwehrt, bei 3 Knoten Wind regt sich selbst eine Hightech-Maschine wie ein topmoderner foilender Open 60 wenig. Trotzdem ein erhabener Anblick, wann bekommen deutsche Segelfans schon einen State-of-the-Art-Open 60 vor der eigenen Haustür zu bestaunen? Noch die nächsten Tage kann das Boot im Race Village des AAR am Sandtorkai bewundert werden. Danach geht es nach Kiel, auch dort können Zuschauer den Open 60 ab Ende nächster Woche im Einsatz sehen.

Zwischen Fototerminen, Filmdrehs und Interviews mit dem "Hamburger Abendblatt" blieb an Bord der "Malizia" kurz Zeit, über die letzten Wochen und die Zukunft zu sprechen. "Wir waren überrascht, wie hart das AAR war. 'Varuna' und seine Crew haben uns wirklich ein tolles Rennen geliefert. Das hatten wir so nicht erwartet." Die Kurse für die "Malizia " waren oft etwas zu tief, es fehlten lange Reach-Anteile, auf denen sie ihre Foils gut ausspielen konnten. So reichte es für die Line Honors, aber nicht für den Sieg nach berechneter Zeit.

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Doch nach dem Rennen ist vor dem Rennen. Im Herbst kommt der erste große Solo-Meilenstein für Herrmann: das Transatlantik-Rennen Route du Rhum nach Guadeloupe. Es wird ein echter Formcheck, wo der Hamburger mit dem Open 60 leistungsmäßig steht. Raum für weitere Entwicklung ist auch schon ausgemacht. Langfristig soll "Malizia" zunächst neue Foils bekommen: "Die werden schon bei weniger Lage funktionieren, länger sein und verstellbar, wie es die neuen Imoca-Regeln jetzt erlauben", so Herrmann – in Richtung der langen Foils der "Hugo Boss". Zudem soll das Wasserballast-System geändert und vielleicht sogar die Bugpartie erneuert werden. "Der Bug steckt manchmal etwas tief drin", so der Hamburger. 

Bei der anschließenden Pressekonferenz mit Team-Eigner und Segelkumpel Pierre Casiraghi erläuterte das Team die vielen weiteren Pläne für die nächsten Zeit. Zusammen mit Team-Sponsor BMW will man sich an die Umsetzung eines alternativen Energiekonzeptes machen: "Wir wollen 'Malizia' mit regenerativem Strom aus Solarzellen, Wind- und Schleppgenerator umstellen", so Herrmann. Das sei zum einen ein Umwelt-Anliegen, aber auch technisch interessant, da die Boote mit rund 300 Liter Diesel und der schweren Maschine fast eine halbe Tonne Gewicht an Bord haben. "Wir denken, wir können da Gewicht sparen", so Herrmann. Dafür kommt BMW mit an Bord, die Batterietechnik aus dem Automobilbau miteinbringen. Drei Stromquellen seien ein solides Fundament, damit das Projekt klappen kann.

Sympathisch und sehr locker kam beim Termin vor der Elbphilharmonie auch Team-Inhaber Pierre Casiraghi rüber. Der Monegasse zeigte sich relaxt, erzählte auf Nachfrage von seiner Seglerfreundschaft mit Boris Herrmann, den er beim Kapstadt-Rio-Race kennenlernte. "Boris bastelte im Hafen allein an einer Antenne an Bord, als ich vorbeikam. Ich habe dann unter Deck Kabel zusammengesteckt, und er hat oben gesagt, was ich machen soll." Beim Segeln hatten sie dann viel Zeit für Gespräche und fanden sich auf Anhieb sympathisch.

"Er ist nicht nur ein Top-Skipper, er ist auch ein Mensch, mit dem man gern Zeit verbringt. Das ist nicht selbstverständlich. Es gibt da draußen viele gute Segler, mit denen man aber nicht auf einem Boot sein möchte", so Casiraghi. Aus der Bekanntschaft entstand das Team, das heute den ersten Start eines Deutschen bei der Vendée Globe 2020 sichert.

Ein Anliegen ist dem Team auch Umweltschutz und eine Sensibilisierung der Kinder dafür. Aus diesem Grund wurde ein Bildungs- und Forschungsprojekt gegründet. An den vielen Orten, die das Team besucht, gibt es Veranstaltungen für den Nachwuchs, denen über den Umweg des Segelsports Meeresschutz nahegebracht werden soll. Wie wichtig man ihn nimmt, wird dadurch deutlich, dass Herrmann für die Rennen zukünftig eine rund 25 Kilo schwere Messeinheit des Kieler Institutes Geomar mitführen wird. Sie sammelt Daten über den Kohlendioxid-Gehalt des Wassers und weitere Eckdaten, an denen die Forscher brennend interessiert sind, da die Boote bei den Regatten an Punkte in den Ozeanen kommen, die nur sehr selten von Forschungsschiffen befahren werden.

Abschließend stellte sich noch die Frage, ob das Team "Malizia" nach der Änderung des Volvo Oceans Race hin zum Format mit Open 60 auch dort starten werde. "Für uns ist das super spannend. Für die Sponsoren ist das die Möglichkeit, ohne allzu großen Mehraufwand einen zweiten Top-Event abzudecken. Und wir haben beim AAR gerade gesehen, wie es ist, das Boot mit fünf Mann zu segeln. Ich bin sicher, das Rennen wäre mit mehr Teams besetzt, und schneller wären wir sicherlich auch!" Doch dafür müsste zunächst das Budget stehen, zurzeit konzentriert man sich auf den Start der Vendée Globe 2020, dem Meilenstein für die deutsche Segelgeschichte, wenn Herrmann dort als erster Deutscher an den Start geht.

Andreas Fritsch am 25.07.2018

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